Der Fußballgott gegen Rooney und mich – Mein zweiter Spieltag

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Der Autor KalleWirsch schreibt hier auf freitag.de.

Eigentlich wollte ich mir ja alle Spiele ansehen an diesem zweiten Spieltag. Doch daraus wurde nichts. Das erste Spiel fiel zwei Folgen Dallas zum Opfer. Ich kann nichts dagegen machen. Ich hätte mir diese DVDs nicht kaufen dürfen. Wenn ich damit einmal anfange, kann ich nicht mehr aufhören. Und ich frage mich jedes Mal warum. Die Charaktere sind total überzeichnet, die Frauen bei Dallas sind so dumm, dass man Mitleid mit den fast schon kriminell chauvinistischen Männern bekommt, die Sätze sagen wie, Lucy, warum kümmert dich dein Studium, wenn du Mrs Beam wirst. Aber es ist stärker als ich. Offensichtlich auch stärker als Fußball. Das Spiel muss aber langweilig gewesen sein, denn ich habe immer aus dem Fenster nach Toren gelauscht und nichts gehört. Nach Toren lauschen funktioniert in Friedrichshain ganz gut. Meine Straße ist übersät mit Flatscreens und Fußballguckern. Genügend Gröler sind also vorhanden. Nun muss man nur noch auf den Spielplan schauen, welche Mannschaft am politisch korrektesten ist oder für welche Mannschaft es irgendwie crazy ist zu jubeln. Das Torverhältnis kann man aus Ja-Rufen und Oh-Nein-Schreien eruieren und liegt oftmals richtig. Südkorea gegen Griechenland scheint weder cool noch crazy gewesen zu sein. Wobei ich mit ein bisschen mehr Solidarität mit Griechenland gerechnet hätte. Schon lustig so ein Szenebezirk.

Jetzt noch schnell mit dem Hund raus und dann Argentinien gegen Nigeria anschauen, denke ich, während ich mich ärgere, dass das Rosis, mein Lieblings Öffentliches Gucken Ort, keine Hunde mehr erlaubt. Fehlt nur noch, dass sie in einem der abgefucktesten Clubs Berlins die Kehrwoche einführen. Aber, wie gesagt, es gibt genügend Möglichkeiten hier in Gesellschaft Fußball zu schauen. Doch auch dieses Spiel muss ohne mich stattfinden, denn eine Freundin tanzt auf dem schwullesbischen Stadtfest in Schöneberg und ich habe versprochen zu kommen. Bis dato wusste ich nicht, dass es GypsyTribalDance gibt. Besonders irritiert hat mich, dass die Leiterin der Tanzgruppe noch männliche Mitstreiter sucht, nachdem sie vorher ins Mikro säuselt, dass sie in den Gruppenstunden auch Beckenbodentraining machen. Haben Männer einen Beckenboden? Mal ernsthaft. Hier nach Toren zu lauschen scheint mir aussichtslos. Und ich stelle mal wieder fest, dass mir diese Ghettofeste einfach nicht liegen. Und das noch nicht mal, weil einem sämtliche schullesbischen Klischees um die Ohren gehauen werden, bis sie bluten. Nein, das alles ist mir zu hermetisch und irgendwie provinziell. Nach der Tanzdarbietung meiner Freundin schlendere ich nochmal über das Fest. Vielleicht gibt es hier ja auch Public Viewing. Fußball gucken mit ein paar richtigen Tunten und hysterischem Geschrei stelle ich mir super vor. Meine Suche bleibt jedoch erfolglos und als eine Gruppe Männer an mir vorbeiläuft, die sich mit Schwul- und Passiv-Aufklebern geschmückt haben, entschließe ich mich schnell nach Hause zu fahren, um den Rooney Porno nicht zu verpassen.

Der Fußballgott scheint mir allerdings am heutigen Tage nicht sonderlich gewogen. Bis ich Hund und Fußballmitguckerin eingesammelt und an meinem alternativen Öffentliches Gucken Ort Platz genommen habe, ist bereits das erste Tor gefallen. Bis dahin sollen die Engländer gut gespielt haben. Ich aber sitze im Nieselregen, friere, weil ich meine Trainingsjacke vergessen habe und sehe mir ein langweiliges Fußballspiel an mit nur drei Rooney-Großaufnahmen. Zwischendurch frage ich mich, ob ich bei der Hüpfball-WM zuschaue. Überhaupt ist alles verwirrend bei diesem Spiel. Da die Spieler alle englische Nachnahmen tragen und ich nur Rooney kenne, kann ich dem Kommentator überhaupt nicht folgen und verstehe nur Bahnhof. Den Namen Green merke ich mir schnell. Und das schon vor seinem Faux pas. Erstens sieht er verdammt gut aus und zweitens trägt er ein farblich auf seinen Namen abgestimmtes Trikot. So viel Feinsinnigkeit hätte ich einem Engländer gar nicht zugetraut. Aber wieso hat er die Nummer 12 und nicht die 1? Auch den Namen des amerikanischen Keepers (ich dachte ich verwende in einem Fußballblog auch mal Fachsprache) merke ich mir schnell, denn er ist für meinen Geschmack zu gut. Ich bin für die Engländer und deshalb kann ich Howard nicht leiden. Ich trinke fünf Bier und fange schon aus Langeweile an mit meinem Hund zu reden, als gegen Ende des Spiels das Unglaubliche passiert: Foul an Rooney. Hallo? Rooney wird nicht gefoult. Rooney foult. Kann das bitte jemand den Amerikanern mal erklären? So etwas möchte ich nicht noch mal sehen. Das hat Wayne nun davon, dass er sich das ganze Spiel über abrackert, ihm niemand hilft und er trotzdem fair bleibt. Von wegen der Einsatz von Rooney ist vorsätzliche Körperverletzung. Rooneys Körper wurde verletzt. Noch nicht einmal mit einer roten Karte wurde das geahndet. Am Ende des Spiels steht eines fest. Der Fußballgott hat Wayne und mich verlassen. Das eint uns. Wayne wurde gefoult und im Stich gelassen. Ich stehe im Tippspiel auf Platz 101. Wenn die Deutschen heute verlieren, besinne ich mich auf meine norwegische Großmutter und wander aus.

15:05 13.06.2010
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Geschrieben von

Die Ahnungslosen

Blogger mit wenig bis gar keinem Fußball-Wissen schreiben über ihre EM-Erlebnisse
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