Auf dem Weg

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Der Autor ed2murrow schreibt hier auf freitag.de.

Das war schon gespenstisch, mitten im Juni 1970, mitten in der Nacht und ziemlich mitten in Rom, als ein paar Zeitzonen weiter westlich Karl-Heinz Schnellinger zum 1: 1 ausglich und damit eine Spielverlängerung erzwang. Überall standen wegen der Schwüle die Fenster weit offen, von unserer Küche im achten Stockwerk aus hatten wir einen guten Blick auf andere Wohnungen, wie dort die Partie Italien und Deutschland miterlebt wurde. Viele saßen am Radio, das TV, natürlich schwarz/weiß, war noch nicht allgegenwärtig; wir hatten so ein Gerät, weil sich ein Jahr vorher ebenfalls Epochales ankündigte, die Landung auf dem Mond. Aber noch wussten wir nicht, dass das Match als partita del secolo, als Jahrhundertspiel in die Annalen eingehen würde.

Bei Schnellingers Tor, pikanterweise spielte er zu der Zeit beim AC Milan, jubelten nur wir, diese kleine deutsche Enklavenfamilie, während hundert Minuten vorher, als Boninsegna getroffen hatte, caput mundi eben dort stand: Auf dem Kopf. So ging das hin und her, unser Häuflein frohlockte bei Müller, während um uns herum Burgnich und Riva lauthals zum Zuge kamen. Nach dem 3:3 durch Müller kroch die Eiseskälte der Stille bis unter die Haut, was würde wohl der nächste Tag bringen? Irgendwie war in der 111. Minute mit dem Tor von Gianni Rivera die Welt, die damals auch zwischen Deutschen und Italienern noch eine Aufenthaltserlaubnis im jeweils anderen Land erforderte, wieder in Ordnung.

Man sagt, die Begegnungen zwischen diesen beiden Nationalmannschaften seien zwar immer sehr emotional, aber nie wirklich ernst. Das liegt womöglich daran, dass Italien dann, wenn es wirklich um etwas ging in der Fußballwelt, zwar stets die eine Fußspitze näher am Erfolg war, aber augenzwinkernd: Theatralik auch beim Hinfallen siegt gegen deutsche Tugend. Ich kann das nicht beurteilen, denn von Fußball habe ich wirklich keine Ahnung. Mit ist nur gestern Özil aufgefallen, eine so schöne Schwalbe wäre eigentlich einen Theaterpreis wert.

Vielleicht entdecken heute Abend die Azzurri in der Eiseskälte von Kapstadt nordländische Qualitäten? Denn mittlerweile brauchen wir keine Genehmigungen mehr, uns aufzuhalten, die Fahrt über den Brenner verläuft ohne Unterbrechung, dem Austausch stehen kaum noch Hemmnisse entgegen. Es war ein langer Weg dahin, auch mich nicht mehr zwischen zwei Mannschaften entscheiden zu müssen. Erst recht nicht in Farbe.

15:54 14.06.2010
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Geschrieben von

Die Ahnungslosen

Blogger mit wenig bis gar keinem Fußball-Wissen schreiben über ihre EM-Erlebnisse
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gerhardhm | Community
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walter-ter-linde | Community