Goethe ohne Nöte?

JAHRESBILANZ Das Kultur institut schließt alte Türen und öffnet neue

Manchmal sind halbe schlechte Nachrichten schon fast eine gute Botschaft. Zumindest wollte der Präsident des Münchner Goethe-Instituts, Hilmar Hoffmann, auf der Jahrespressekonferenz der Organisation in Berlin es nicht als Hiobpost verkaufen, dass statt der angekündigten 18 Schließungen von Häusern in aller Welt nur zehn realisiert werden. Das Goethe-Institut in Genua konnte in letzter Minute gerettet werden, weil einheimische Politiker aus der Region und der Hafenstadt Mittel zur Verfügung stellten. Was zwar hilfreich, aber eigentlich peinlich genug ist. Durch die Intervention der Bundesregierung, die kürzlich elf Millionen Mark zugesagt hatte, um den verordneten Sparetat abzusenken, konnten unter anderem Los Angeles, Boston, Turin, Singapur, Madras, Luxemburg und Atlanta fürs Erste ihre deutschen Kulturinstitutionen behalten. Die zugesagten Mittel gelten nur für das kommende Jahr. Danach mahlen die Sparmühlen von Neuem. Zurecht stellte deshalb der Generalsekretär des Goethe-Institutes, Joachim Sartorius, kritisch fest, dass die Spardiskussionen die inhaltliche Arbeit verdecken. Dennoch wollte er keine Legitimationskrise der auswärtigen deutschen Kulturpolitik feststellen. Wobei er sich auf die gerade abgelaufene Bundestags-Debatte zu diesem Thema bezog.

Trotzdem bleibt ein fader Nachgeschmack. In einer Welt der internationalen Finanzmärkte, die ganz andere Summen als Spekulationskettenkarussel um den Erdball befördert, wird die Forderung nach der Vielfalt der Kulturen in eben dieser Welt zur Dekorationsware. Da helfen auch jene kurzfristigen Geldspritzen wenig, die von Bundeskanzler Schröder und dem Kulturstaatsbeauftragten Naumann aufgebracht wurden, um weitere Schließungen bis auf Weiteres zu vermeiden. "Wir werden zehn sehr erfolgreiche Standorte aufgeben müssen, die nicht nur der deutschen Außenpolitik, sondern auch unseren vielen Freunden vor Ort fehlen werden", so Hoffmanns bitteres Resümé.

Vor diesem Hintergrund muss auch der Versuch gesehen werden, das Goethe-Institut und die kulturelle Mittlerorganisation der Bundesrepublik INTER NATIONES zu einer Organisation zu fusionieren. INTER NATIONES, in Bonn ansässig und vom Bundespresseamt sowie vom Auswärtigen Amt finanziert, hat in den vergangenen Jahrzehnten vor allem eine verdienstvolle Arbeit als Sprachenmittler und als kulturelles Betreuungszentrum für ausländische Gäste geleistet. Dass sich unter seinen 150 Mitarbeitern Unruhe ausbreitet, ist verständlich. Eine mögliche Fusion muss durch die Mitgliederversammlungen von Goethe und IN mandatiert werden. Beide Gremien tagten im November und erteilten entsprechende Aufträge an die jeweiligen Generalsekretäre. INTER NATIONES allerdings nur unter der Bedingung, dass aus der Fusion ein neues Drittes entstehe. Im Goethe-Institut ist man dagegen für eine Übernahme, was bei einer Mitarbeiterzahl von 3400 und einem Jahresetat von 360 Millionen Mark nicht verwundert. Dennoch wäre ein Zusammengehen "nach Artikel 23" sicher problematisch. Die Vereinigung Deutschlands hat gezeigt, wie belastend ein Einigungsvertrag ist, der nicht in Augenhöhe geschlossen wird. Die Sache wird dadurch nicht einfacher, dass Hilmar Hoffmann auch der Mitgliederversammlung von INTER NATIONES angehört. Wie groß der dabei möglichwerweise entstehende Interessenkonflikt ist, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Mit den Fusionsverhandlungen wollen Sartorius und der Generalsekretär von INTER NATIONES, Peter Sötje, im Spätsommer nächsten Jahres fertig sein. Die erhoffte Fusionsrendite dürfte spärlich ausfallen, zumal IN Standortgarantien für Bonn und Garantien für den Personalbestand fordert. Vielleicht ist ja eine geistige Fusionsrendite durch einen Synergieeffekt zu erzielen, wie er im Idealfall erreicht werden könnte. Das fordert zuallererst inhaltliche Klarstellung der auswärtigen Kulturarbeit. Das Goethe-Institut hat dazu zehn Thesen formuliert, deren erste lautet: Das Goethe-Institut ist das deutsche Kulturinstitut im Ausland. Das stimmt sicher, dennoch werden INTER NATIONES, der deutsche Akademische Austauschdient DAAD und andere diesen Satz mit hochgezogenen Augenbrauen lesen.

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