Kirschenentkernen

ANNA SEGHERS Erinnerungen an unsere Nachbarin Anna Seghers

Im Jahr 1950 zog die Familie nach Berlin-Adlershof. Die Wohnungen unserer neuen Heimstatt in der zweiten Etage waren wieder aufgebaut worden, nachdem eine Luftmine den oberen Teil des Blockes 1944 abrasiert hatte. Unser Haus war Teil eines Karrees, wie sie in den zwanziger Jahren gebaut wurden, um Licht, Luft und Sonne hereinzulassen. Der Hof war fast ein Park. Durch die Bäume konnte man die gegenüberliegenden Häuser in der Altheider Straße sehen. Altheider Straße 19 wohnte Anna Seghers, die nach dem Krieg aus Mexiko in die DDR gekommen war. Mein Bruder und ich beschlossen, die berühmte Schriftstellerin ein wenig in Augenschein zu nehmen. Vom Balkon aus äugten wir mit einem Feldstecher quer über den Hof in ihre Wohnung im ersten Stock. Sie saß in der Küche und entkernte Kirschen. Eine ebenso poetische wie profane Tätigkeit. Wir genossen das Spannerdasein, wie man es heute nennen würde. Plötzlich hob Anna Seghers ihren damals schon weißbehaarten Kopf und schaute zum Fenster hinaus. Sie bleckte die Zähne zu einem Grinsen. Wir ließen erschrocken den Feldstecher fallen und fühlten uns ertappt. Woher sollten wir wissen, dass das Objekt unserer geheimen Beobachtung extrem kurzsichtig war und nur reflexartig hinausschaute. Für uns war sie die Seherin, die uns erkannte.

Einige Jahre später zog Anna Seghers in einen Häuserblock ganz in der Nähe von uns, in die Volkswohlstraße, die heute ihren Namen trägt. Ein älterer Bauarbeiter, der gerade eine Schubkarre über ein Brett ins Haus fuhr, teilte uns wichtigtuerisch mit: » Hier zieht eine berühmte Schriftstellerin ein, die Senkers.« Wir verbesserten ihn nicht, wenn ich mich richtig erinnere. Meine Mutter, die mit einigen Freundinnen von Anna Seghers befreundet war, nannte sie in unserem Beisein Annchen Seegras. Das war für eine Frau, die aus dem hanseatischen Bremen stammte, mehr als respektlos und offenbarte eine gewisse Vertrautheit. Anna Seghers kam gerne in unser Haus Silberberger Straße 26, um sich bei der Hutmacherin Olga Mehrlein jene schönen Kopftücher fertigen zu lassen, mit denen sie auf manchen Fotos zu sehen ist. Sie bewohnte bis zu ihrem Tod 1983 in der Volkswohlstraße zwei Wohnungen im obersten Stockwerk. Wir sahen sie, wenn wir aus der Schule kamen, auf dem großen Balkon sitzen. Vielleicht las oder schrieb sie. In der Schule nahmen wir das Siebte Kreuz durch. Es gehört zu jenen Werken, die einem nicht durch die Lehrer verdorben wurden. Es setzte sich selbst gegen die Interpretationsversuche von Pädagogen durch. Während mein Spielkamerad Knut Megelski mir aufgeregt mitteilte, er habe einen westlichen Agenten in der Winterbergreihe, heute Husstraße, entdeckt, machte Anna Seghers Tag für Tag ausgedehnte Spaziergänge, meist in die Köllnische Heide. Sie ging am Arm von Berta Waterstradt, Steffi Spira oder Frau Schemionek. Ihr Gang war asymetrisch, von der sie umgebenden Welt schien sie wenig wahrzunehmen. Der Spaziergang war ihr offensichtlich mehr Pflicht als Lust.

In den siebziger Jahren besuchte ich sie in ihrer Wohnung, um ein Interview mit ihr abzustimmen. Das geschah schnell und unproblematisch. Sie fragte mich, ob denn die Hutmacherin bei uns noch arbeite. So abwesend, wie sie wirkte, war sie nicht. Sie wusste genau, in welchem Haus ich wohnte. Ich erinnere mich an ihre Sprache, ein langgezogener Klang, fremd für unsere Ohren, die noch nicht in Rheinhessen gewesen war. Als ich später Carl Zuckmayer im Fernsehen hörte, wusste ich, wo die Sprache von Anna Seghers ihre Wurzeln hatte. Da, wo Georg Heisler zu Hause war, in den Rheinebenen, die wir nicht kannten, so wie deren Bewohner damals vielleicht ihre berühmteste Mitbürgerin nicht kannten. Zu ihrem 75. Geburtstag schrieb ich an mehrere Schriftsteller und Künstler und fragte sie nach ihrem Verhältnis zu Anna Seghers. Von Fred Zinneman, der 1944 das Siebte Kreuz in den USA verfilmt hatte, kam ein Brief, den ich heimlich verschwinden ließ. Ich hätte ihn Anna Seghers schenken können, denn an ihrem Geburtstag brachte ich ihr als Berichterstatter einen Blumenstrauß. In einem Beitrag des ARD-Kulturreport war neulich zu sehen, wie Kurt Hager und andere Kulturoberen ihr gratulierten. Im Hintergrund sah ich mich stehen, in Anzug und Krawatte. Der Moment war so kurz, wie jener Mitte der fünfziger Jahre, als Anna Seghers einen raschen Blick auf uns warf, der mir zu einer langen Erinnerung wurde.

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