Volkserde

REICHSTAGSKUNST Kann der Konzeptkünstler Hans Haacke Begriffe umwidmen?

Volk als Vergemeinschaftung ist, wie alles Leben, geheimnisvollen Wesens«. Diese ambivalente Definition des Volkskörpers im 1932 bei Herder erschienenen fünfbändigen Staatslexikon war leider schon ein Jahr später recht eindeutiger Definition gewichen. Weshalb es nach dem Ende des Nationalsozialismus verständliche Aversionen gab, den Begriff Volk in aller Unschuld zu gebrauchen, ungeachtet der Emphasen vom Herbst 1989. In Deutschland mogelt man sich gern begrifflich aus geschichtlichen Katastrophen heraus. Bertolt Brecht brachte es dabei dialektisch auf den Satz: »Wer in unserer Zeit Bevölkerung statt Volk sagt, unterstützt schon viele Lügen nicht.« Wenn es nur so einfach wäre! Bevölkerung als geschichtlich neutrale Bewertung, die dem deutschen Volk aus den Verschuldungen heraushelfen könnte? Die Bevölkerung wars nicht, das Volk ist es gewesen? Aus dieser begrifflichen Haarspalterei, die ungefähr dem Unterschied zwischen Nation und Nationalität entspricht, einer Differenz, aus dem schon die DDR staatsbegründenden Nutzen zu ziehen versuchte, hat jetzt der Konzeptkünstler Hans Haacke die Idee für ein Kunstwerk gewonnen. Es soll seinen Platz im Berliner Reichstag finden. Haacke möchte die 662 Abgeordneten des Deutschen Bundestages veranlassen, aus ihren Heimatkreisen jeweils ein Säckchen Erde mit ins Parlament zu bringen, um es in einen 20 Meter breiten Trog zu mischen und dann das Ganze per Neonleuchtschrift »Der deutschen Bevölkerung« zu widmen. Gewissermaßen als Kontersequenz zur 1916 installierten Reichstagsinschrift »Dem deutschen Volke«. Abgesehen davon, dass Haacke damit Parlamentariern eine pädagogische Bringepflicht aufnötigt, der sie vielleicht gar nicht nachkommen mögen, hat er natürlich erreicht, dass man sich notgedrungen über die Krümel märkischen Sandes oder rheinischen Mergels ein paar Gedanken macht. Ist die Differenz der Begriffe Boden und Erde etwa so relevant wie die zwischen Volk und Bevölkerung? Schließlich ist auch das Wort Boden seit Hitlers Rassenideologie politisch kontaminiert. Kann die vermischte Heimat- erde Klärung schaffen? Fraktionssprengende Fragen an die Bundestagsabgeordneten. Zuerst jedoch soll eine Abstimmung Klarheit schaffen, ob man das Ganze überhaupt will.

Hans Haacke braucht allerdings fünfeinhalb Seiten Text, um sein geplantes Werk sprechen zu lassen. Kein günstiger Einstieg. Ist doch der Reichstag mitsamt seiner Umgebung geradezu ein Minenfeld deutscher Vor- und Nachkriegsgeschichte, wo die Steine reden. Weshalb man sich glücklicherweise entschlossen hat, wenigstes die Inschriften sowjetischer Soldaten zu konservieren, mit denen sie sich beim Sturm auf den Reichstag im Mai 1945 verewigten.

Vielleicht würde es überhaupt ausreichen, die noch vorhandenen Orte in ihrer gebrochenen Geschichtlichkeit zu bewahren, ohne sie, wie Haacke, mit interpretierender Bedeutung aufzuladen oder, wie es einige ostdeutsche Politiker jetzt vorgeschlagen haben, den nach 1945 leer herumstehenden Sockel des Kaiser-Wilhelm-Denkmals am Schlossplatz zu einem Denkmal der deutschen Einheit umzuwidmen. Was wird man anstelle des einst dort reitenden Wilhelm I. zu sehen bekommen? Einen Bundesadler, der einen Ährenkranz mit Hammer und Zirkeln in den Fängen hält? Oder einen Helmut zu Pferde? Die Bildhauer sind herausgefordert.

In seinen Berliner Federzeichnungen eines Deutsch-Österreichers schrieb Karl Pröll vor über 100 Jahren über die damals wie heute grassierende Berliner Baulust und Baulast:» Der unruhige Eklektizismus unserer modernen Architektur, welcher nach allen historischen Stilmotiven hascht, sie mit mehr oder weniger Geschmack durcheinander würfelt und mit Baumoden ebenso rasch wechselt als mit anderen Moden, hat Berlin in ziemlich bunte Steingewänder gesteckt.«

Es scheint, dass man in der deutschen Hauptstadt noch immer gern in historisierende Gewänder schlüpft, um die Narben der Geschichte mehr oder weniger elegant zu verhüllen. Da werden auch Begriffe rasch zu historischen Texturen. Doch sensiblen Menschen ist es egal, ob die Neonazis, die kürzlich mit schwarz-weiß-roten Fahnen durchs Brandenburger Tor zogen, ein Teil des Volkes oder der Bevölkerung im wiedervereinigten Land sind. Und wer will die kostümierten Glatzen daran hindern, an einem künftigen Denkmal der deutschen Einheit vorbeizumarschieren? Goethes Wort »Kein Lebendiges ist Eines, immer ist's ein Vieles« ist da wenig hilfreich.

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