Gendarmen markt für alle

BERLINER LUFTHOHEIT Ein Plädoyer für die CDU-PDS-Koalition

Berlin ist die Stadt der doppelten Buchführung (Ben Wargin). Auch zehn Jahre nach dem Mauerfall gibt es Vieles zweimal, darunter die beiden heimatverbundenen Regionalparteien, CDU (West) und PDS (Ost). Erstaunlich, wie sich diese Biotope in ihrem fremdelnden Gestus ähneln. Beide Parteien bezeichnen sich zumindest in Berlin als Verlierer der Einheit. CDU-Fraktionschef Klaus Landowsky schildert in regelmäßigen Abständen den Bedeutungsverlust als Bannerträger der Freiheit nach dem Zusammenbruch der beiden Eisblöcke des Kalten Krieges, aber auch die materiellen Einbußen, die durch die ebenso zügige wie kategorische Streichung des Zuschlages für Westberliner Arbeitnehmer entstanden sind. Wer könnte diese Haltung nicht stärker miterleiden als jene Nutznießer der Rolle, die die DDR-Hauptstadt vor der Wende einahm. Wenn es je Bananen und Apfelsinen gab, sie gingen stantepede nach Berlin. Heute genießt die Segnungen des Südens jeder Bundesbürger, mit ihrem Besitz ist keine soziologische Aufwertung mehr verbunden. Im Gegenteil. Außerdem: So wie einst Schwaben und Rheinländer nach Westberlin zogen, um Subventionen zu kriegen oder sich einfach nur vor der Bundeswehr zu drücken, so lockten Karriereaussichten und Versorgungszulagen viele jüngere, vornehmlich sächsische Menschen an die Spree. Da sitzen sie nun vereint in den beiden Stadthälften und betrauern das Verlorene. Jammerwessis zieht es zur CDU, momentan bei knapp 40 Prozent, Jammerossis zur PDS, ebenfalls um die 40 Prozent. Sie sind sich zwar ihrer jeweiligen Hausmacht, aber nicht deren expansiven Potentialen bewusst. Allzusehr sind beide Parteien noch in den historischen Abgrenzungsritualen verhaftet. Wofür es zahlreiche Beispiele im Wahlkampf gibt. Im Westen hängen von Spandau bis Zehlendorf an buchstäblich jedem Baum und jeder Straßenlaterne Plakate mit den Köpfen von CDU-Kandidaten. Sie lachen dich bieder und vertrauenerweckend an und haben verstänliche Botschaften wie die jenes Spandauers, der sich als dynamisch,demokratisch,deutsch zu erkennen gibt. Eine ähnliche definitorische Lufthoheit hat die PDS zwischen Hohenschönhausen und Köpenick. Auch sie zeigen Kopf und bieten leicht konsumierbare Spots wie »Drei für Lichtenberg« oder »Nimm drei«. Aber ist ihre Parole »Berlin für alle« nicht bereits eine Werbung für den historischen Kompromiss?

Wem es um das weitere Zusammenwachsen der Stadt geht, der sollte sich für eine CDU-PDS-Koalition einsetzen. Also, Erststimme für die eine, Zweistimme für die andere Partei. Und es scheint so, als ob es Anzeichen dafür gibt, dass auch Berliner Politiker mit dieser Variante spielen. Kürzlich bei Sabine Christiansen in der ARD waren sich der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) und der PDS-Vorsitzende Lothar Bisky verdächtig einig. Beide forderten eindringlich wie lautstark soziale Gerechtigkeit für die schwierige Stadt und hörten sich ansonsten verständnisvoll grienend zu. Muss man noch darauf hinweisen, dass Diepgen wie Gregor Gysi zu den wenigen Urberlinern der Stadt gehören?

Auch die unorthodoxe Initiative des Marzahner CDU-Kreisvorsitzenden Elmar Pieroth (West), sich mit der Berliner PDS-Chefin (Ost) Petra Pau regelmäßig auf einer Gesprächscouch zu versammeln, trägt zur Deeskalation bei. Selbst dass inzwischen herausgekommen ist, die CDU-Teilnehmer an der Runde hätten anschließend Berichte und Personencharakteristiken verfassen müssen, hat die Lage nur unwesentlich verdüstert. Schließlich war das Berichtswesen auch in der DDR hoch entwickelt, wie jeder weiß.

Weshalb das Zusammengehen der beiden Heimatparteien ein Muss ist. Sie sind als einzige geeignet, die kulturellen Konflikte der Stadthälften zu versöhnen. Machtpotential plus Machtpotential gleich Neutralisierung. Unter dieser Regierung wird es keinen Streit geben, ob die Mitte (Ost) oder die Mitte (West) mehr vernachlässigt wird, denn alles ist künftig Mitte. Getreu der alten DDR-Losung: Wo wir sind, ist vorn. Und wenn wir hinten sind, ist hinten vorn.

Dann muss auch keine Leserin, wie kürzlich geschehen, in der Berliner Morgenpost jammern: »Wir haben hier ja leider keinen Gendarmenmarkt.« In jedem Stadtbezirk wird einer gebaut, falls gewünscht. In Spandau oder Treptow, in Hellersdorf oder Wilmersdorf. Und Walter Momper (SPD) darf Projektleiter werden.

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