Dem 'Wahnsinn' verfallen?

Journalismus Kritik an der Kritik
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Der neue Skeptiker ist da. Das freut mich immer sehr, ich lese den Skeptiker gern. Um so mehr ärgert es mich, wenn wieder ein psychopathologisierender Begriff in der Besprechung von Pseudomedizin genutzt wird.

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Titel Skeptiker 3/2014

Natürlich wird “Wahnsinn” heute selten im eigentlichen Wortsinn genutzt, doch die Implikation ist, dass es sich um etwas Krankhaftes handelt. Und im Zusammenhang mit Globuli ist nicht gemeint, dass die Anwender sich “krank fühlen”. Die Praxis der Homöopathie wird, mithilfe eines abwertenden Begriffs, in die Nähe eine Geisteskrankheit gerückt. Das wird zum Einen Menschen nicht gerecht, die sich durch eine homöopathische Behandlung Hilfe versprechen. Zum Anderen sorgt es (mit) dafür, dass Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen weiterhin nicht so offen mit ihrer Erkrankung umgehen können, wie z.B. Menschen mit Diabetes Mellitus.

Homöopathie eine spezifische Wirkung zuzusprechen ist natürlich definitiv Unsinn, hat jedoch ebenfalls definitiv nichts mit Wahnsinn zu tun. Menschen die Globuli einnehmen und deren Umwelt, können eine Heilung erleben und diese Kausal der Homöopathie zuschreiben. Damit geht für diese Menschen UND deren Umwelt eine wahrnehmbare und (je nach Erkrankung mehr oder weniger) objektivierbare Veränderung von den Globuli aus. Wahn ist jedoch als “objektiv falsche, mit der Realität nicht vereinbarende Überzeugung” definiert. Die Veränderung des Zustandes der Anwender ist, das bestreiten auch KritikerInnen nicht, real. Die Veränderung ist jedoch nicht auf eine spezifische Wirkung der Globuli zurückzuführen, möglicherweise jedoch auf eine unspezifische (“Placebo-Effekte”). “Wahn” als Erklärungsmodell ist in jedem Fall fehl am Platz.

Dass man Korrelation mit Kausalität verwechselt und nicht jedes Erleben mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen abgleicht, ist menschlich und in der Regel nicht wahnhaft. Zumindest finde ich nichts davon in der ICD-10. Wenn wir die Nutzung von Homöopathie mit “Wahnsinn” in Verbindung bringen, sollten wir uns vorher überlegen, auf wie viele Dinge dieselben Kriterien ebenfalls zutreffen, vielleicht sogar die eine oder andere von uns selbst liebgewonnene Überzeugung.

Dr. Aust mache ich in diesem Fall am wenigsten verantwortlich. Er selbst gibt an, sein medizinisches Wissen aus der Wikipedia zu haben und macht das Feld seiner Expertise transparent. Und im Gespräch immer auf trennscharfe Formulierungen zu achten, würde ich von niemandem verlangen, ich kann das selbst nicht. Aber das Interview ist gedruckt worden, da hätte also die Möglichkeit bestanden, dass “Wahn” gegen ein “Un” auszutauschen und der Satz wäre eine Punktlandung gewesen. So ist er für mich ein Ärgernis. Noch dazu, weil er auf der Titelseite gelandet ist, dabei hätte das Interview, welches ich sehr gerne gelesen habe, anderes hergegeben.

Ich weiß, dass man Leser dazu bekommen muss, Texte zu lesen und dafür passende Überschriften findet. Aber es sollte doch einen Weg geben, sich dabei nicht der Methoden zu bedienen, die “wir” in der “unskeptischen” Presse kritisieren, wenn es um wissenschaftliche Themen geht. Dr. Aust selbst erzählt sehr empathisch von seinen Bekannten, die, in der vergeblichen Hoffnung auf spezifische Wirkung, Globuli schlucken. Warum muss durch den “Wahnsinn mit Methode” Othering betrieben werden? Wenn meine skeptischen MitstreiterInnen auf solche Feinheiten in Zukunft mehr achteten, würde mich das wirklich wahnsinnig freuen.

[Edit 14.09.2014 18 Uhr: Nach dem Hinweis von Bernd Harder habe ich den Satz: "Impliziert wird eine Geisteskrankheit, die durch den abwertenden Begriff auch gleich in ein passendes Licht gerückt wird." verändert.]

13:25 14.09.2014
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Geschrieben von

diaphanoskopie

"...im Gegenlicht der Wirklichkeit." - Ich hab' mal jeden Scheiß geglaubt. - @diaphanoskopie
diaphanoskopie

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