Gerald Hüther und die drei Musketiere

Polemik Gerald Hüther kann alles erklären. Leider seit langem nicht mehr richtig.
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Endlich kommt mal jemand nach Dresden, der sich um die Würde des Menschen kümmert. Das hat diese Stadt bitter nötig. Leider kam dann Gerald Hüther. Die Veranstalter des Palaisommers hatten ihn eingeladen und ihre Bühne angeboten, damit er seine Plattitüden von dort verbreiten kann. Er hat die Gelegenheit genutzt.

Mit dabei war der Moderator Tim Niedernolte, der sich berufen fühlte, ein Buch über Wertschätzung zu schreiben und es „Wunderwaffe Wertschätzung“ nannte. Das emetische Potential dieses Titels war ihm vermutlich nicht bewusst. Jeannette Hagen war die qualifizierteste Teilnehmerin der Diskussion, weil sie durch ihr Handeln anderen Menschen zu Würde und Freiheit verholfen hat. Über ihre zum Teil hilflosen Äußerungen in dieser selbstgerechten Plauderrunde will ich daher den gnädigen Mantel des Schweigens legen. Janice Jakait ist sehr weit gerudert und durfte darum das Publikum mit ihrer Sammlung von Kalendersprüchen beglücken. Sie begann den Abend mit der Aussage, absolute Freiheit sei Selbstentfaltung und gab damit den Ton der Runde vor, der in der privilegierten Wohlfühlzone blieb, sich hier und da über das Leid der Welt empörte, es irgendwie als notwendig erachtete und ansonsten auf Menschen niedersah, die nicht in ihrer Freizeit in den Wald gehen, sondern dem Konsum frönen, denn „wir alle sind Teil der Konsumgesellschaft“. Danke Frau Jakait, nun wissen wir auch das endlich.

Erwähnt werden sollte auch, dass in der Einführung, die ich leider nicht selbst erlebte, einer der sich dort Verantwortlich für die Begrüßung des Publikums fühlte, nicht wusste, was die Identitäre Bewegung ist und sich nicht „instrumentalisieren“ lassen wollte, gegen diese ein Zeichen zu setzen. Darum sei er von der Stadt gebeten worden! Vielleicht könne man mit denen ja mal reden, sinnierte er tapsig auf der Bühne. Wer sich mit seiner Kulturphilantropie von einem Immobilienunternehmen instrumentalisieren lässt, kann sich politische Naivität offenbar leisten. So hatte man denn auch einem Franz Hörmann bereits eine Bühne geboten. Als gäbe es keine interessanten Gesprächspartner in dieser Welt.

Tim Niederholte sprach von der „Wunderwaffe Wertschätzung“ und meine – wenig wertschätzende – Interpretation seiner Worte lautet, dass er Wertschätzung als ideales Instrument dazu ansieht, Menschen dazu zu bringen, sich selbst auszubeuten, ohne „Druck machen zu müssen.“

Dann kommt das rhetorische Schwergewicht, des Abends. Gerald Hüther wird angekündigt als jemand, der alles erklären könne. Das konnte mein Vater auch, der hatte allerdings auch nicht immer Recht. Das Niveau der Würde des weiteren Abends gibt Hüther mit seiner Äußerung, er sei „auch ein Flüchtling“, weil er vor einigen Jahrzehnten aus Thüringen geflohen sei, vor. Während Menschen auf dem Mittelmeer ertrinken, macht sich Gerald Hüther auf einer Bühne in Dresden zu einem von ihnen, bevor er sich in einen bequemen Korbstuhl fläzt. Leider hat Jeannette Hagen zu dieser Äußerung geschwiegen. Überhaupt war nur Frau Jakeit bereit, Hüther gelegentlich zu widersprechen.

Hüther findet, die Welt sei zu komplex geworden. Darum müssten Hierarchien abgebaut werden. Das geschähe in allen Institutionen außer (!) in der Schule. Während also auf der anderen Elbseite die Polizei des Freistaates die sächsische Hierarchie der Demonstranten durchsetzt1 – am 16.08.18 galten die Rechtsgefühle einer PEGIDA-Demonstranten sogar mehr als die Pressefreiheit -behauptet Hüther, nur die Schule verweigere sich dem Trend der flachen Hierarchien. Der ist offenbar nie in Niedersachsen zur Schule gegangen.

Hüther schafft es, kindlich naiven Optimismus mit dem schönsten Kulturpessimismus eines älteren Herren zu kombinieren und wünscht sich einen großen „Transformationsprozess“, in dem jedeR sich fragen solle, was er überhaupt will. Ich will ein Bier.

Jakeit holt zum intellektuellen Tiefschlag des Abends aus und fegt damit Hüthers Versuche, den Abend mit dämlichen Allgemeinplätzen zu dominieren von der Bühne. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ müsse doch wohl nicht in „einem Gesetz“ (sic) stehen, weil das „doch wohl klar sei“. Immerhin stehe in der Bibel ähnliches.

Das kann Hüther nicht auf sich sitzen lassen und kontert mit einer Aussage aus der Hölle der Poesiealben: den Menschen fehle heute das „leuchten in den Augen“, dabei handele es sich um eine Volkskrankheit, früher sei das anders gewesen. Das sind Momente, in denen ich mich frage, was Hüther und andere Kulturpessimisten unter „früher“ versteht. Er muss sich selbst gesehen haben, sonst hätte er keine verklärte Erinnerung an leuchtende Augen. Meint er die Zeit als er aus Thüringen geflüchtet ist? Oder die goldenen 80er als Waldsterben und drohende nukleare Auslöschung die Augen der Menschen leuchten ließ? Oder die Arbeitslosigkeit der 90er, die den Menschen endlich Zeit gab, das Leuchten in ihren Augen zu pflegen? Oder war er einfach lange nicht mehr verliebt? Der Arme.

Hüther hat mit seinem antiintellektuellen Gegenangriff der leuchtenden Augen das Startsignal für die anderen TeilnehmerInnen gegeben, jetzt will keiner zurückbleiben, wenn es darum geht, das Niveau zu unterbieten. In weniger als zwei Minuten, werden „Flüchtlinge auf Lesbos“, „Erschießungen im KZ“, „Wertschätzung für Menschen die Flughafentoiletten säubern“ und „Entlassungen, die manchmal sein müssen“ abgefrühstückt und die TeilnehmerInnen lassen sich erschöpft in die Sessel fallen. So geht Würde. Entlassungen, dass sei hier noch erwähnt, seien nicht an sich schlimm, „das wie“ sei „entscheidend“. Ob das bei Erschießungen im KZ auch gilt, wurde dankenswerterweise nicht erörtert.

Niedernolte nimmt seinen eigenen Faden wieder auf und beklagt, dass im Showbusiness nur wenig Wertschätzung geübt werde. Gerade gegenüber Moderatoren wie ihm, die nach einem Casting nicht eingeladen werden. Das sind Themen, die die Zeit bewegen und Menschen zusammenbringen. Das ist der Palaissommer in Dresden.

Jakeit sammelt dann den ganzen Laberschrott auf und verwurstet ihn zu der steilen These, ob „wir nicht auch die Erfahrung brauchen, dass es Unrecht auf der Welt gibt“. Mein Bier ist in einem Zug leer. Von der anderen Seite der Wiese wird gepöbelt.

Hüther gibt sich nun Mühe ebenfalls eine Pöbelei zu provozieren und findet, man solle Menschen bedingungslos lieben und nicht bewerten. Um im nächsten Atemzug alle zu bewerten, die ein Leben führen, dass er für nicht würdig hält (nicht in den Wald gehen, shoppen, digitale Geräte nutzen u. s. w.). Die Körperhaltung die er dabei einnimmt, ist die eines verwöhnten 13 Jahre alten Jungen – vermutlich einer, der bedingungslos geliebt wurde – und konterkariert seine predigthaften Einlassungen. Wenn ich mir das anschaue, vermute ich, der nächste Buchtitel aus Hüthers Feder wird: „Mansplaining – Wie man damit 2018 durchkommt“ lauten.

Jakeit versucht, in diesem Wortsalat Hüthers eigene Akzente zu setzen und probiert es mit der Aussage „Freiheit geht nicht ohne Regeln“. Die Aussage ist auf der Plattitüdenskala sehr weit oben, hat aber eindeutig zuwenig Pathos um Hüther aus der Ruhe zu bringen.

Er redet über Wissenschaft („Neurowissenschaft“ und „Hirnforschung“ hatte er bereits früh verfeiert, das Publikum reagierte etwas phlegmatisch auf seine größten Hits) und deren Einzelheitlichkeit. Jetzt müsse man alles wieder zusammensetzen, denn wir sind „mit allem verbunden“. Ich schaue auf die Bühne und bete, dass das nicht stimmt.

Hüther wirkt etwas verzweifelt, er scheint das Publikum zu verlieren, bereits lange bevor Schluss ist, brechen Menschen auf, die Wiese leert sich, anstatt, sich belehren zu lassen (Danke, ich bin den ganzen Abend hier), also holt er ein sicheres Ding raus und gibt richtig Gas: Schule. Schule ist doof, macht Kinder zu Konsumenten, treibt Kindern das Gestalten aus. Schule ist doof. Überhaupt, das Bildungssystem sei eine Katastrophe. Denke ich an den Professorentitel Hüthers möchte ich zustimmen.

Ein kleiner Abstecher zur Diskussion über ein Bedingungsloses Grundeinkommen, welches Hüther kritisch sieht. Hüther, dem Kritiker der Konsumgesellschaft, entlockt dieser Punkt die Äußerung, wenn man Menschen Arbeit gebe, gebe man ihnen Würde. Nach allem, was an diesem Abend bereits gesagt wurde, bin ich schon froh, dass niemand sich entblödet, zu behaupten, dass Arbeit auch frei mache.

Jakeit schaut noch mal im Phrasensack nach und findet, wir sollten „die Vergangenheit loslassen und nach vorne schauen.“ Nichts leichter als das, dieser Abend ist ja bald vorbei.

Hüther, beleuchtet von mehreren 100 Watt, mit ähnlich viel Schallverstärkt vor einem Publikum hunderter Menschen, gibt zu bedenken, wenn man „sich nicht bedeutsam aufspielen muss, dann habe ich meine Würde“. Jetzt habe ich beinahe Mitleid mit Hüther, der mit dem Satz schließt: „Wir können nicht anders handeln als wir denken und nicht anders denken als wir fühlen.“ Klingt klug, ist aber vollkommener Unsinn, ein echter Hüther. Damit hat er den Abend würdig beendet.

  1. Rechts vor Links.
07:00 23.08.2018
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Geschrieben von

diaphanoskopie

"...im Gegenlicht der Wirklichkeit." - Ich hab' mal jeden Scheiß geglaubt. - @diaphanoskopie
diaphanoskopie

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