Steinfließen

LITERATUR Sea to the West

Ein herbstlicher Laubwald am See. An den Stämmen schlängelt sich eine scheinbar uralte Steinmauer vorbei. Der trocken gemauerte Wall wirkt organisch als dialektisches Signal von Vergänglichkeit. Speziell in Deutschland hat man erlebt, dass Mauern fallen können. Aber die Bauwerke, die der amerikanische Künstler Andy Goldsworthy errichtet, haben keine politische, sondern eine ästhetische Funktion. Sie markieren Vorhandenes, setzen Landmarken und sind von einer sympathischen Zweckungebundenheit. Für einige Betrachter sind die kunstvollen Bauwerke im knapp 100 Kilometer nördlich von Manhattan gelegenen Storm King Art Center Reminiszenzen an die europäische Eroberung des amerikanischen Kontinents, ein markierendes Gegenstück zur nomadischen Lebensweise der indianischen Ureinwohner. Aber die Arbeitsweise von Goldsworthy erinnert eher an das verzweifelte Bemühen eines Künstlers, den verschütteten Verläufen der Zivilisation die Suche nach Ursprünglichem entgegenzusetzen. Der Stein scheint ihm dafür ein dauerhaftes Material zu sein, das dennoch genug Bewegung ermöglicht. So wie in Norman Nicholsons Gedichtsammlung Sea to the West die beiden Gedichte Wall (Mauer) und Beck (Wildbach) unmittelbar aufeinander folgen. "Wie Nicholson spüre ich im Stein ein starkes Element des Fließens und der Bewegung - gleichgültig, ob Steine durch geologische Kräfte oder von Menschenhand bewegt werden", schreibt Goldsworthy in einem jetzt beim Verlag Zweitausendeins erschienenen, hervorragend gedruckten Bild- und Textband über seine künstlerische Arbeit.

Mauer. Storm King Art Center. Mit einem Essay von Kenneth Baker. Verlag Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2000, 90 S., 33,- DM

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