Not als Tugend?

BERLIN Der designierte Kultursenator empfiehlt Frohsinn

Nur den Fröhlichen gehört die Zukunft", hat der designierte Berliner Kultursenator Christoph Stölzl dieser Tage mitgeteilt. Ein merkwürdiger Satz, der an das berühmte Pfeifen im Wald erinnert. Vielleicht meint Stölzl, der sich in seinem früheren Berufsleben als Direktor des Deutschen Historischen Museums der Gnade des einstigen Bundeskanzlers Kohl stets sicher sein konnte, dieser unerwartete Optimismus für sein künftiges Arbeitsgebiet sei schon Teil einer neuen Politik. In seinem Buch Die fröhliche Wissenschaft schreibt Friedrich Nietzsche im Kapitel Kenntnis der Noth: "Vielleicht werden die Menschen und Zeiten durch Nichts so sehr voneinander geschieden als durch den verschiednen Grad von Kenntnis der Noth, den sie haben: Noth der Seele wie des Leibes."

Stölzls Problem wird es sein, die Not seiner Partner zu erkennen, in Kunst wie in Politik. Schließlich hat er es mit einem Chef zu tun, dessen Verständnis von Kultur bei der einstigen Rias-Kaffeetafel im Schöneberger Prälaten mit Kurt Pratsch-Kaufmann stehengeblieben zu sein scheint. Von dieser niedrigen Basis aus schimpfte Eberhard Diepgen im Abgeordnetenhaus auf "abgelatschte Theater" und "abgetanzte Künstler". Der neue Kultursenator wird also als erstes herauskriegen müssen, welche Theater und Künstler der Regierende Bürgermeister meint. Eine bisher unter Verschluss gehaltene Studie des Senats warnt vor dem Niedergang zahlreicher kultureller Institutionen, die nicht mehr bezahlt werden können. Nach der Methode Haltet den Dieb versucht Diepgen jetzt, den Schwarzen Peter den Bühnen zuzuschieben. Als ob jene renommierten Institutionen, denen die Stadt einen gewissen Bekanntheitsgrad verdankt, das Übel aller Konfusionen seien. Geht man nach Diepgens Westberliner Sozialisationserfahrung, müssen jetzt vor allem im Osten die Alarmglocken schrillen. In der Volksbühne, dem Maxim Gorki Theater und in der Komischen Oper. Eines dieser berühmten Theater könnte über den Jordan gehen, gewissermaßen als adäquates Sühneopfer für die Schließung des Schillertheaters 1993 in Charlottenburg. Gründe für den Stopp gibt es genug, bei der Volksbühne könnte es beispielsweise der mangelhafte bauliche Zustand des Hauses sein. Die kurzfristige Streichung der bereits zugesagten neun Millionen Mark für die Renovierung durch den Senat erscheint plötzlich in einem ganz anderen Licht. Auf dem Gorki Theater liegt ein Rückübertragungsanspruch der Berliner Singakademie, der das Haus vor dem Krieg gehörte. Und die Komische Oper ist womöglich asbestverseucht...

Jetzt rächt sich das Schisma Berlins, in dem immer noch säuberlich nach Ost und West geteilt wird, ein Zustand, der jeden Auswärtigen aufs Höchste irritieren müsste, nur die Einheimischen nicht. Christoph Stölzl hat deshalb nicht zu Unrecht auf die verschiedenen Quellen verwiesen, aus denen sich Kunst und Kultur der Stadt speisen: das preußische Erbe sowie die Aktivitäten der beiden Stadthälften, die früher besser verstanden, dass Kultur ein produktives Kapital ist. Es bleibt abzuwarten, wie Stölzl die verschiedenen Ströme kanalisieren wird und kann. Die fast zehnjährige Diskussion um die Museumsinsel zeigt, wie festgefahren die Meinungen über den Wert dieses Schatzes sind. Erst als die Insel auf die Liste des UNESCO-Erbes kam, bewegten sich auch Berlins Politiker. Allerdings im Schneckentempo, wenn man bedenkt, wie zögerlich Wirtschaftssenator Branoner (CDU) jene fehlenden 25 Millionen Mark aus einem EU-Topf herausrückte, die in das Paket mit Bundesgeldern fließen sollten. Christa Thoben war das Geld noch unter fadenscheinigen Begründungen vorenthalten worden. "Sehr interessant", kommentierte die zurückgetretene CDU-Kultursenatorin dessen plötzliches Auftauchen.

Nach wie vor fehlt den Berliner Politikern das notwendige Bewusstsein für die kulturelle Gesamtsituation. Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles, hat ihnen dafür den Banausenstatus zuerkannt. Peymann kann sich diese Frechheit leisten, hat er doch die zugesagten Millionen schon im Kasten. Wann Christoph Stölzl die Fröhlichkeit vergehen wird, ist noch offen. "Nun! Das Recept gegen ›die Noth‹ lautet: Noth" (Nietzsche). n

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