Die drei Glüh-Weinbeeren...

...futtern Plätzchen An einem frostigen Winterabend trafen sich mal wieder unsere drei Weinbeeren zu einem Plausch über Literaturklassiker.

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Diesmal bei Plätzchen und Glühwein (mit einem Schuss Rum). Sie haben „Eine Weihnachtsgeschichte“ von Charles Dickens gelesen, gehört, geguckt und was auch immer. Der alte, geizige, hartherzigeEbenezer Scrooge und seine Wandlung durch eine Begegnung mit den Weihnachtsgeistern ist ihr Thema.

Der Geist der baldigen Weihnacht hat das anschließende Gespräch der Weinbeeren belauscht.

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/c/c1/Scrooges_third_visitor-John_Leech%2C1843.jpg/220px-Scrooges_third_visitor-John_Leech%2C1843.jpg

Der Geist der baldigen Weihnacht futtert auch Plätzchen...

Anchesa: Na dann, willkommen, meine Mitweinbeeren!

Diander: Mitglühbeeren!

doimlinque: Und?

Diander: Watt und?

Anchesa: Und ja!

doimlinque: Ja? Ich auch!

Diander: Nee, ja, richtig schön.

Anchesa: Und wie!

doimlinque: Ich hatte ehrlich gesagt - je näher unser Stelldichein heranrückte - immer mehr das Gefühl, gar nicht wirklich etwas über die Geschichte selbst sagen zu können, weil sich das in meinem Kopf immer mehr vermischt hat mit diesem lausigen Weihnachtsrummel vor der Tür. Fast ein bisschen schade.

Anchesa: Das heißt, Du hast vor Deiner Tür auch Geister und Zipfelmänner rumirren sehen?

doimlinque: Zipfelmänner, hmmmm, doch, ja, manchen meiner Stadtgenossen könnte man so nennen…

Diander: Zipfelmänner, hihi, schön. Nein, aber zu doimlinque zurück. Ich hatte das Buch schon vor einigen Wochen zuerst angefasst und bin seither in einer ganz anderen Weihnachtsstimmung, der Rummel geht dadurch ein wenig an mir vorbei und ich genieße die eigentlich schönen Seiten der Vorweihnachtszeit, Lebkuchengeruch, Zimt, Koriander, Clementinen….

Anchesa: Ehrlich, ich bin irgendwie so gar nicht in Weihnachtsstimmung, ich freu mich eher auf die freien Tage, die bevorstehen. In mir hat das Buch eher meinen Widerspruchsgeist geweckt, nicht den Weihnachtsgeist…

doimlinque: Ein Widerspruchsgeist? Weil die Geschichte so grauslich war?

Anchesa: Nein, eher so unrealistisch. Und das von mir, die ich eigentlich vor Phantasie sprühe… Aber überlegt mal, dieser Scrooge lebt ein Leben lang in geistiger Kälte, in Geiz und in seiner einsamen Welt. Und drei Geister (jeder à eine Stunde) sollen ihn plötzlich „bekehren“ und zum absoluten Menschenfreund werden lassen???

doimlinque: Das ist interessant, an so etwas hatte ich überhaupt nicht gedacht. Das ist eben eine Geistergeschichte, da komme ich doch nicht mit der Lupe und dem Lineal und messe nach, ob das alles seine Ordnung hat. Sie (die Geister) können das alles in einer Nacht bewerkstelligen, sagt Scrooge am Ende und das akzeptiere ich als Leser. Mein mulmiges Gefühl ging eher dahin, dass ich immer denken musste, dass inzwischen schon längst auch diese Weihnachtsgeschichte von Dickens verwurstet wird in dem ganzen Humbug, der um Weihnachten herum ganz besonders anschwillt. Aber was Diander sagt ist schön, dass die Geschichte offensichtlich dadrüber stehen kann.

Diander: Naja, das ist ja wieder so eine Art Märchen, in der mittels Geistern die eigentliche Botschaft nur verpackt wird. Das finde ich gar nicht störend, weil die Message ja genau deswegen unters Volk gebracht werden konnte. Besinnt Euch auf Mitmenschlichkeit, genießt schöne Stunden, das Huibuh außen rum finde ich überhaupt nicht störend.

Aber um nochmal auf die Gerüche zurück zu kommen, die ganzen kulinarischen Dinge im Buch und vor allem deren Beschreibung fand ich sehr schön. Die braunen Zwiebeln, die wie Mönche aussehen, Kartoffeln, die an den Topfdeckel klopfen, weil sie heraus möchten, Walnüsse, Äpfel. Habt Ihr eigentlich schon mal Plumpudding probiert?

Anchesa: Nein, nicht mal gesehen, kommt der nicht aus England?

Diander: Ja klar, wie die ganze Geschichte.

doimlinque: Plumpudding? Ist das nicht der Schwippschwager von Plumpsklo?

Anchesa: Na hoffentlich nicht! doimlinque, Du akzeptierst das als Leser – ich hinterfrage es eher.

doimlinque: Ich bin da glaube ich auf der Seite des Erzählers: Wenn man nicht daran glaubt, dass Hamlets Vater tot ist, kann im ganzen Drama kein Wunder geschehen. Halte ich mich pflichtbewusst dran. Aber Di, zurück zu Deinen kulinarischen Dingen. Die waren mir gar nicht direkt im Gedächtnis geblieben, aber insgesamt finde ich Dickens Sprache unglaublich plastisch und prall. So viele Adjektive auf einer Seite muss man erstmal unterbringen. Und er macht das sehr unterhaltsam, finde ich, nicht nervig oder so…

Anchesa: Mir sind die Apfelsoße und das Kartoffelpüree im Sinn geblieben. An der Stelle hat`s mich etwas geschüttelt.

Diander: Ja, sehr adjektivisch, aber besonders schön fand ich die Metaphern. Um auf die braunen Zwiebeln zurück zu kommen, da heißt es „rötliche, braun gestreifte breite spanische Zwiebeln, die in ihrer runden Prallheit wie spanische Mönche glänzten und…. vorüberschlendernden Mädchen zuplinkerten“. Wunderbar!

doimlinque: Wir haben in der Schule gelernt, dass Metaphern ohne und Vergleiche mit einem wie eingeleitet werden, höhö, aber so ungefähr kann ich Dich verstehen, ja. Im Ernst: Ja! Er übertreibt so wunderbar!

Diander: Und wo ist jetzt da ein „wie“?

doimlinque: Schon zu viel Glühwein intus, wie? „…wie spanische Mönche…“

Anchesa: Wie jetzt? Kann man denn zu viel Glühwein intus haben?

Diander: Definitiv! Habe ich aber nicht. Einfach überlesen. Punkt. Und überhaupt ist der neueste Trend Glüh-Spritz. Lecker, nicht so pappig.

doimlinque: Im Rheinland habe ich schon Glüh-Kölsch auf dem Weihnachtsmarkt gesehen. Habe mich nicht getraut zu probieren.

Anchesa: Ich kenn weder Glüh-Spritz noch Glüh-Kölsch. Wir hier sind froh, dass wir wenigstens den Wein haben… hihihi

Aber mal eine andere Sache: Wie findet ihr den Gegensatz, dass Scrooge einerseits so große Angst vor der Armut hat und andererseits in einer selbstgewählten „relativen“ Armut lebt?

Diander: Naja, das ist wohl einerseits das Wesensmerkmal der Geizigen. Aus der Angst heraus das Leben im hier und jetzt zu vernachlässigen, um Geld zu sparen. Und für einen später vielleicht nicht auftretenden Fall zu bewahren.

Viel schlimmer aber ist doch eher seine Geisteshaltung den Armen gegenüber, sie könnten „einfach verhungern, das würde das Problem der Überbevölkerung lösen“. Das ist doch mal in dieser Klarheit und Verachtenswürdigkeit von Dickens auf den Punkt gebracht. Und das vor knapp 200 Jahren. Gibt solche Zeitgenossen wie Scroogeja auch heute noch, heute sind es hierzulande die Hartz 4 Empfänger, über die oft so abwertend gesprochen wird.

doimlinque: Seine selbstgewählte Armut wird deutlich in der Stelle, wo der nicht mehr ganz so junge Scrooge seine Verlobte verliert, weil sie bemerkt, dass er -ganz platt- nur noch an Geld denkt, und für anderes kein Platz mehr in seinem Herzen ist. Das ist eine sehr schöne Szene, finde ich, auch wenn sie natürlich eigentlich etwas holzschnittartig daherkommt.

Und dann, seine Haltung gegenüber den Armen… Dickens hat da glaube ich tatsächlich ein Stück „engagierte Literatur“ abliefern wollen, die genau so etwas anprangert. Ihm gelingt das finde ich gut, obwohl da natürlich immer die Gefahr besteht, dass das Ganze arg kitschig oder schwarz-weiß daherkommt. Hier bleibt es doch eine unterhaltsame Geschichte.

Diander: Man sollte sich auch daran erinnern, wie alt die Geschichte ist, die Industrialisierung zeigte gerade die hässlichsten Fratzen. Heutzutage gilt der Spruch „the poor require justice, not charity“. In der Geschichte jedoch geht es (noch) um Wohltätigkeit, aber der sozialkritische Aspekt dahinter ist natürlich klar. Damals war es eher charity, jetzt wäre justice angebracht.

doimlinque: Es ist übrigens glaube ich genau da, wo mein mulmiges Gefühl einsetzt. Weil diese Christmas Carol inzwischen zum Teil des Konsumterrors geworden ist. Da kann Dickens nichts für, mir raubt das aber ein wenig das Lesevergnügen.

Anchesa: Das finde ich auch. Weihnachten ist doch nur noch kaufen, kaufen und nochmals kaufen. Ist da überhaupt noch ein Sinn drin? Eine Weihnachtsbotschaft?

Diander: Ich weiß nicht, ob es überhaupt eine Weihnachtsgeschichte ist, oder eine sozialkritische Erzählung im Weihnachtsgewande, um das plastischer zu machen.

doimlinque: Das geht doch aber Hand in Hand. Weihnachtsgeschichten insgesamt eignen sich da natürlich hervorragend für, zugegeben.

Ich lese bzw. höre (ein Hoch auf das Hörbuch!) die Geschichte auch jedes Jahr wieder gerne und es ist unglaublich besinnlich und hier und da. Das ist ja auch gerade die Stärke von Dickens, dass er es schafft, eine klare Botschaft rüberzubringen, ohne, dass die Anschaulichkeit der Geschichte da drunter leidet. Dennoch… Schweres Thema, dieses Weihnachten!

Anchesa: Stimmt. Ursprünglich war Weihnachten doch die Zeit, in der „uns“ das Christkind geboren wurde. Später lief es darauf hinaus, an Weihnachten zu zeigen, wie „karitativ“ man ist… Und heute ist auch das weg und nur Konsum übrig geblieben.

Diander: Übrigens, doimlinque, das Hörbuch ist sehr schön. Es war das erste, das ich von vorne bis hinten (wo ist auf ner CD eigentlich vorne und hinten, eher innen und außen) angehört habe. Wieder so ein schöner Moment, der zu nem anderen Weihnachtsgefühl beiträgt. Also ich bin heuer nicht in Konsumlaune, Hauptsache, die Wohnung riecht gut und es läuft ne schöne Musik oder CD. Vielleicht liegt`s an Dickens.

doimlinque: Du hast natürlich Recht, man kann sich kleine Inseln des Wohlgefühls schaffen.

Anchesa: Bei mir sind das die Räucherkerzen, Plätzchengeruch und Orangen-Zimt-Duft…

doimlinque: Räucherkerzen bedeuten Kopfschmerzen, das ist nicht so meins.

Zurück zum Wesentlichen: Es ist natürlich unglaublich abgenudelt, aber ich mag den Ansatz in der Geschichte, erst die triste Kindheit zu zeigen und so die Kerzenshälte -um nicht zu sagen Herzenskälte- von Scrooge zu…küchenpsychologisieren. Sehr eindrucksvoll.

Anchesa: Ich hab das eher so empfunden, dass seine frühe Kindheit eigentlich schön war. Er war mit seinen Freunden zusammen, sie haben viel erlebt, und er hatte ja auch Tränen in den Augen, als er die Szene wieder sah. Nur an den Feiertagen war er einsam und unglücklich. Die Kälte in ihm kam meines Erachtens erst, als er ein junger Bursche war…

Diander: Einspruch! Ich habe die Szene im Schulhaus ganz anders verstanden, die anderen Jungs spielten zusammen draußen, während Ebenezer allein mit einem Buch im Schulhaus saß. Und in der nächsten Szene, als seine kleine Schwester ihn abholt, sagt sie, er dürfe wieder heimkommen, der Vater wäre gar nicht mehr so böse. Also, das hört sich eher nicht nach einer rundum glücklichen Kindheit an. Die Tränen waren wohl eher Mitleid mit dem früheren Ich.

Anchesa: Auch ein Einspruch! In der ersten Szene ist er unterwegs mit dem Geist, der fragt, ob er sich erinnert an den Weg und Scrooge merkt, er kennt noch „jedes Tor, jeden Pfosten, jeden Baum…“ und er sieht die anderen Jungs und merkt, er kennt noch alle Namen und fragt sich „Warum glänzt sein kaltes Auge? Warum hüpft sein Herz, als sie vorbeikamen?“

In der Szene mit der Schwester ist er schon größer, beginnt ja dann die Ausbildung.

doimlinque: Du hast wohl aus Versehen „Die Kinder aus Bullerbü“ gelesen, dass Du hier etwas von einer idyllischen Kindheit erzählst. Hammerhart. Der arme kleine Ebi wird fies allein gelassen, sitzt einsam hinter der Schulbank und ist furchtbar unglücklich. Mensch!

Diander: Ebenezers einzige Freunde heißen „Ali Baba und die 40…“

Anchesa: Ich fand ja auch sehr schön die Szenen mit seinem Neffen. Der kommt jedes Jahr zu Weihnachten, wohlwissend, dass sein Onkel es nicht mag, und wünscht ihm von Herzen eine frohe Weihnacht. Und insgeheim bedauert er ihn, weil er „sich eigentlich nur selber schadet mit seinem Verhalten“.

Diander: Na, irgendwie sind ja alle gut gelaunt und froher Stimmung, Bob Cratchit, der Neffe oder die Leute auf der Straße. Und einige, darunter der Neffe und Bob Cratchit, schließen Ebenezer in ihren Segen mit ein. Sehr uneigennützig, sehr edel, so milde wäre ich im analogen Fall wohl eher nicht. Geizhals, miesepetriger, elender!

doimlinque: Wie? Hast Du nicht wieder frischen Weihnachts-Spirit getankt? Hörte sich weiter oben noch so an. Alles wieder verflogen…

Diander: Alles hat seine Grenzen. Mit Schwiegermüttern, Scrooges und Konsorten milde zu sein, daran arbeite ich noch.

Anchesa fragt sich gerade, wer Deine Konsorten sind, Di!

doimlinque: Auf jeden Fall ist da ein Besuch der Weihnachtsgeister angesagt, die Dir wieder Milde und Wohltätigkeit einpeitschen.

Diander: Die sollen ruhig kommen, schicke ich glatt zur Schwiegermutter weiter!

doimlinque: Das hat Scrooge auch gedacht! Am Ende stand er vor seinem eigenen Grab.

Diander: Vielleicht hilft ein Glühwein. Aber ich versuche stellvertretende Gutmachung, die Tage kriegen einige ältere Damen in der Nachbarschaft Plätzchen. Vielleicht verschonen mich dann die Geister.

Anchesa: Ganz bestimmt, Di. Wenn nich, ich bürge für Dich! Wenn die Weihnachtsgeister heut noch im Dienst wären, bräuchten die wahrscheinlich bis Ostern, um alle Abweichler wieder „auf den rechten Weg“ zu bringen… Das ist aber schon ein hartes Ding, an seinem Grab zu stehen und zu sehen, da ist gar keiner, der trauert, gar keiner, der im Guten an dich denkt… Eine schlimme Vorstellung!

doimlinque: Ja. Eigentlich ist Scrooge ja schon nach den ersten beiden Geistern geläutert, aber dieses dritte Phantom gibt ihm dann noch mal den Rest. Hat sein alter Partner gut eingerichtet.

Anchesa: Und genau das ist es, was mir widerstrebt. Da lebt dieser Mann ein Leben lang in seiner eigenen kalten armseligen Welt – und dann genügen zwei kleine Geisterlein, um ihn zu bekehren????

doimlinque: Die Geister sind doch nur das Medium!

Diander: Und nicht vergessen, ist eine Art Märchen. Marley ist genau 7 Jahre tot, 3 Geister, wenn das mal keine magischen Zahlen sind.

doimlinque: Es ist ein Märchen, aber es ist eben auch kein Pappenstiel, das eigene Leben mal von außen zu betrachten und festzustellen, dass die eine oder andere Weggabelung in der Vergangenheit vielleicht doch anders hätte beschritten werden sollen.

Anchesa: Wahrscheinlich ist nur einfach mal wieder mein oft zu logisches Denken mit mir durchgegangen, okay, ich sehs ein…

doimlinque: Öhm, das sollen andere beurteilen, wie Dein oft zu logisches Denken sich da niederschlägt. Diese übernatürlichen Geisterkräfte sind wie gesagt für mich eher kein Grund, die Geschichte zu hinterfragen.

An dieser Stelle musste der Weihnachtsgeist weiterzuckeln, die Gesprächsübertragung bricht unvermittelt ab…

Anchesa, Diander und doimlinque

Die vorherigen Gespräche der 3 Weinbeeren drehten sich um "Anna Karenina" und "Narziss und Goldmund"

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Geschrieben von

Diander

Jeder macht, was er will, keiner macht, was er soll, aber alle machen mit!

Diander