Tag 1. Das große Spielen.

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Die Autorin Mingus schreibt hier auf freitag.de.



In der Nacht von Donnerstag auf Freitag träume ich schlecht. Erst schlafe ich nicht ein und grüble vor mich hin. Mir fällt ein, dass ich ab morgen als Ahnungslose über die Fußball-WM schreiben darf, aber plötzlich liegt das ganze Gewicht auf ahnungslos. Ich kann doch nicht über etwas schreiben, von dem ich keine Ahnung habe. Und Ahnungslosigkeit ist auf Dauer auch kein Thema, das spannender wäre als eine Dissertation gleichen Titels. Nicht so spannend wie ein Spiel. Für die, die's mögen.

Ich schlafe ein und höre im Traum immerzu ein „bumm – tschak“, eintönig und leicht versetzt, wie bei Herzrhythmusstörungen. Ich öffne meine Traumaugen und sehe einen weißen Ball, der immerzu an eine Betonwand ballert, aber keiner ist da, der ihn schießt. Er schießt sich selbst. Ich hüstle, vielleicht kann ich dem Traumgeschehen damit eine Wendung hin zu einer Lösungsmöglichkeit für mein Problem geben, vielleicht erscheint mir der Bundestrainer und diktiert mir den Text für das Ahnungslosen-Blog. Ich werde bei den Ahnungslosen mit Schimpf und Schande davon gejagt und bin fortan eine Verräterin.

Stattdessen hört der Ball auf, sich selbst an die Wand zu schießen und rollt auf mich zu, überrollt mich förmlich, ich falle im 90°-Winkel auf den Rücken und der Ball kommt auf meiner Brust zum Stehen. Das Nichts öffnet sich mir. Ein großer, gähnender Ball. Er hat plötzlich einen Mund, schmale schwarze Lippen und strahlend weiße Zähne. Eine Art Matrix-Ball mit perfekt programmierten Gesichtszügen. Leicht gelangweilt.
Bevor der Ball zu sprechen beginnt, erwache ich, schweißgebadet. Es ist schwül, der Wetterbericht hat für das Wochenende Regen angesagt und ich weiß nicht, was ich tun soll.

Am späten Nachmittag habe ich ca. 50 Personen angerufen, angemailt, angefleht. Gefühlte 100. Ganze 4 haben sich bereit erklärt, mit mir zu boykottieren. Wir werden grillen gehen und einen Ball mitnehmen. Wir gehören nicht zu denen, für die der Sport vor der Mattscheibe endet.

Das Grillen fällt ins Wasser, der Himmel bestraft uns mit sintflutlichem Regenfall. Als er wieder aufklart, ist es draußen schon dämmrig und unsere Mägen beherbergen das, was die Pfanne dem Grill an Arbeit abgenommen hat. Plus einer gewissen Menge weißen Weins, die uns die Idee gut finden lässt, augenblicklich unser ursprüngliches Vorhaben in die Tat umzusetzen und uns in Richtung Bolzplatz im Park um die Ecke aufzumachen.

Der Platz mit dem Tartanbelag ist rutschig vom Regen und drei der Mitspieler outen sich als vertraut mit den Regeln. Ein Mann zu wenig für das Tor. Zu fünfen WM spielen ist nicht einfach, aber nicht unmöglich. Wir bilden zwei Mannschaften à 2 Spielern, der fünfte wird Schiedsrichter.

Soviel Spaß hat mir noch keine WM gemacht. Nirgendwo eine Menschenseele, wir haben den ganzen Platz für uns. Abwechselnd lassen wir einander im Tor stehen, Foul und Fairness beherrschen das Spiel. Wir steigern uns rein. Als Mitspieler S. vorschlägt, das Ganze in ein Basketballmatch umzuwandeln, steigt Ehrgeiz in uns hoch. Nie und nimmer. Das ziehen wir jetzt durch. Wir ziehen das durch, bis wir nicht mehr können. 90 Minuten. Gefühlte. Dann breitet die Nacht ihren dunklen Mantel über den Platz und wir gehen zufrieden nach Hause.

Gute Nacht, John-Boy. Gute Nacht, Elizabeth.

10:58 13.06.2010
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Geschrieben von

Die Ahnungslosen

Blogger mit wenig bis gar keinem Fußball-Wissen schreiben über ihre EM-Erlebnisse
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