Samba gegen Marschmusik 2:1

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Der Autor hoch21 schreibt auf nach21.wordpress.com.


Es folgt eine freie Nacherzählung des WM-Spiels von Brasilien gegen Nordkorea. Wer keine Lust hat, diesen Text komplett zu lesen und eigentlich nur erfahren möchte, wie das Spiel ausgegangen ist, dem sei es gleich hier verraten: 2:1 für Brasilien.

(Was immer die jetzt damit auch anfangen können! Ich habe davon nämlich keine Ahnung!)

Dienstag, der 15. Juni 2010. Es ist 20:30 Uhr.
Ich habe Erdnüsse gekauft. Ich trinke Bier.
Ich schaue ein Fußballspiel. Ich weiß nicht weshalb.

Die Mannschaften laufen ein, beziehungsweise sie werden von afrikanischen Kindern zum Geschehen geführt wie meine Oma Mathilde zum Wurstbuffet im Seniorenstift. Um die Zuschauer von diesem traurigen Anblick abzulenken, streut der Sprecher schnell ein paar aktuelle Meldungen ein:

Nur Dank langjähriger Vorbereitungen ist es dem Sponsor Coca-Cola möglich gewesen, die Temperatur in Afrika rechtzeitig zur WM so weit zu senken, dass für die Kühlung der Softdrinks auf die ideale Trinktemperatur keine klimaschädlichen Kühlschränke betrieben werden müssen.
Einer der derzeit allgegenwärtigen Sprecher von BP kündigte daraufhin heute ganz woanders an, dass der Energiekonzern mit einem ähnlichen, jedoch eigens entwickelten Verfahren, der Welt bis 2019 ein weiteres Totes Meer, sowie weitere einhundert bedrohte Tierarten schenken möchte.
Die letzte Meldung betrifft die verheerende Insektenplage, die derzeit in Afrika wütet. Das WM-Land leidet noch immer unter der schwersten Überpopulation von südafrikanischen Posaunenhummeln (Vuvuzela jerichosa) seit dem Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2009. Während des Spiels sind die Ausmaße der Katastrophe unüberhörbar, die Todesschreie der von Milliarden hungriger Posaunenhummeln befallenen Zuschauer und das Tosen der wütenden Insekten im Hintergrund der Fernsehübertragungen vermitteln ein entsetzliches Klangbild dieses unvorstellbaren Grauens.

Ich esse gelangweilt Erdnüsse.

Der Sprecher liest eine spanische Speisekarte vor, während die Kamera über die Gesichter der brasilianischen Spieler wandert. Meeresfrüchte und Cocktails, ich bekomme Hunger. Dann kommen die Nordkoreaner dran, der Sprecher zitiert mit abgehackten Lauten aus der koreanischen Programmieranleitung des VHS-Kassettenrekorders meiner Eltern. Nicht umschalten während der Aufnahme! Daraufhin gibt es hübsche Musik, während die Spieler fassungslos auf den Horror aus tödlichen Insekten und sterbenden Zuschauern starren und stumm Gebete sprechen. Ein nordkoreanischer Spieler bricht weinend zusammen. Zuhause in Pjöngjang sitzt zeitgleich Kim Jong-il in seiner Demagogen-Loge, schaut südkoreanisches Fernsehen, isst entspannt eine Bratwurst und notiert auf einer Serviette, dass diese peinliche Heulsuse nach ihrer Rückkehr sofort standesgemäß erschossen wird. Dann lässt er seinen Koch in siedendem Öl braten, denn auf seiner Bratwurst fehlt Senf. Das geht ja wohl mal gar nicht!

Auf dem Spielfeld in Johannesburg wird derweil eine Münze geworfen. Anpfiff.
Danach passiert leider sehr lange nicht wirklich viel. Die Brasilianer frieren, freuen sich über ihr erstes Weihnachtsfest und bauen mit Freudentränen in den Augen Schneemänner im Strafraum und reiben sich die violett gefrorenen Körperteile, während die Nordkoreaner der Welt zeigen, wie man als Nationalmannschaft einer jungen und hoffnungsvollen Atomstreitmacht Fußball spielt. Siebzehn Tore für Nordkorea in der ersten Spielminute. Kim Jong-il, der als einziger Nordkoreaner noch einen Fernseher und eine Steckdose besitzt, verkündet den grandiosen, jedoch ganz und gar nicht nicht überraschenden Triumph mit der feierlichen Hinrichtung von siebentausend Insassen seiner diversen Besserungsanstalten. Das Volk jubelt. Endlich mehr Essen!

Damit endet die erste Halbzeit auch schon und in Nordkorea beginnen die Feierlichkeiten anlässlich der gewonnen WM. Kim Jong-il schreibt noch schnell einen Post-it und klebt ihn im Badezimmer an seinen Ganzkörperspiegel. Darauf steht:
1. Nationalmannschaft auspeitschen und dann ausbluten lassen. Kopfüber.
2. Toilettenpapier kaufen!
3. Wenn Dir das Leben eine Zitrone gibt, brenn‘ die Anbauzone nieder!

Währenddessen bricht in einer Umkleidekabine in Afrika der brasilianische Nationaltrainer Carlos Dunga über seine frierende und in Winterstarre gefallene Mannschaft herein wie meine Mutter Erika montags um neun in die örtliche NKD-Filiale, wenn Unterbekleidung für Herren im Angebot ist. Die zur Entspannung des Teams mitgeführten Samba-Tänzerinnen fliehen mit flatternden Tangas weinend aus der Kabine, verwerfen ihre Pläne, in Kürze Vaterschaftstests und dann Unterhaltszahlungen einzuklagen und belegen stattdessen Sprachkurse, um Staatsanwältinnen in New York zu werden.

Derweil muss ich mir ansehen, wie fett Oliver Kahn geworden ist. Meine Güte! Ich schiebe die Schale mit den gesalzenen Erdnüssen außer Reichweite und tausche mein Bier gegen stilles Mineralwasser aus. Die zweite Halbzeit beginnt in Kürze. Wo ist meine Nagelfeile? Noch einmal solche fünfundvierzig Minuten überstehe ich nicht ohne eine sinnvolle Tätigkeit. Ich finde einen Zahnstocher in der Sofaritze. Geht auch. Anpfiff zur zweiten Halbzeit.

Da passiert dann auch endlich mehr. Der Beweis für den Erfolg von Gewaltandrohung schießt nach fünf Minuten ein Tor. Nein, ich meine die Brasilianer. 1:0 für Brasilien. Zwar habe ich keine Ahnung von Fußball, doch der Eintrittswinkel dieses Fußballs würde meiner Ansicht nach selbst diese mich seit drei Tagen terrorisierende und akrobatisch sehr talentierte Stechmücke in meinem Schlafzimmer noch beeindrucken. Große Freude auf dem Rasen, schweißnasse Männerliebe in Großaufnahme. Ja, die heißblütigen Brasilianer! Ich beginne zu verstehen, warum Fußballliebhaber und meine beiden ballsportbegeisterten schwulen Freunde von brasilianischen Spielern nur mit aufgerissenen Augen sprechen. Zwei Minuten später habe ich es jedoch schon wieder vergessen und frage mich, was die Nordkoreaner da eigentlich machen. Die sind in meinen Augen gar nicht übel und ihre Beine sind sehr flink, aber für Nordkoreaner zielen, schießen und treffen die miserabel. Gerade das sollte doch als Nationalmannschaft eines Landes unter einer Militärdiktatur besser funktionieren!

Das zweite Tor für Brasilien verpasse ich (Einen halben Liter stilles Mineralwasser auf zwei Bier, das lass‘ sein!), dafür bekomme ich das Tor der Gleichschritt-Roboter aus Videorekorder-Land mit. Ich bin mindestens ebenso überrascht wie die eilig gezeigten Ausleih-Fans aus China. Carlos Dunga frisst am Spielfeldrand vor Wut einen Spieler von der Ersatzbank. Man erkennt die Hoffnung in den Gesichtern der Nordkoreaner, ihrer Exekution vielleicht noch entgehen zu können. Möglicherweise ist es aber auch Panik. Oder es ist Euphorie. Oder Magenschmerzen. Ich bin mir da nicht sicher.

Am Ende steht es 2:1 für Brasilien.
Die brasilianische Mannschaft gewinnt das Spiel und die nordkoreanische verliert ihr Leben. Nur drei Tore in 93 Minuten, was für eine Zeitverschwendung!
Die Überlebenden des Posaunenhummel-Angriffs flüchten aus dem Stadion.
Ein Nordkoreaner zieht sich aus und sein Atem dampft weiß in der Kälte Afrikas.
Kim Jong-il poliert kichernd seine Pantoffeln aus waffenfähigem Plutonium.
Dann kommt wieder Oliver Kahn. Ich schalte schnell den Fernseher aus.

(Nun noch eine kleine Auswahl von Begriffen, die ich in diesem Text nicht verwendet habe, weil sie entweder vollkommen uninteressant sind oder ich sie nicht verstehe:Torchance, Elfmeter, Stürmer, Foul, Viertelfinale, 1966, Jong Hun Kim, Pak-Doo Ik, Tae Se Jong, Flanke.)

17:25 16.06.2010
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Geschrieben von

Die Ahnungslosen

Blogger mit wenig bis gar keinem Fußball-Wissen schreiben über ihre EM-Erlebnisse
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