Irritationen der Erinnerung

JÜNGSTE DEUTSCHE GESCHICHTE Wörterbücher, Tagebücher und Bildbände betreiben Spurensuche nach dem Ich

Während meiner Soldatenzeit bei der Nationalen Volksarmee Mitte der siebziger Jahre war ich mir mit einem Freund aus der Kaserne einig, dass man in diesem, aus dem zivilen Leben Geworfensein mit genau 17 Wörtern oder Kurzsätzen auskomme, um buchstäblich jeden Gefühlsausdruck oder jedes Bedürfnis benennen zu können. Ein kleinstes gemeinschaftliches Vielfaches für ein außerordentlich reduziertes, durch Befehle eingegrenztes Lebensgefühl. Unsere Idee war ein Sprachexperiment, das zum Glück weder ausgeführt wurde noch funktionierte. Als ich mich Jahre später daran erinnern wollte, fielen mir nicht einmal jene Begriffe ein, die uns damals erhaltenswert erschienen.

Jetzt ist im Berliner Lukas Verlag ein Wörterbuch der Soldatensprache der DDR erschienen, das die ganze Variationsbreite einer linguistischen Ausdrucksweise zusammenfasst, die nötig war, um den 18-monatigen Wehrdienst relativ unbeschadet an Leib und Seele zu überstehen. Das Buch Der wahre E von Klaus-Peter Möller, der selbst drei Jahre als Unteroffizier bei der NVA diente, zeigt deutlich, wie Sprache als Widerstandsmodell funktionieren kann. Möller hat jahrelang penibel Stichwörter gesammelt, die vom Buchstaben A (Die zehn A: alle anstehenden Arbeiten auf andere abwälzen, anschließend anscheißen, aber anständig) bis Z reichen( Zwölfmann-Deck, das als Vorderdeck der Marine auch Affenlast genannt wurde.) Möllers umfassend zusammengetragenes Kompendium macht deutlich, welchen Stellenwert Sprache als Zeugnis des Geschehenen wie als Erinnerungsinitial besitzt. Wer sein Werk liest, dem werden Worte wieder lebendig, die er einst selbst gebraucht hat, um Frust, Freude oder Zorn auszudrücken, er wird gleichzeitig feststellen, wie sich diese Spezialsprache bis zum Ende der DDR weiterentwickelt hat. Es scheint deshalb nahezuliegen, die vorgefundenen Beispiele aus dem abgeschlossenen Sammelgebiet Volksarmee, die zusammen mit der DDR verschwand, aber gleichzeitig in den Köpfen derjenigen weiterlebt, die dort ihren Dienst, offiziell Ehrendienst, ableisten mussten, als LQI zu bezeichnen, als Sprache des Vierten Reiches. Der Vergleich scheint dennoch gewagt, denn Victor Klemperers Sammlung LTI, Sprache des Dritten Reiches, bildete sich in ungleich gefährlicheren Dimensionen. Dennoch ist der methodische Ansatz ähnlich, er betreibt philologische Untersuchung, weil in der Sprache der Herrschenden wie der Unterdrückten am deutlichsten der Überbau des jeweiligen Systems sichtbar wird. Weshalb geschriebene, aber auch gesprochene Sprache der empfindlichste Bereich gesellschaftlichen Austauschs war und ist. Für einen politischen Witz konnte man in der frühen DDR auf Jahre im Gefängnis verschwinden, so dass selbst aus diesem Tatbestand noch eine Möglichkeit zum Lachen entstand: Welchen Hauptpreis gibt es für den besten politischen Witz? Fünf Jahre Bautzen. Victor Klemperer erinnert sich in seinem Buch LTI, wie er in einem bayerischen Dorf eine Berliner Flüchtlingsfrau kennenlernte, mit der er ins Gespräch kam. "Mir hat es im Vorübergehen schon ein paar Tage lang Vergnügen gemacht, sie mitten im oberbayerischen Land so unverfälschtes Berlinisch sprechen zu hören. Sie war zutunlich und spürte sofort in uns die politische Gesinnungsverwandtschaft. Sie erzählte uns bald, daß ihr Mann lange als Kommunist gesessen habe und jetzt bei einem Strafbataillon, Gott weiß wo, stehe, falls er überhaupt noch lebe. Und sie selber, berichtete sie mit Stolz, habe auch ein Jahr gebrummt und säße auch heute noch, wären nicht die Gefängnisse überfüllt gewesen und hätte man sie nicht als Arbeiterin gebraucht. ›Weswegen haben Sie denn gesessen?‹ fragte ich. ›Na wejen Ausdrücken...‹ (Sie hatte den Führer, die Symbole und die Einrichtungen des Dritten Reiches beleidigt.)"

Wejen Ausdrücken konnte man auch bei der NVA im berüchtigten Militärgefängnis Schwedt landen. "Schwedter Initiative" wurde ein grober Verstoß gegen die Dienstvorschrift genannt, der mit Strafarrest von einem bis zu sechs Monaten bestraft werden konnte. Auch in diesem Begriff waltet Sprache kreativ, denn er knüpft an die Phrasen der DDR an, die aus jeder kleinen Geschichte eine gesellschaftliche Initiative machte. Es würde zu weit führen, die Vielzahl des in diesem Wörterbuch Gebotenen aufzuzählen, beispielsweise die mexikanische Schweigesuppe (ein Druckmittel, um Denunzianten zum Schweigen zu bringen) oder die Schweineleine, jenes Bandmaß, an dem die Soldaten jeden Tag, den sie hinter sich gebracht hatten, mit der Schere abschnitten. Vielleicht wäre es nötig, das Material zu interpretieren, um herauszufinden, wo Offiziere und Mannschaften im Konflikt lagen und wo sie übereinstimmten. Wenn Vorgesetzte die angetretene Kompanie anherrschten "Ihr steht zusammen wie die Schwulis" war mit ziemlicher Sicherheit innerhalb des schikanösen Satzes latent eine mentale Übereinstimmung zwischen Dienenden und Befehlenden gegen Homosexuelle gegeben.

Für Bürger aus den sogenannten alten Bundesländern wird Möllers Buch Der wahre E (E, der Entlassungskandidat des dritten Diensthalbjahres, der bald nach Hause darf) vermutlich eine Schrift mit sieben Siegeln bleiben. Gleichzeitig kann es bei wohlwollender Lektüre ein wenig zur Verständigung des anders Erfahrenen beitragen.

Der untergegangene Kontinent Deutsche Demokratische Republik lebt vor allem in den Erlebnissen seiner Bewohner weiter. Weshalb Erinnerungsindustrie nach wie vor Konjunktur hat. Natürlich hat die Aktenverwaltung der Staatssicherheitsprosa das meiste dazu beigetragen. Durch ihren Protokollcharakter, der Authentizität vorspiegelt, trägt sie jedoch eher zur Vernebelung von Biographischem bei. Es war ja aus durchaus naheliegenden Gründen nicht möglich, dass ein Bespitzelter die Berichte des ihn observierenden Spitzels auf seine Glaubwürdigkeit prüfte und gewissermaßen durch Gegenzeichnen zum Zertifikat adelte. Spitzelberichte wurden erst durch das Öffnen der Akten zum Dokument. Jeder, der sie in seinen Opferakten gelesen hat, weiß um die Fragwürdigkeit des Ganzen. Ein schönes Beispiel ist jener durchaus loyale DDR-Bürger, dessen Sommergrundstück in der Nähe von Honeckers Atombunker lag und den die Stasi deshalb für einen CIA-Agenten hielt. Er wurde jahrelang rund um die Uhr beobachtet, riskierte, weil er von der Beschattung keine Ahnung hatte, subjektiv nichts und objektiv viel und darf sich heute als Held wider Willen fühlen.

Auch in Alexander Osangs neuem Roman Die Nachrichten geht es um die Zwiespältigkeit des Erinnerns. Der Tagesschausprecher Jan Landers wird als IM verdächtigt, seine Hamburger Karriere droht zu scheitern, er fährt nach Fünfeichen bei Neubrandenburg, wo er einst Soldat war und von zwei Offizieren des Ministeriums für Staatssicherheit verhört wurde. Osang lässt die tour de memoire im Zwielicht, weil er sich dessen bewusst ist, wie viele Bereiche unserer Biographie in Grauzonen der Selbstvergewisserung liegen, wo wir mutig aus Feigheit waren oder feige aus Überlebensmut. "Es giebt unzählige dunkle Körper neben der Sonne zu erschließen, - solche, die wir nie sehen werden. Das ist, unter uns gesagt, ein Gleichniß; und ein Moral-Psycholog liest die gesamte Sternenschrift nur als eine Gleichnis- und Zeichensprache, mit der sich vieles verschweigen läßt." (Friedrich Nietzsche)

Weshalb sich auch so viele Politiker in parlamentarischen Untersuchungsausschüssen oder vor Gericht nicht erinnern können. Auch informelle Mitarbeiter der Staatssicherheit können oder wollen sich nicht erinnern. In beiden Fällen müssen die Befragten die Folgen ihrer Erinnerungsarbeit fürchten. Weshalb die Überlegung erlaubt sein muss, ob es nicht Räume für Erinnerung geben sollte, in denen sich Menschen über Getanes klar werden können, ohne gleich die schlimmsten Konsequenzen für sich selbst befürchten zu müssen. Nicht jeder Mensch ist katholisch und verfügt über die Gnade, eine Beichte abzulegen mit Vergebungsgarantie. Christoph Hein hat 1993 in einem Freitag-Interview darauf hingewiesen, dass manche der nach dem Ende der DDR bekannt gewordenen Verfehlungen ja eigentlich erst vor dem Jüngsten Gericht verhandelt werden sollten. Dieser eschatologische Verweis beschreibt das Dilemma irdischer Gerechtigkeit und die Gefahr von Lynchjustiz. Die beruhigend gemeinte Feststellung der Gauckbehörde, es sei ja niemand durch die Veröffentlichung von Stasiprotokollen zu Tode gekommen, relativiert die erhebliche Zahl der Rufmorde und Selbstmorde.

Das Verb Erinnern wird im Deutschen reflexiv gebraucht und transitiv. Aus gutem Grund. Ist es doch ein Unterschied, ob man sich freiwillig an Geschehnisse des eigenen Lebens erinnert oder ob man mit Nachdruck daran erinnert wird. Erinnerung versüßt oder verbittert, sie verfügt über wenig objektive Kategorien. Es zeigt sich im kleinlichen Streit über Daten, wann genau irgend etwas geschehen sein soll, es ist die Regel in Polizeistuben, wo der eine Unfallzeuge ein blaues und der andere ein grünes Auto gesehen haben will.

Spätestens seit Victor Klemperers Tagebüchern wissen wir, wie verlässlich derartige Diarien sein können, wenn sie beinahe sine irra et studio das täglich Erlebte dokumentieren aus der Position des Beobachters, der keine Zwecke verfolgt außer dem einen, Zeitzeuge zu sein. Eine außerordentliche Bereicherung für denjenigen, der die beschriebene Epoche nicht miterlebt und miterlitten hat. Skeptisch blickt man deshalb auf Helmut Kohls jetzt erschienene Notizensammlung Mein Tagebuch 1998 - 2000, das angeblich justament in jenem Moment aufgeschrieben wurde, als die Regierungsmacht des Kanzlers verloren war. Kohls Tagebuch ist eine im Nachhinein entstandene politische Rechtfertigungsschrift voller Erklärungsnöte. Wobei der Autor gern zur Macht der subjektiven Erinnerung greift, er denkt beim Schreiben an die Öffnung des Brandenburger Tores im Dezember 1989, um aus diesem geschichtlichen Akt die generelle Legitimität seines Handelns als Kanzler der Einheit gegen die Vorwürfe illegitimen Tuns moralisch zu begründen. Es ist, als ob ein Dieb vor Gericht darauf verweist, dass er für die Dritte Welt gespendet habe. Tagebuch schreiben als Bitte um mildernde Umstände.

Während Helmut Kohl sich an die befreiende Öffnung des Brandenburger Tores vor elf Jahren erinnert, hat ein im Eigenverlag erschienenes Buch von Jürgen Hartwig Die DDR im Jahr 2000 festgehalten. Hartwig ist auf Spurensuche gegangen, hat im Pankower Städtchen fotografiert, wo einst Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht wohnten, die Karl-Marx-Denkmäler in Neubrandenburg, Chemnitz und Frankfurt/Oder abgelichtet, die Kinderkrippe Bummi in Ribnitz-Damgarten, die Ikarus-Busse in Pasewalk, die Straße der Völkerfreundschaft in Falkenberg und die Straße der DSF in Güstrow. Ein sympathisches Sammelsurium, das ein wenig jenen Entdeckungsreisen von Journalisten der fünfziger Jahre in die einstigen deutschen Ostgebiete ähnelt, die in Breslau oder Danzig entgegen dem polnischen Stimmengewirr auf den Straßen mitzuteilen wussten: Die Steine sprechen deutsch. Was sprechen die Straßenschilder oder noch übriggebliebenen Parolen? DDRisch? Eine müßige Frage für Spurensucher, die hinter der blauen Mauritius des abgeschlossenen Sammlungsgebietes DDR her sind. Und wir denken vielleicht an den Satz Jean Pauls in seinem 1812 in Tübingen erschienenen Artikel Impromtüs, welche ich künftig in Stammbücher schreiben werde: "Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht getrieben werden können".

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