Gedenkmarathon

BERLINER MAHNMAL Die Abstimmung des Bundestages soll Klarheit schaffen

Der Beschluß der Abgeordneten des Deutschen Bundestages über die endgültige Gestaltung des Berliner Mahnmals für die ermordeten Juden Europas ist wie ein Zielband, durch das sich die Debatte der kulturellen und politischen Öffentlichkeit des Landes zu diesem schwierigen Thema mit letzter Kraft schleppt. Vorangegangen ist ein fast zehnjähriger Marathon voller Mißverständnisse, guter Absichten, Peinlichkeiten und Blamagen. Zwei Wettbewerbe und drei umfassende Kolloquien wurden benötigt, um einen Minimalkonsens über die Gestaltung des Denkmals in der Nähe des Brandenburger Tores auf dem ehemaligen Grenzstreifen zu erzielen. Die zur Abstimmung stehende Auswahl beschränkt sich nun auf zwei höchst unterschiedliche Gedenkmodelle: Peter Eisenmans Stelenfeld mit einer wie immer gearteten informatorischen Ergänzung und des Theologen Richard Schröders volkspädagogische Mahnung »Du sollst nicht morden«.

Die zur Entscheidung stehenden übriggebliebenen Lösungen lassen leider vergessen, welche überzeugenden Lösungen es in diesem heiklen Wettbewerb auch gegeben hat. Dennoch sollte jetzt ein Schlußstrich gezogen werden unter eine am Ende quälende Diskussion. Helmut Kohl hatte im vergangenen Jahr darauf hingearbeitet, das endgültige Votum nicht in den Bundestagswahlkampf geraten zu lassen, was dem gewieften Taktiker auch gelang. Jetzt hat sich Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen des Themas in entgegengesetzter Weise bemächtigt, indem er es gerade in den Wahlkampf für ein neues Abgeordnetenhaus im Herbst dieses Jahres hineinzieht. Diepgen hofft, daß er mit der Ablehnung des Eisenman-Entwurfs und seiner Drohung, Berlin werde sich eventuell einer entsprechenden Entscheidung des Bundestages widersetzen, einen ähnlichen Effekt erzielt wie sein Parteifreund Koch durch den Kampf der CDU gegen den Doppelpaß bei der Hessenwahl. Eigentlich müßte sich Diepgen in dieser sensiblen Frage gar nicht so weit aus dem Fenster lehnen, kann er sich doch zumindest im einstigen Westberlin einer satten Mehrheit für seine Partei sicher sein. Dennoch setzt er auf die Stimmungslage vieler Berliner, die schon lange jene 170.000 jüdischen Bürger ihrer Stadt vergessen haben, die noch Anfang der dreißiger Jahre an der Spree wohnten, bevor sie entweder vertrieben oder vergast wurden. Diepgen fürchtet außerdem künftige Verschmutzungen des Mahnmals und dadurch entstehenden Schaden Deutschlands im Ausland. Über den politischen Schaden seiner Verweigerungshaltung scheint er sich weniger Gedanken zu machen. Indes wurde bekannt, daß die Berliner Senatsbauverwaltung das einst von der Bundesregierung dem Förderkreis für das Mahnmal zur Verfügung gestellte Gelände auch der amerikanischen Botschaft angeboten hat. Eine Geschmacklosigkeit der speziellen Art.

Auch der unglückliche Martin Walser ist noch einmal in die Debatte geraten. Hatte doch der notorische Gegner des fußballfeldgroßen Denkmals kürzlich bei einer Veranstaltung in Berlin-Treptow dazu geraten, die Hauptstädter sollten selbst darüber abstimmen, ob sie es haben wollten oder nicht. Angesichts derartiger Ratschläge, die dazu auffordern, das Projekt wie ein lokalpolitisches Ereignis zu behandeln, steckt eine gewisse Beruhigung darin, daß die Bundestagsdebatte ein derartiges Plebiszit des gesunden Volksempfindens verhindern kann.

Das Funktionsverständnis von Eisenmans Stelenfeld, falls es denn je gebaut werden sollte, bleibt dagegen nach wie vor diffus. Vielleicht erhält es seine verstörende Wirkung durch den künftigen »Umgang« mit ihm, durch seine Bewachung und durch die Formen öffentlicher Begehung. Falls es jedoch dazu dienen sollte, als christlicher Grabstein zur Einfriedung des Judenmordes beizutragen, wäre seine Wirkung verfehlt. Wichtiger sind deshalb in jedem Fall die Erhaltung der authentischen Orte in den Konzentrationslagern und die finanzielle Entschädigung der Naziopfer durch die Bundesrepublik Deutschland. Ein ästhetisches Kranzgebinde wäre ein in jeglicher Hinsicht des Wortes billiger Trost.

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