Krawattenfussball

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Wenn Hertha BSC wieder einmal einen seiner schönen Siege eingefahren hat, beginnt im Berliner Olympiastadion ein heulender Gesang, als ob in der Eckkneipe die Sperrstunde ausgerufen wurde. Dann stimmen die Fans inbrünstig das grauenhafte Lied »Nur nach Hause, nur nach Hause, nur nach Hause gehen wa nich« an. Verbrochen hat diesen Song im Schlaftablettentakt der Schlagersänger Frank Zander selig. Es wird so sein, dass Zander für die Schmonzette Tantiemen kassiert, das Lied dürfte sich längst amortisiert haben, moribund ist es allemal. Überhaupt ist das Ambiente bei der alten Dame Hertha deren Namen angemessen. Auf der Stadionleinwand flackert vor Spielbeginn ein Streifen, wie von den Brüdern Skladanowsky gedreht. Er zeigt Herthas Deutsche Meisterschaft von 1931. Die letzte. Überhaupt war Berlin mit ersten Plätzen beim Fußball nicht gesegnet, 1922 wurde Union Oberschöneweide deutscher Vizemeister. Nur der Schiebermeister BFC hatte im Osten neunmal hintereinander die Meisterkrone errungen, bis gar keiner mehr hinsehen wollte. Heute kickt der BFC in der Regionalliga Nordost, und Erich Mielke geht schon lange nicht mehr hin.

Inzwischen ist auch bei Hertha der übliche Krawattenfußball angesagt. Trainer Jürgen Röber tauschte beim Spiel gegen Chelsea London seine Trainingsklamotten gegen einen grauen Anzug mit gedecktem Schlips. Manager Dieter Hoeneß steckte ebenfalls im Konfirmandenzeug. Seinen Part zur Hertha-Veredelung trug Rudi Scharping bei, der auf einer Pressekonferenz Mitte Juni in Bonn die schwerwässrige Botschaft verkündete: »Wenn man außenpolitisch Bayern München oder Hertha BSC sein will, also Champions League, dann kann man nicht Mönchengladbach sein oder so ...«

Bis jetzt hat Hertha gegen Galatasaray und Chelsea wider Erwarten gut ausgesehen. Wenn dieses Blatt erschienen ist, dürfte man gegen Mailand verloren haben. Eine Frage der Höhe. Unterschätzen wird diese Mannschaft kein internationaler Gegner mehr. Sie lebt von den parterreakrobatischen Einlagen ihres Torwarts Kiraly, von den Schlangenläufen eines Dariusz Wosz, den präzisen Freistößen Sebastian Deislers, den Kopfballraketen Ali Daeis, den Abstaubertoren von Micha el Preeetz sowie den Leistungen der Arbeitstiere Andreas Schmidt, Dick van Burick und anderen. Eine ganze Mannschaft ist verletzt: Rekdal, Sverisson, Rehmer, Hartmann, Tretschok, Thom, Herzog, Roy, Tchami, Covic, Mandreko. Die dicke Brieftasche des Vereins polstert die Verluste, gerade erst wurde der frühere Bayer Thomas Helmer an die Spree gelockt. Dennoch könnte es passieren, dass sich der Verein in den internationalen Spielen buchstäblich zu Tode siegt. Gegen den SV Unterhaching winkte deshalb als Stimulans für jeden Spieler eine Gewinnprämie von 5.000 Mark. Man trennte sich mit einem schlappen Eins zu Eins. Herthas Pfund sind die über 50.000 Zuschauer, die bei jedem Heimspiel ins Stadion kommen. Dass zuweilen der Text der Zander-Schnulze gewechselt wird, dass man nicht nach Auschwitz, nicht nach Auschwitz, nicht nach Ausch witz gehen will wird dabei von den verantwortlichen Hertha-Funktionären gern überhört. Was auf dem Rasen immer besser aussieht, hat auf den Rängen noch keine Entsprechung gefunden. Dort regiert größtenteils die Steinzeit. Und es ist auch nicht der Gipfel an Intellektualität, wenn kahlköpfige Fans statt »Sieg heil« neuerdings »Schult heiss« grölen. Vielleicht kann sich der Hertha fan Scharping der Sache annehmen. Dafür würde man selber gern mal nicht nach Hause gehen.

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