Komische Opern

SPARPROGRAMM Berlin fusioniert Reichtum zu Mangel

Der Ton macht die Musik. Das dachte sich vermutlich Berlins stets gut gelaunter Kultursenator Christoph Stölzl, als er am Freitag, dem 13. Oktober, strahlend den langsamen Tod der Berliner Opernlandschaft verkündete. Solcherart Strangulierung des über Jahrhunderte Gewachsenen nennt man heutzutage Masterplan oder Reformpapier. Als Stölzls Vorvorgänger Ulrich Roloff-Momin vor sieben Jahren das Schiller-Theater für immer schließen ließ, geschah das noch Knall und Fall und ohne euphemistische Erklärungen. Stölzl handelt dagegen wie der berühmte Bettnässer, der zum Psychologen in Behandlung kommt und nachher stolz auf sein unheilbares Leiden ist. Der Kultursenator muss vermutlich die finanzielle Niederlage als seinen Erfolg verkaufen, weil ihm gar nichts anderes übrigbleibt. So sollen die beiden renommierten Häuser Staatsoper Unter den Linden und Deutsches Opernhaus zu den sogenannten "Opernbühnen Berlin" fusioniert werden. Eine Generalintendanz steht ins Haus, um Chöre, Werkstätten, Technik, vor allem aber Finanzen zu einem gemeinsamen Ganzen zu funktionalisieren. Die Orchester dürfen ihre Eigenständigkeit bis auf Weiteres behalten, aber auch bei ihnen werden 70 Stellen gestrichen. Vielleicht können einzelne Instrumentengruppen am Abend per Bus über die Ost-West-Achse von einem Haus zum anderen fahren, die Entfernung beträgt bei guten Bedingungen kaum mehr als 20 Minuten. Einen Tag, bevor Stölzl seine Planung vorstellte, hatten sich der Bund und das Land Berlin über Einzelheiten der finanziellen Bundesbeteiligung an der sogenannten Hauptstadtkultur geeinigt. Zuzüglich zu den bereits bekannten Geldspritzen für die Berliner Festspiele, das Jüdische Museum, das Haus der Kulturen der Welt und der Betreibung des verwaisten Martin-Gropius-Baus werden im Rahmen des Hauptstatdkulturfonds bestimmte "innovative Projekte und Veranstaltungen" unterstützt, was immer man darunter verstehen mag. Vielleicht ist ja Stölzls geplante Fusion gemeint. Dann würde sich nämlich auch der Satz des Vertrages erklären, dass die Wahrung des "reichen kulturellen Erbes" die Stadt allein überfordern würde. Über soviel Zynismus darf gelacht werden.

Ob sich die kühnen Überlegungen des Kultursenators durchsetzen lassen, steht in jenem Sternenhimmel, den Karl Friedrich Schinkel 1816 zur Zauberflöte in dem Schnürboden der ehrwürdigen Staatsoper Unter den Linden leuchten ließ. Vielleicht zählt auch solche Erinnerung zum reichen Erbe. Aber es geht sowieso weniger ums Zählen als ums Zahlen. Drei Bühnen sind seit der deutschen Vereinigung an der Spree den Bach runter gegangen: Das Schiller-Theater, die Freie Volksbühne und das Metropoltheater. Das bekannte Theater des Westens dürfte als hoffnungslos überschuldetes Unternehmen die nächste moribunde Bühne sein. Trotz all dieser pessimistischen Signale ist der Stellenhunger groß. Der designierte Intendant des Deutschen Opernhauses, Udo Zimmermann, hat schon angekündigt, dass er gern den fusionierten Laden übernehmen würde. Von Daniel Barenboim hat es noch keine Stellungnahme gegeben.

Die Komische Oper darf vorerst allein weitermachen, muss aber auch 20 Stellen beim Orchester einsparen. Tendenz Kammermusik. Die Ballettensembles der drei Opernhäuser, die meist gut ausgelastet sind, sollen gleichfalls fusionieren und im Gleichschritt tanzen.

Leider wird Christoph Stölzl mit seinem Masterplan, der das Kulturdefizit von 20 Millionen Mark reduzieren soll, eines nicht erreichen. Er wird keinen Aufschrei produzieren, die Finger von solchen Formierungen des Einheitsbreis zu lassen. In Berlin denkt man pragmatisch und leistet sich nur wenig Träume. Höchstens den vom Wiederaufbau des Hohenzollernschlosses. Vorhandenes wird ungnädiger behandelt. Vielleicht aber ist der ganze Plan nur Ausdruck für die weitere Zentralisierung der Berliner Republik, der Vereinheitlichung und Kanonisierung auch ihrer kulturellen Äußerungen. Weshalb die Schere außer bei den berühmten Opernhäusern vor allem bei den freien Gruppen und Ensembles angesetzt wird. Diese höchst originelle Landschaft wird weitgehend von Zuschüssen befreit. Die Stadt beraubt sich ihres besten Kapitals, das sich allerdings nicht rechnen lässt, ihrer Weltbedeutung als kulturelles westöstliches Laboratorium. Aber auf einen Regen aus den UMTS-Milliarden zu hoffen, bedürfte in diesem Fall der brotlosen Kunst der Einbildung. Das fünfte Rad am Wagen braucht keine Bereifung.

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