Minenfeld

GELDTRANSFERS Der Bund unterstützt die Berliner Kultur, kann aber keine Probleme lösen

Anfang 1913 schrieb der Schriftsteller Carl Hauptmann zwei Briefe an den Generaldirektor der Bayerwerke in Leverkusen, seinen ehemaligen Schulfreund Carl Duisberg. Darin bat er den Industriellen um "ideelle Förderung" und "Fühlungnahme" für den "wunderbarsten Kulturplan", der, "wenn er Eure und einiger anderer industrieller Machtmänner Unterstützung fände, sich weiter zu einem vorbildlichen Werke des Friedens und zu einer wirklich sichtbaren Krönung der deutschen Industrie entfalten könnte." Hauptmann empfiehlt ihm den Kontakt mit dem Berliner Theaterintendanten Max Reinhardt:"Er denkt an Euch, 'Fürsten der Arbeit', weil Ihr die Arbeit der Massen organisiert habt, aber die Muse der Massen noch nicht in einem großzügigen und positiven Sinne habt organisieren können (panem et circenses)."

Duisberg verstand den Brief als "Schnorrerei" und reagierte ablehnend. Seitdem scheint nicht allzuviel Zeit vergangen zu sein, wenn man an die Bemühungen Berliner Kulturpolitik denkt, zu Geld zu kommen. Das jedoch ist noch knapper als 1913. Vor solchem Hintergrund wirken die Bemühungen des Kultursenators, Rahmenbedingungen für die Hauptstadtkultur zu schaffen, stets etwas hoffnungslos. Natürlich hat Christoph Stölzl Recht, wenn er jetzt versucht, beispielsweise einen Haushaltsparplan für die Bühnen zu erstellen, der den renommierten Instituten nicht die Luft zum Atmen nimmt. Stölzl weiß, dass er über ein Minenfeld läuft, das ihm von seinen Vorgängern freundlich überlassen worden ist. Vor allem Peter Radunski(CDU), dem wir den schönen Begriff Bemühenszusage verdanken, hat durch seine unrealistischen Versprechungen dafür gesorgt, dass der gesamte finanzielle Kulturhaushalt gefährlich ins Rutschen gekommen ist. Wie soll Stölzl die Theaterintendanten da einerseits bei Laune halten und ihnen andererseits bittere Sparpillen verordnen? Wie will er beispielsweise die Macht der drei Opernchefs beschneiden? Werden sie seine Vorschläge zum Personalabbau, zum gemeinsamen Management und zur finanziellen Selbstverantwortung mittragen? Was Radunski durch seine vorauseilenden Zusagen gefährdete und Christa Thoben durch Bürokratie, muss Christoph Stölzl durch energische Konzilianz, falls es so was geben sollte, wieder ins Gleichgewicht bringen. Gleichzeitig muss er Klimapflege betreiben, um das schlechte Verhältnis zwischen Bundesregierung und Senat nicht noch weiter zu belasten. Was gelungen zu sein scheint, weil der Bund jetzt bei sieben Berliner Kultureinrichtungen die Übernahme des Landesanteils plant, darunter die Finanzierung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, des Jüdischen Museums, der Berliner Festspiele, des Hauses der Kulturen der Welt und des Martin-Gropius-Baus. Der Streit darüber, ob der Bund auch für die Berliner Philharmoniker verantwortlich sei, war ebenso lächerlich wie gefährlich.

Als Kultursenator Ulrich Roloff-Momin 1993 das Schillertheater schloss, gab es einen gewaltigen Aufschrei in der Stadt. Roloff-Momins entschlossene Amputation hat letztendlich zur totalen Lähmung geführt. Das Theateropfer wurde statt zum hilfreichen Beispiel konsequenter Sparpolitik zum Menetekel ignoranten Verwaltungshandelns. Niemand wird sich mehr trauen, einer verschuldeten Bühne der Stadt ans Leder zu gehen. Selbst wenn es berechtigt wäre. Der Präzedenzfall Schillertheater hat zur größten Vorsicht aller Beteiligten geführt, zu einem Patt, das sich inzwischen auch auf die künstlerische Qulität der Bühnen auswirkt, die beinahe jedes Risiko scheuen.

Wenn es Christoph Stölzl trotz der finanziellen Vereinbarungen mit Kulturstaatsminister Michael Naumann (SPD) nicht gelingt, die nötigen Reformen durchzusetzen, könnte es in Berlin bald den nächsten Kultursenator geben. Das würde vielleicht für die nötige Schadenfreude sorgen, aber für mehr auch nicht. Die Frage, ob Stölzl scheitert, ist auch eine Frage nach den leistungsfähigen föderalen Strukturen.

Die Gewichte haben sich allerdings schon verschoben. Während Carl Hauptmann noch an den vermuteten Idealismus eines Carl Duisberg appellieren konnte, bekommt heute ein gescheiterter Manager des Mannesmann-Konzerns eine Abfindung von 60 Millionen Mark. Das ist genau die Hälfte jener Summe, die der Bund einst der Stadt Bonn an jährlicher kultureller Finanzhilfe zukommen ließ. Berlin kriegt erheblich weniger. So einfach ist das, und so kompliziert.

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