Papa Wrangel

DEUTUNGSKAMPF Berlin und die 1848er Revolution

Nein, an die Revolution von 1848 habe man nicht gedacht, als man 1990 den Termin für die Volkskammerwahlen auf den 18. März legte, meinte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reinhard Höppner gegenüber dieser Zeitung. Der Vizepräsident des ersten frei gewählten Parlaments der DDR steht damit im Gegensatz zu Werner Schulz von Bündnis 90/Die Grünen, der dieser Tage schrieb: "Historisch markiert der 18. März nicht nur den Beginn der bürgerlich-demokratischen Revolution, sondern auch das Ende der friedlichen Revolution. Daß beide Ereignisse auf einen Tag fallen, ist kein Zufall." Schulz erinnert daran, dass SPD und PDS an einem früheren Wahltermin als dem ursprünglich ins Auge gefassten 6. Mai interessiert waren. Aus der Bürgerbewegung sei deshalb der Vorschlag gekommen, den 18. März zu nehmen, "weil sich an diesem Tag die Entscheidung über ›Einigkeit und Recht und Freiheit‹ und die Vollendung einer bereits 1848 begonnenen Entwicklung stellt. So traf zusammen, was zusammen gehört."

Vor zehn Jahren war am Wahlabend von derlei historischen Glücksfällen nichts zu hören und nichts zu sehen. Statt dessen hielt ein grüner Politiker eine Banane in die Kameras, von 1848 war nicht die Rede, nicht einmal vom Kartoffelkrieg ein Jahr zuvor. Lediglich der Berliner Grafiker Manfred Butzmann hatte mit einem Plakat, das die Barrikaden der Aufständischen vor dem Berliner Schloss zeigte, auf die historischen Koinzidenzen aufmerksam gemacht.

Ansonsten hält es die Stadt seit jeher mit den Bewahrern von Recht und Ordnung vor 150 Jahren. Weshalb sich der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Andreas Nachama, vor einiger Zeit wunderte, " daß es ... bis heute in ganz Berlin kein Denkmal der Märzrevolution gibt. Ich denke, daß es dieser Republik gut täte ... ein Denkmal zu schaffen, das diesen ersten, wenn auch gescheiterten Aufbruch würdigt, der zu Grundrechten und Demokratie führte."

Während die Abwesenheit einer solchen Stätte, die in Karlsruhe und Konstanz längst existiert, den Berliner Politikern wenig Kopfzerbrechen bereitet, versucht seit Jahren eine Bürgerinitiative bislang vergeblich, den Platz vor dem Brandenburger Tor in Platz des 18. März 1848 umzubenennen. Auch dieses Jahr werden die Aktivisten der Umtaufe am kommenden Sonnabend, unterstützt vom Bezirksbürgermeister aus Mitte, Joachim Zeller (CDU), und dem aus Tiergarten, Jörn Jensen (Bündnis 90/Die Grünen), sowie von zahlreichen Künstlern und einigen Politikern, versuchen, entsprechende Schilder an jenem Platz anzubringen, der noch vor einigen Tagen die Glatzendemo der NPD ertragen musste. Aber wie in den Vorjahren wird der Berliner Senat seine vornehmste und vordringlichste Aufgabe darin sehen, das Gedenken an die Volkserhebung vor 150 Jahren auf schnellstem Wege zu beseitigen. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), der sich dem Aktionsbündnis angeschlossen hat, schlug deshalb vor, Platz des 18. März auf die Schilder zu schreiben, um auch der Volkskammerwahl vor zehn Jahren zu gedenken. Auf den Platz mündet die Straße des 17. Juni, mal sehen, wie der neue Bau- und Verkehrssenator Peter Strieder (SPD) auf die Sache reagiert, der er vor einigen Jahren noch öffentlich seine Sympathie erklärt hatte.

Die Konterrevolution von 1848 hatte an der Spree schon immer die besseren Karten. In Potsdam erinnern drei Denkmäler an den Sieg des preußischen Kartätschenprinzen, des späteren Kaiser Wilhelm I. Das Michaels denkmal in Babelsberg zeigt den Erzengel, wie er den "Lindwurm der Revolution" tötet. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. schrieb an seinen Kartätschenbruder: "Wir haben es nun einmal mit Teufeln zu tun. Darum kann man Deinen Auftrag eine Engelsmission nennen."

In Berlin erinnern viele Straßennamen an preußische Militärs jener Zeit, so auch die Kreuzberger Wrangelstraße an den Mann, der die Revolution zusammenschießen ließ. Die Berliner Untertanen nannten den Schlächter später in familiärer Untergebenheit Papa Wrangel. Der Senat, verzweifelt bemüht, den Platz vor dem Brandenburger Tor erinnerungsfrei und geschichtslos zu halten, benannte ein unscheinbares Gelände hinter dem Maxim-Gorki-Theater in Platz der Preußischen Nationalversammlung, weil dort 1848 die aus allgemeinen Wahlen hervorgegangene Körperschaft einige Monate tagte. Sie verschwand ebenso schnell wie ihre Schwester von 1990.

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