Ist doch alles nur ein Spiel! Oder? - Tausend und keine Antworten

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Der Autor KalleWirsch schreibt hier auf freitag.de.

Nach gefühlten zwei Monaten WM ist mir eines klar geworden: Fußball könnte so schön sein, wenn wir und er sich selbst sich nicht so ernst nehmen würde. Aber surfen wir kurz im Raum-Zeit Kontinuum zurück auf den Anfang. Die Vorberichterstattung erreichte mich erst bei der Nachricht von Boatengs Foul an Ballack. Und das eigentlich auch nur, weil ich Ballack unsympathisch finde und die mediale Hetzjagd auf Boateng ein neues Maß an Widerlichkeit erreichte. Schon vorab wurde der Sündenbock installiert, der für ein mögliches Scheitern der Nationalelf geschlachtet werden konnte. So etwas nennt man Rufmord – oder eben Boulevard. Es schien nicht möglich zu sein, ein Foul als das anzusehen, was es ist: ein Regelverstoß. Nicht mehr und nicht weniger. Der Grundtenor dieser Inquisition, Boateng der Asi aus dem Wedding, der Rächer ohne Moral, der sich an der Lichtgestalt des Fußballs vergreift, hat mich dermaßen angeekelt, dass ich fast keine Lust mehr auf die WM hatte.

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Dabei freue ich mich wie ein Kind auf jede Fußball WM. Dass ich von Fußball so gut wie keine Ahnung habe und in den vier Jahren dazwischen mein Interesse für diesen Sport gegen Null geht, tut der Vorfreude dabei keinen Abbruch. Ich liebe Wettstreite wie Olympia, Eurovision Song Contest und eben die Fußball WM. Punktevergaben, Statistiken und Medaillenspiegel sprechen etwas genetisch tief in mir verankertes an, was mir große Freude bereitet. Und auch, wenn ich mit Nationalbewusstsein ansonsten wenig am Hut habe, so bin ich bei diesen Veranstaltungen Teilzeitpatriot. Einfach weil es mir Spaß macht. Außerdem ist es mindestens genauso idiotisch aus politisch korrekten Gründen plötzlich Afrika Fan zu sein (und zwar von allen afrikanischen Mannschaften), wie die Entscheidung für ein paar Wochen mit Deutschland mitzufiebern.

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Ich würde nicht soweit gehen mit Fahnen oder ähnlichen Fan Devotionalien herumzulaufen, aber es stört mich auch nicht. Selbst wenn ich alle paar Meter auf schwarz-rot-gold und unsportliche Menschen in Deutschlandtrikots treffe. Denn es ist gar nicht die Masse, die diesen Rausch irgendwann kippen lässt, es ist die Qualität. Und dass es kippt, verdränge ich anscheinend während der vier Jahre WM Pause stets von Neuem. Da wird plötzlich Freude durch Ernst ersetzt, Fröhlichkeit durch Verbissenheit. Wie das passiert kann ich nicht sagen. Ich beobachte es nur. Wenn ich bei den ersten Spielen der WM durch meinen Kiez laufe, dann sehe ich überall Menschen auf der Straße, die gespannt vor den Flatscreens der Kneipen sitzen, zusammen Bier trinken und sich die Seele aus dem Leib schreien. Das alles hat noch eine unheimliche Leichtigkeit, die mich ansteckt, mich dazu zu setzen und mit zu brüllen. Ich rege mich über die doofen Schiedsrichter auf, sehe Fouls wo keine waren und reihe mich ein in die kollektive Besserwisserei von Passivsportlern. Das alles scheint mir ein großes lustiges Spiel, obschon mit einer gehörigen Portion Verbalaggression. Aber gegen ein bisschen rumprollen mit Augenzwinkern habe ich nichts einzuwenden.
Mir ist schleierhaft, wieso ich den Umschwung nie mitkriege. Mit einem Mal geht alle Leichtigkeit den Bach runter. Die Äußerungen bleiben dieselben. Es ist die Haltung hinter „die machen wir heute fertig“ die sich ändert. Ohne Humor und Ironie veranlasst so ein Satz kein Schmunzeln mehr bei mir, sondern vielmehr das Gefühl von Bedrohung. Die Fahne, die vorher locker am Gürtel hing wird jetzt als Gladiatorenumhang getragen. Der Freudensprung von der Bierbank bei einem Tor, wird zur verzerrten Siegerpose mit in die Luft gestreckten Fäusten, unterlegt von einem Brusttonprimatengrunzen. Und der Boulevard fährt die Ernte ein mit Schlagzeilen wie:
Boah Peng Peng Peng (dazu wird unter Boatengs Bild noch einmal an das Foul an Ballack erinnert)

Auch bei dieser WM hat es mich kalt erwischt. Ein paar Tage lief ich herum und fragte mich, was passiert sei. Wieso störten mich die Gesänge, die Fahnen, die Fußballlieder, die aus den Wohnungen drangen jetzt. Ich konnte es nicht greifen, vermutete ich sei einfach overdosed von so viel geballtem Fußball. Wenn man sich einen zwei Wochen langen GrandPrix vorstellt, ist dieser Gedanke auch nicht von der Hand zu weisen. Die Erklärung für meine Irritation bekam ich dann kurz vor dem Spiel Deutschland gegen Ghana. Eine Freundin brachte mich nach Hause und wir blockierten mit dem Auto die Straße, weil wir uns festgequatscht hatten. Hinter uns hupte es und beim Umschauen erblickte ich einen voll beflaggten Bulli, mit laut grölenden Fußballfans. Als ich genervt ausstieg trötete der Fahrer in seine Vuvuzela und rief: „Gib Gas, Alter. Wir haben müssen das Spiel sehen. Es geht um Leben oder Tod.“ Danach brach er mit seinen Kumpeln in schallendes Gelächter aus, auf das ich dann endlich wieder mit einstimmen konnte und betont langsam, begleitet von Hupen und ironischen Beschimpfungen, die Straße räumte. Das war es also, was mir fehlte. Der Humor. Die Selbstironie. Der Spaß am Spiel, auch dem Spiel mit dem Kampfgeist und dem Patriotismus. Für mich funktioniert es nur so.
Das Spiel gegen Ghana habe ich mit Freunden bei mir zuhause geguckt. Wir haben dummes Zeug geredet, gegrölt und trotz mangelndem Fachwissen gefachsimpelt. Es war ein großer Spaß und so langsam bekomme ich wieder Lust auf die WM. Jedenfalls bin ich entschlossen, mir den Spaß nicht von den Spaßlosen rauben zu lassen. Selbst mein Humor für BZ Schlagzeilen scheint wiederzukehren. Obwohl die Schlagzeile – Und jetzt schnappen wir uns die kleinen Engländerinnen – es mir nicht gerade leicht macht. Eben dieses Spiel gegen England wird für mich noch mal hart. Ich habe Deutschland als Weltmeister getippt. Aber ich möchte auch nicht auf Wayne verzichten. So habe ich mich entschlossen für Deutschland zu sein und jedes Tor von Rooney genauso zu feiern, wie die der Deutschen. Ich fürchte nur, das sollte ich lieber hinter verschlossenen Türen tun.

Sollte irgendein göttliches Wesen im Universum existieren, so möge es bitte verhindern, dass auf dem Boulevard aus dem Endspiel der Endsieg wird.

14:00 26.06.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Die Ahnungslosen

Blogger mit wenig bis gar keinem Fußball-Wissen schreiben über ihre EM-Erlebnisse
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walter-ter-linde | Community
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