Public Being

Leipzig Findet richtiges Fußball-Gucken nur in den Stadien statt, in der körperlichen Gleichzeitigkeit des Erlebens?
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Diese Stadt kann eine Menge stemmen: Bach on Air, MDR Klassik Tag , Deutschland vs. Portugal … Alles draußen, alles gut besucht. Public Being sozusagen. Privat war gestern. Ein Exhibitionist macht noch keinen Sommer, doch mit steigenden Temperaturen wird er sichtbar: der Brauch, andere teilhaben zu lassen an Bindegewebsschwächen und Eskapismus. Wartet unter dem Pflaster der Strand?

Auf dem Dach der Moritzbastei finden in Sonne und Wind zwölf Cellisten zusammen – das lässt an den einen Bürgermeister denken, der es mit nur einem Cello geschafft hat, Leipzig in den engeren Bewerberkreis für die Olympischen Spiele zu bringen. Dona nobis pacem. Unten verteilt das Sandmännchen Luftballons.

In diesem Sommer wären sie gewesen, die Spiele. Werden sie auch sein, allerdings in London. Nicht in Leipzig. Der jetzige OBM teilt mit Facebook-Freunden seine Sicht aus Richtung VIP-Zelt auf die Markt-Bühne, wo die Prinzen und das Ensemble amarcord mit Bach und Pop unterhalten.

Helmut Kohl irrte, als er von einem „kollektiven Freizeitpark“ sprach. Das Land gleicht unter freiem Himmel eher einem kollektiven Feierabendpark. Die Arbeit ist erledigt, jetzt kommt das Vergnügen. Biergärten sind so nachdrücklich beflaggt wie weiland der Palast der Republik am 7. Oktober.

Der Abend führt sie alle zusammen: Bach-Fans, Klassik-Freunde, Fußball-Jünger. Ob sie wollen oder nicht. „Public Viewing“ ist ein Blick durchs Schlüsselloch ins deutsche Wohnzimmer. Da kann Vati eine ganze erste Halbzeit lang nur mit Bier bei Laune gehalten werden, und Mutti schmückt sich vergebens – hier mit schwarz-rot-goldenen Accessoires.

„Das ist nichts anderes als Karneval oder Oktoberfest“, sagt einer, der aus dem Rheinland zu Besuch ist und es also wissen muss. Richtiges Fußball-Gucken finde in den Stadien statt, in der körperlichen Gleichzeitigkeit des Erlebens. Es gehe um den Moment des Gerührtseins – gemeinsam mit tausenden, zehntausenden anderen.

In der Halbzeitpause gibt’s statt EM on Air für alle „Tagesschau“: Syrische Rebellen verlieren gegen die Armee, Spanien gegen die Wirtschaftskrise, Wowereits Vertrauter den SPD-Landeschefposten, jeder Facebooknutzer ein Stück Datenschutz und Bundespräsident Gauck in Kassel ein paar Worte über die Kunst. Da tut ein Tor der Seele gut. Jubel in der 72. Minute. Das Versandhaus „Lands’ End“ reagiert noch in der gleichen Nacht: „Volltreffer! Wie feiern den Sieg mit 20 % auf das gesamte Sortiment.“

Erlösung, Ablass, dona nobis pacem.

Der Beitrag ist zuerst an dieser Stelle erschienen.

kay.kloetzer ist Bloggerin und schreibt hier auf freitag.de

17:13 11.06.2012
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Geschrieben von

Die Ahnungslosen

Blogger mit wenig bis gar keinem Fußball-Wissen schreiben über ihre EM-Erlebnisse
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