Hans im Geld

STIMMUNGSBILD Finanzminister Eichel kommt bei den Deutschen an

Sein Timbre ähnelt dem von Heinz Erhardt. Vielleicht ist er deshalb so populär bei denjenigen, denen er das Geld aus der Tasche ziehen muß. Wenn er in seinem Anzug am Rednerpult steht und zum wiederholten Male den Satz sagt, daß das süße Gift der Staatsverschuldung durch die bittere Medizin der Gesundung ersetzt werden muß, dann holt Deutschland schon mal unterwürfig den Löffel heraus. Hans Eichel ist der Hans im Geld. Eine Idealbesetzung für das Amt des Finanzministers. Wie aus dem Ei gepellt, stets präsent, verteilt er, mit den Händen redend, die finanziellen Ausgaben und Aufgaben neu. Er ist ein Mann in Anspannung, wie gemacht für das deutsche Ethos, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun. Seine Zahlen hat er locker im Kopf. Was er sagt, klingt nachprüfbar. Auch wenn wir gar keine Gelegenheit haben, es zu kontrollieren. Auf den Makroökonomen Lafontaine, der den kleinen Mann mit Visionen ermuntern wollte, ist der Mikroökonom gefolgt, der wie das Schaf am Straßenrand den Pfennig verdient.

Hans Eichel, vormals Oberbürgermeister von Kassel und später hessischer Ministerpräsident, scheint da angekommen zu sein, wo er hingehört. Während der Kanzler in Edelklamotten den Charme des Parvenüs verströmt, bietet der Finanzminister im kleinen Karo das Ambiente des treuen Gatten, der die Schwiegermutter vom Bahnhof abholt und ihre mitgebrachten Kekse lobt. Der SPD-Politiker, der den einen als linker SPD-Mann galt, den anderen als Lusche, wieder anderen als beides, ist ins Rampenlicht gestolpert wie Heinz Rühmann, dieser Lord Byron der Deutschen. Hans zeigt, wo das Glück liegt: In den Freuden der Pflicht, um Thomas Mann zu zitieren, zu denen derjenige gelangt, der sie getreulich erfüllt.

Eichel ist immer á jour. In Fernsehshows sitzt er kerzengerade und gibt nickend allen Diskutanten recht. Wenn jemand nicht seiner Meinung ist, lacht er freundlich und dreht seinen Kopf so schnell wie ein Vogel. Seine korrekte Frisur hält zielgenau den Scheitel, der seit Ewigkeiten festgefügt scheint. Die Frisur ist auf erfrischendste Weise altmodisch und signalisiert Grundsolides. Durch seine disziplinierte Haltung teilt er uns mit, daß er soeben 1,5 Billionen Mark Staatsverschuldung von der Vorgängerregierung übernommen hat. Als ihn in einer Talkshow ein Bochumer Gewerkschafter angeht und über die tobende Stimmung gegen die rot-grüne Regierung an der Basis berichtet, sagt der Minister: »Ich komme gern zu Ihnen.« Das wiederholt er gleich noch mal, damit es keiner überhört. Ob er wirklich hinfahren würde? Steht nicht zur Debatte. Sein grausames Sparprogramm über dreißig Milliarden Mark hat Eichel geheimgehalten mit dem Charme des Indianerspiels. Sowas mögen seine Landsleute, denen es stets lieber um das Wie als um das Warum geht. Sympathisch, wie er seinen Kollegen Scharping dreimal an einem Tag vor sich antreten ließ, bis der Verteidigungsminister endlich vor Eichels Sparforderungen kapitulierte. Kann sich irgendjemand einen Finanzminister Scharping vorstellen?

Schröder, die Rundumleuchte der Regierungsmacht, hat endlich begriffen, wie die Deutschen regiert werden wollen. Von Machern nämlich, die als die Rädchen im Uhrwerk ihr Programm herunterschnurren, deren scheinbare Leidensfähigkeit Emotionen weckt wie in einem alten UFA-Film. Mit Hans Eichel und dem neuen Kanzleramtschef Steinmeier sind die Deutschen ganz bei sich. Vielleicht ist es gut so. Hans Eichel hat immer davon gelebt, unterschätzt zu werden. Der Mann, der einem Loriot-Sketch entsprungen sein könnte, schafft es, komplizierteste monetäre Sachverhalte in schlichteste Gedankengänge zu transformieren. So was kommt an. Nun bleibt es abzuwarten, wie die vielen bitteren Pillen des Finanzressorts von den Fachministerien geschluckt werden und ob Eichels Kollegen ihm genausoviel Akzeptanz zubilligen wie das schlichte Fernsehvolk. Der Einserabiturient könnte ansonsten schnell an seine Grenzen gelangen und den Bettel hinschmeißen wie mancher seiner Vorgänger, beginnend beim legendären Alex Möller. Wenn sie scheitern sollte, könnte sich die agile graue Maus Hans Eichel schnell ins Finanzloch zurückziehen. Aber falls nicht, werden wir sie noch lange lustvoll erleiden.

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