Vermintes Gelände

BEUTEKUNST Der Streit um die Rückgabe bleibt schwierig

Wenn der Staatsminister für Kultur, Michael Naumann, Ende April nach Russland reist, um über eine eventuelle Rückgabe der sogenannten Beutekunst zu verhandeln, begibt er sich auf nach wie vor vermintes Gelände. Naumanns Delegation, der auch Bremens Bürgermeister Henning Scherf angehört, bringt zwei Mosaike und eine Kommode mit nach Moskau, die aus dem legendären, bis heute verschwundenen Bernsteinzimmer des Puschkiner Katharinenschlosses stammen. Eine Geste des guten Willens, mehr nicht. Aber dennoch geeignet, gewisse psychische Blockaden bei diesem Reizthema zu lösen. Vielleicht sind die kostbaren Stücke, die vor einiger Zeit überraschend in Bremen auftauchten, jener kleine Stein, der die Rückgabelawine auslöst. Aber wahrscheinlich sind sie es nicht. Die in Russland zurückgehaltenen Kunstwerke, deren Existenz lange geleugnet wurde, sind für die Russen der letzte Beweis, dass sie vor über 50 Jahren Sieger eines blutigen Weltkrieges waren. Andere Trophäen besitzen sie nicht mehr, was eine sachliche Verhandlung über die Lösung des Problems erheblich erschwert, ungeachtet aller versöhnlichen Signale der Duma aus neuester Zeit.

Vielleicht lohnt es in diesem teilweise erbitterten Streit um die Kulturgüter in Carl Jacob Burckhardts Weltgeschichtlichen Betrachtungen nachzulesen, was er über Kultur geschrieben hat: "Aus Welt, Zeit und Natur sammeln Kunst und Poesie allgültige, allverständliche Bilder, die das einzig irdisch Bleibende sind, eine zweite ideale Schöpfung, der bestimmten Zeitlichkeit enthoben, irdisch-unsterblich, eine Sprache für alle Nationen". Dieser Gedanke der besitzenden Besitzlosigkeit könnte womöglich aus jenen Verkrampfungen führen, die das Kunstwerk nicht mehr als Geraubtes betrachtet, sondern als Gewinn für die ganze Menschheit. Oder hat der Schöpfer des wundervollen Priamos-Schatzes auch nur einen Gedanken daran verschwendet, ob der Goldschmuck später einmal in Moskau oder auf der Berliner Museumsinsel zu sehen sein würde? Entscheidend ist, dass er nach Jahrzehnten im Versteck der Sieger überhaupt wieder ans Tageslicht gebracht wird, um ihn vielleicht später zu zeigen, in Moskau oder in Berlin.

Natürlich ist es verständlich, dass das Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte Ansprüche auf seine riesigen Altbestände erhebt, die der Berliner Museumsexperte Wilfried Menghin vergangenes Jahr in Sankt Petersburg entdeckte. Die merowingischen Funde, silbernen Fibeln und fränkischen Schwerter, ein Teil von Bronzen und Keramiken aus der Schliemann-Sammlung sowie die von Rudolf Virchow ausgegrabene "Kaukasus-Sammlung" galten seit Kriegsende als verschollen. Insgesamt soll es sich um 6000 Objekte handeln. Wenn Michael Naumann in diesem Zusammenhang ankündigte, "wir werden unseren Rechtsstandpunkt entscheidend vortragen", ist das nur die eine Hälfte des Problems. Vielleicht ist statt Entschiedenheit eher Verständnisbereitschaft angebracht. Die Geheimhaltung der Kunstschätze durch die Russen zeigt, wie sensibel der ganze Bereich ist, und dass gegenseitiges Aufrechnen wenig erfolgversprechend ist. Bis heute nicht vergessen ist in Russland, wie die SS-Kunstsammler des Barons von Künsberg (hundert Mann und ein Hund) systematisch die Museen des Landes plünderten. Aus den Palais, Schlössern und Sammlungen rund um Leningrad wurde alles mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest war, sogar die Parkettböden. In Peterhof bei Leningrad zerstörte das Raubkommando die Mechanik der berühmten Großen Kaskade und brachte die vergoldeten Bronzestatuen von Neptun und Samson vor den Augen der Bevölkerung zu den Schmelzöfen.

Dass man in Deutschland bei Kriegsende selbst die eigenen Besitztümer nicht schonte, beweist der Umgang mit dem weltberühmten Pergamonaltar, den Soldaten im Endkampf um Berlin als Barrikade nutzen wollten. Vor diesem Hintergrund muss man die Aktionen der russischen Besatzer werten, die Mitte Mai 1945 damit begannen, die verbliebenen Bilder Berliner Nationalgalerie zusammen mit anderen Werken in ein Brandenburger Schloss zu bringen und von da in die Sowjetunion. Angesichts solcher Vorgeschichten werden "Rechtsstandpunkte" obsolet. Lösungen sind nur einvernehmlicher Aufarbeitung der Kriegsbarbarei möglich. Falls das möglich ist.

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