Tod auf Raten

BEQUEME LÖSUNG Die evangelische Kirche verscherbelt das "Sonntagsblatt"

Alle Tassen im Schrank" lautet die Überschrift auf der letzten Seite der neuesten Ausgabe des Sonntagsblattes. Was das Schicksal dieser gut gemachten Hamburger Wochenzeitung betrifft, scheinen dessen Verleger, die evangelischen deutschen Kirchenfürsten, alles Porzellan aus den Regalen genommen zu haben. Vielleicht, um es besser zerschlagen zu können. Während in der Ausgabe des DS vom 12. November Leser und Liebhaber unzählige gute Argumente dafür fanden, die Zeitung zu erhalten, teilte die Evangelische Presseagentur epd einen Tag später mit, dass das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt im Laufe des kommenden Jahres eingestellt wird. Nach einem Beschluss der Leipziger Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) soll zugleich geprüft werden, ob eine Nachfolgepublikation als monatliche Beilage zu überregionalen Tageszeitungen verbreitet werden kann. Die Süddeutsche Zeitung hat bereits erkennen lassen, dass sie gerne die Tragetasche dieses Projekts sein möchte. Weshalb den Synodalen auch nichts weiter einfiel, als dass eine weitere Überregionale, möglichst im Norden oder Westen, die frohe Botschaft der Beilage auch nördlich des Mains zum Klingen bringen möge. Krisenmanagement der besonderen Art. Die Synode bietet im Falle einer erfolgreichen Umsetzung der von ihr vorgeschlagenen Lösung einen jährlichen Zuschuss von 4,5 Millionen Mark an. Bis zur Klärung der finanziellen Probleme darf das Sonntagsblatt noch ein wenig weitermachen wie bisher. Ein Tod auf Raten, den die Macher von DS nicht verdient haben. Immerhin gilt das vor über 50 Jahren vn Hans Lilje begründete Blatt als Flaggschiff der protestantischen Presse. Jetzt gehen die Kapitäne von Bord und nehmen das Wort Abschaffung einer kritischen Stimme natürlich nicht in den Mund. Sie denken sparsam, und das in jeder Hinsicht. Warum soll nicht auch die Kirche ihr Tafelsilber verscherbeln? Bis eben noch als dauerhaft Geltendes hat einen gewissen Marktwert bis zu dem Tag, an dem es für immer verschwindet. Was weg ist, taucht nicht wieder auf. Weshalb die Frage gestellt werden muss, ob den klerikalen Fahrensmännern der gesamte politische Kurs des Flaggschiffs nicht gepasst hat. Solche Probleme klärt man gern übers Pekuniäre.

Jens Timm, Hauptgeschäftsführer des Diakonischen Werkes Württemberg, nennt das Verschwinden des Blattes deshalb zu Recht eine Selbstaufgabe der Protestanten in der medialen Öffentlichkeit. Während alle Welt gerade die Öffnung der Warenhäuser am Sonntag und das Verschwinden des Feiertages in den Bedürfnissen der Konsumwelt diskutiert, liefert die geplante Einstellung von DS einen merkwürdig kleingläubigen Beitrag zu dieser Debatte. Wo Verblödung herrscht, wächst das Rettende auch? Schön wär's. Die wütenden Leserbriefe der vergangenen Ausgaben, die für den Erhalt des Sonntagsblattes kämpfen, sollten den ideologischen Oberhirten vielleicht doch zu denken geben. Regionale Kirchenzeitungen können den vorgesehenen Abgang nicht ausgleichen, so dass die Theologin Dorothee Sölle vor der kommenden Provinzialisierung kirchlicher Meinungen warnt. Keine frohe Botschaft also am Ende dieses Jahrtausends, des zweiten der Christenheit. Der herrschenden Untergangsstimmung vor dem Jahr 2000, wie sie vor allem von zahlreichen, finanziell erheblich besser gestellten Sekten vebreitet wird, bieten die Synodalen einen trostlosen Kommentar. Dabei wäre es trotz der herrschenden Misere in ihren Kassen angebracht, das Sonntagsblatt mit Mut und Zuversicht zu erhalten. Die Zahl kritischer Medien in diesem Lande nimmt leider kontinuierlich ab. Sollte es sich noch nicht bis in bischöfliche Kreise herumgesprochen haben, dass die vermeintlich spannenden Blätter in ihrer Unisono-Vielstimmigkeit Langeweile bis zum Erbrechen verbreiten? Da sollte man das wöchentliche Nachdenken in den eigenen Reihen nicht derart brachial liquidieren. Es muss nicht immer Predigt sein. Kopf gut schütteln vor Gebrauch hat schon Erich Kästner empfohlen. Themen für ein kritisches kirchliches Blatt scheint es genug zu geben: Schwangerschaftskonfliktberatung und Abtreibung, Weltökumene, Frauenordinierung, ökologische Fragen, das Messen der Worte christlicher Politiker an ihren Taten. Erhalt der Schöpfung, würden die Politiker und wortgewaltige Kirchenmänner tönen. Erhaltet wenigstens die Schöpfer des Sonntagsblattes, möchte man als konkurrierender Sympathisant den Synodalen zurufen. In der Hoffnung, dass die letzten Messen noch nicht gesungen sind.

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