Tag 4. Der Himmel über dem Feld.

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Die Autorin mingus schreibt hier auf freitag.de.



7.30 Uhr. Ich erklimme die Plattform, lege Sicherungsgurte und Seile ab, sehe mich um. Ich bin ganz allein, hoch über der Stadt. Die Mühe hat sich gelohnt, ein wunderbarer Ausblick, das Morgenpanorama liegt ausgebreitet vor mir.







Die Stadt atmet und öffnet sich dem Tag. Der Verkehr ist hier oben nur noch ein entferntes Rauschen, Vögel zwitschern. Etwas Dunst liegt in der Luft, leichtes Gewölk wandert am Horizont. Ich bleibe eine Zeitlang stehen und höre zu. Fast so, als stünde man im Süden auf einer Ebene und sähe in der Ferne den Rand der Alpen. An einem solchen Tag würde dort eine Ahnung von Fön in der Luft liegen. Das Gebäude da hinten sieht fast aus wie die Domkuppel von Santa Maria del Fiore in Florenz, der Tag verspricht so heiß zu werden wie ein Hochsommertag in der Toskana.

Ich besinne mich auf meinen Plan. Ich möchte einen Blick auf das Feld werfen, das ich sonst immer nur von außen und umgeben von Mauern sehe. Man kann dort nur hinein, wenn man Eintritt bezahlt und außerdem mit sehr vielen Menschen zusammen steht. Ich hasse Menschenansammlungen. Ich bin klaustrophobisch veranlagt und ertrage es kaum, mich in enge Räume zu begeben, geschweige denn in großen Menschenansammlungen zu stehen.
Außerdem will ich sehen, ob hinter der Mauer der Paradiesgarten in voller Blüte steht. Während meiner ersten Schuljahre hatte ich einen Schulweg, der mich jeden Tag an einer langen Mauerflucht vorbei führte. Ich wusste nicht, was sich dahinter befand, war mir aber sicher, dass dort ein verbotener Garten wäre, der vor Blicken geschützt sein musste. Es fand sich keiner, der mich hochgehoben hätte, um einen Blick in den Garten zu erhaschen. Viele Jahre später – ich war längst in eine andere Stadt gezogen – kehrte ich zu dieser Straße zurück. Die Mauer war abgerissen und eine Schnellstraße war gebaut worden. Daneben lagen die Bahngleise, viel älter, als ich es bin, im Schotter wuchsen vereinzelt Grasbüschel. Aber Mauern haben die Aufgabe, etwas vor Blicken zu schützen und ich bin mir sicher, dass es eine Mauer gibt, hinter der dieses Geheimnis verborgen liegt.

Der Garten liegt auf der anderen Seite der Plattform, deren Fläche groß ist und ich laufe über Kiesel und Steinplatten hinüber. Jetzt kann ich es sehen, das Feld. Es ist eine große Wiese und perfekt gepflegt, sogar aus dieser großen Entfernung kann ich das erkennen. Rasensprenger sind aufgestellt und tränken die Erde. Auf der linken Seite liegt noch etwas Schatten, aber bald steht die Sonne so hoch, dass alles im Licht liegen wird. Kühle weht herauf, der Rasen trinkt sich satt. Bestimmt wäre es sehr schön, einmal auf diesem Platz herum zu laufen und laut zu rufen. Ob es wohl von einem bestimmten Punkt aus ein Echo gibt?

An sich mag ich die reine Rasenfläche nicht. Ich liebe verwilderte Gärten, in denen alles sprießt und wächst, wie es aus der Erde kommt. Dazwischen alte Obstbäume, deren Zweige schon den Boden berühren. Aber dieses Grün hat etwas Anziehendes, das muss ich zugeben. Natürlich weiß ich, dass ich einen exklusiven Blick darauf werfe und dass normalerweise nur der Hausmeister, der für das Gelände zuständig ist, einfach ganz alleine darauf herumwandern und ausprobieren kann, ob es ein Echo gibt. Denke ich mir. Was weiß ich schon von den Bemühungen, die unternommen werden, um dieses Stück Land mitten in der Stadt so grün zu erhalten.

Na gut, mission accomplished. Ich muss mich von dem Anblick trennen, vielleicht rufe ich ja doch mal den Hausmeister an und frage, ob ich nicht einmal, nur ganz kurz... oder vielleicht darf ich ihm helfen, beim Aufstellen der Rasensprenger.

Auf dem Rückweg zu meiner Ausrüstung schweift mein Blick. Ach ja. Der Morgen ist zum Vormittag geworden und ich muss sehen, dass ich zu meinen Tagespflichten gelange. Wolkenstreifen überziehen allmählich den Himmel, vielleicht schlägt das Wetter heute noch um. Byebye, Wiese, du gefällst mir.






Diesen Beitrag widme ich den aufmerksamen Stadtwanderern seering, hibou und archinaut.

Merci!

13:45 03.07.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Die Ahnungslosen

Blogger mit wenig bis gar keinem Fußball-Wissen schreiben über ihre EM-Erlebnisse
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Die Ahnungslosen

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