...denn Horst war irgendwo...

Früher war manches besser – denn irgendwo gab es Horst...
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ich muss Horst gegen Ende meiner Schulzeit kennengelernt haben, wir waren an unterschiedlichen Schulen. Er erzählte mir später, es wäre an einem Abend gewesen, an dem wir gemeinsam mit einigen anderen Freunden den Rockpalast mit The Police angesehen haben – damals ein Ereignis. An den Abend konnte ich mich erinnern, nicht aber an Horst, dass er auch dabei war, dass wir miteinander gesprochen hatten. Irgendwann trafen wir uns wieder, ich erinnere mich nicht mehr, wann genau und wo, an diesem vergessenen Ort aber, und daran erinnere ich mich wohl, sprach er über den Rockpalastabend, wie sehr ich ihn beeindruckt habe, wie oft er an mich denke. Überrascht nahm ich ihn das erste Mal mit anderen, offenen Augen wahr, vielleicht jugendlich geschmeichelt, vielleicht fasziniert über diese Offenheit, aber er war nicht mehr nur ein entfernter Bekannter, er wurde mir Freund, stand meinem Herzen nah.

Wir verloren uns wenig später eine Zeitlang aus den Augen, er verließ unsere gemeinsame Heimatstadt, studierte in einer weit entfernten Stadt, und auch ich fing andernorts ein Studium an. In der neuen Stadt klingelte eines Tages mein Telefon, Horst rief an. Er sei mittlerweile nach Spanien gezogen, hätte meine neue Adresse herausgefunden, und wollte einfach meine Stimme hören. Wieder überraschte er mich, wir beschlossen, den Kontakt nicht mehr einfach abreißen zu lassen. Ich flog nach Spanien, reiste mit dem Bus einige Stunden in eine Stadt ins Landesinnere, zu ihm. Dort umkreisten wir uns vorsichtig einige Tage, beide nicht wissend, wie wir mit dieser Situation umgehen sollten. Eigenartige Nähe, aber auch Distanz, ein Aufflackern von Gefühlen, aber auch wieder Rückzug, unterschiedliche Lebenspläne. Als ich Spanien verließ, dachte ich, ich würde ihn nicht mehr wiedersehen oder hören, derart seltsam waren die gemeinsamen Tage.

Doch wieder und wieder rief er, zwischenzeitlich beruflich in der Schweiz gelandet, mich über die Jahre an. Und immer ein eigentümlicher Mix aus Nähe und Ferne, Freundschaft. Horst wanderte weiter, ging nach Spanien, Kanada, Österreich, Mexico, und wer weiß wohin noch, ich aber blieb im Lande. Die letzten Jahre hörten wir nichts mehr von einander, bis mir vor einiger Zeit die Tage in Spanien und lange ausgebliebene Anrufe einfielen. Ich fand heraus, dass er beruflich wieder in Spanien sein musste. Nach so langer Zeit wollte ich nicht mit der Tür ins Haus fallen, schrieb ihm vorsichtig tastend eine mail – ohne Reaktion. Enttäuscht wartete ich lange, überlegte, ob ich ihn anrufen sollte, ließ es bleiben. Vielleicht hatte ich ihn verletzt, oder er hatte unter unsere Freundschaft einen Schlussstrich gezogen?

Vor kurzem aber wollte ich mir doch wieder einen Ruck geben, meine Enttäuschung überwinden, bemühte noch einmal die Suchmaschinen. Seine Spur war inzwischen über die ganze Welt zu verfolgen, seine Werke nachzulesen, Fotos von ihm erschienen, sogar seine Telefonnummer fand ich heraus. Im letzten geöffneten Link las ich, dass er vor einiger Zeit an einer schweren Krankheit gestorben ist. Nicht lange nach meiner mail.

Seither ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht an Horst denke, einen Weltenbummler, einen treuen, fernen und doch nahen Freund, eine Verbindung in die Jugend und in das Früher, eine Freundschaft, die kein Später mehr haben wird.

„Früher war alles besser“, den Satz mag ich eigentlich nicht, ist mir zu unkonkret. Nicht alles war für mich früher besser, aber bezogen auf Horst doch. Die Welt früher, mit Horst irgendwo, wenn auch fern, auf ihr war besser. Wenigstens für mich.

Für Horst, der mir so oft von irgendwoher eine „Flaschenpost“ geschickt hat, in der Hoffnung, dass ihn nun meine message in a bottle irgendwo erreicht...

P.S. Danke an Janto Ban, der mir FWAB als sehr persönlich lesbaren, nicht zwingend miesepetrigen Satz gezeigt und damit einen Weg eröffnet hat, die Gedanken, die Trauer in Worte zu fassen.

19:54 14.12.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Diander

Jeder macht, was er will, keiner macht, was er soll, aber alle machen mit!
Diander

Kommentare 25

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community