Gefallener Russky - Verschollenes Monokel

BERLINER ABENDE Das deutsch-russische Museum in Berlin-Karlshorst scheint am Ende der Welt zu liegen. Die Rheinsteinstraße läuft direkt auf die graue Villa zu, ...

Das deutsch-russische Museum in Berlin-Karlshorst scheint am Ende der Welt zu liegen. Die Rheinsteinstraße läuft direkt auf die graue Villa zu, dahinter liegt Niemandsland. Früher war die Gegend teilweise für die sowjetischen Besatzer abgesperrt. Als ich mein Rad am Gebäude abstellen will, bittet mich ein bärtiger Herr energisch, das Gefährt draußen am Zaun zu parken. Auf meine ratlose Miene hin erklärt er, nicht päpstlicher als der Papst sein zu wollen. Aber wenn alle Radfahrer mich sähen, könnte mein Beispiel Schule machen. Ich sehe weit und breit nur mein Rad und vermute die Verkündigung eines Hauschefs. Was ein Museumsmensch mir bestätigt.

Vor fast genau 55 Jahren ist in diesem Haus die Kapitulationsurkunde des Dritten Reiches unterschrieben worden. Keitel klemmte sich zum letzten Mal das Monokel ins Auge und legte seinen Marschallstab an die Tischkante. Sein sowjetisches Gegenüber war Georgi Shukow, der gerade mit seinen Truppen, von den Seelower Höhen kommend, Berlin eingenommen hatte.

Ein guter Ort für die jetzt dort gezeigte Ausstellung Foto-Feldpost. Geknipste Kriegserlebnisse 1939-1945. Die Landser werden nach Kriegsende Mühe gehabt haben, ihre Schnappschüsse von der Front sicher wegzustecken. Solche Dokumente waren nicht mehr gefragt, Fotoapparate, Radios und andere schöne Technik waren bis auf weiteres verboten und wurden kassiert. Die kleinen schwarz-weißen Aufnahmen, die in Karlshorst zu sehen sind, kenne ich aus den Alben meines Vaters. Blockhütten im östlichen Schnee, Soldaten in Unterhemd und Hosenträgern vorm Weihnachtsbaum, ein Gabentisch voll Schnaps und Zigaretten. Die unzerstörte Kathedrale von Smolensk scheint so ziemlich jeder Teilnehmer des sogenannten Russlandfeldzuges aufgenommen zu haben, mein Vater eingeschlossen.

Die Ausstellung zeigt, was um 1940 herum an Kleinbildkameras auf dem Markt war: die Boxkamera Agfa Trolix, die Voigtländer-Zeiss, Leica und Exacta-Kleinbild. Sie wanderten mit an die Front, wo festgehalten werden sollte, dass Vati dabei war. Fotoalben standen bereit, mit den Aufschriften Wehrdienst-Ehrendienst, Kriegserinnerungen, Ehrenchronik. Abgesehen von neckischen Momenten wie Schweineschlachten, Haareschneiden und Feste feiern, von den Soldatenporträts stehend, sitzend, liegend, in Uniform und Badehose, soll vor allem die Überlegenheit der eigenen Rasse demonstriert werden.

Dafür gab es schon im Ersten Weltkrieg gutes Anschauungsmaterial wie dieses: "Russische Kultur - hier laust sich der Vater, hier laust sich das Kind, hier laust sicher der Herr, hier laust sich das G'sind. Ich als Quartiergast sitz' in der Mitt', erst schau ich zu, dann laus' ich mit." Eine Propagandaschrift heißt Unsere Feinde. Charakterköpfe aus deutschen Kriegsgefangenenlagern. In gotischer Schrift hat ein Muschkote aus Weltkrieg zwei auf sein Album geschrieben Noch so einige Typen mehr. Hier aus der Gegend von Orel. Wir sehen sympathische bärtige Physiognomien, die einen gewissen Gegensatz zu den glattrasierten Eroberern bilden. Das Fotografieren von Exekutionen war streng verboten, dennoch wurde es getan. Ein Partisan kniet vor dem selbst ausgehobenen Grab, daneben ein grienender Unteroffizier. "Hier beginnt der Arsch der Welt. gez. Wandel" hat ein Eroberer auf ein Schild geschrieben. Unter einem Foto steht Gefallener Rußky.

Alltag im Krieg. Selten sieht man Verwundete, einmal die feierliche Beerdigung eines Gefallenen. Die Truppe ist in Reih und Glied angetreten. Es war wohl noch nicht die Zeit der panischen Rückzüge. Ein vorsichtiger Soldat hat unter eines seiner Bilder geschrieben: auf dem Rückmarsch im Februar 1943. (Frontverkürzung). Für die nicht fotografierenden Volksgenossen erscheint im selben Jahr ein Album mit schönen Landschaftsaufnahmen: Kaukasus 1942. Vor den Berggipfeln Soldaten. Eine Stimmung wie auf Urlaubsdias. Das Niederlagenchaos wird ausgeblendet. Nur wenige Fotos zeigen den Realismus des Krieges und Mitgefühl mit dem Feind. Er habe selbst alles so erlebt, hat Günter Grimm ins Gästebuch geschrieben.

Vor 55 Jahren berichtete am 23. April der Panzerbär auf Seite 1: "Bahnhof Köpenick zurückerobert". Zwei S-Bahnstationen vor Karlshorst. Fotos wurden wohl keine mehr geknipst. "Die Menschen, die damals gelebt haben, tun mir leid. Ich hätte ihnen ein besseres Leben gegönnt", schrieb Julia ins Gästebuch. Und ein anderer Jugendlicher:"Hidler war bescheuert." Dem ist nichts hinzuzufügen außer, dass die gute Ausstellung noch bis 12. Juni zu sehen ist.

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