Tattoos und Stoßgebete

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Der Autor ed2murrow schreibt hier auf freitag.de.


Die italienische Nationalmannschaft hat „heute alles zu verlieren“, diktiert es Nationaltrainer Lippi in die Feder der Journalisten und wohl auch in die Köpfe seiner Spieler. Die Taktik ist genauso einfach gestrickt. Weil alle Kiwis - so die durchgängige Bezeichnung der italienischen Medien gegenüber den Neuseeländern, wohl aus Platzgründen - „groß und stark“ aber „nicht sehr beweglich“ sind, müsse man „den Ball flach halten und schnell machen.“ Dass jemand angesichts des Tiefsinns dieser taktischen Elaborate nichts von Fußball versteht, sollte vielleicht zu denken geben. Dieser Blogger kann Ihnen versichern: Es berichtet sich wesentlich leichter.

Etwa darüber, dass Stammtorwart Buffon wegen eines Bandscheibenvorfalls nicht wird auflaufen können. Er wird von Federico Marchetti ersetzt, auf internationalem Parkett ein Nobody, aber mit bewegender Geschichte. Nicht nur, dass der 27-jährige es in nur zwei Jahren aus der Regionalliga bis in die Nationalmannschaft geschafft hat. Er hat auch zwei schwere Autounfälle, bei denen zwei Mannschaftskollegen starben, praktisch unverletzt überlebt. Seitdem trägt er das vollständige Ave Maria eintätowiert am rechten Oberarm. Was zu Formulierungen wie „einer vom Wunder Berührten“ geführt hat, „der den Helden von Berlin keine Träne nachweinen lässt“; im Corriere della Sera, der auflagenstärksten Tageszeitung Italiens, bis hierher auch international wie politisch als renommiert gehandelt.

Aber vielleicht ist das alles nur die notwendige Begleitmusik zur eigentlichen Brisanz um die Person. Denn geboren ist Marchetti in Bassano del Grappa, Region Venetien und fußballerisch groß geworden zwischen Piemont und Lombardei. Das ist Padanien, Land der Lega Nord. Deren Regionalismus geht mittlerweile so weit, dass die Moderatoren ihres „Radio Padania Libera“ am vergangenen Montag während der Partie gegen Paraguay völlig unironisch für die Südamerikaner Stimmung machten und bei deren Tor jubelten. Der Bruch eines der letzten Tabus nach Verächtlichmachung von Nationalflagge und –hymne befördert natürlich die Frage, wie das nördliche Eigengewächs, der einzige in der Mannschaft mit einer solchen Vita, mit den angenommenen zwei Seelen in seiner Brust fertig wird. Die Antwort „Als Bub habe ich immer zu Italien gehalten“ verrät bereits das politische Geschick. Marchetti ist kein Kind mehr.

Vielleicht hat Lippi doch recht mit seiner schicksalshaften Einordnung. Gegen eine Mannschaft, die nach einem flugunfähigen und praktisch ausgerotteten Vogel benannt ist, kann tatsächlich alles verloren gehen, nicht nur das Gesicht. So mag das eine oder andere Stoßgebet verständlich werden, das heute Nachmittag zum Himmel geht, es möge gegen die Azzurri ja keinen Elfer geben. Und Maria, bewahre ihn vor einer Gewissensentscheidung.

12:26 20.06.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Die Ahnungslosen

Blogger mit wenig bis gar keinem Fußball-Wissen schreiben über ihre EM-Erlebnisse
Schreiber 0 Leser 0
Die Ahnungslosen

Kommentare