Die dunkle Seite der Fußimacht

St. Pauli Testosteron und Alkohol bringen in manchen Menschen den Fußballproleten zum Vorschein
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Fußball ist nichts, was mir wirklich am Herzen liegt. Als Teilzeithamburger auf St. Pauli und Fansympathisant schaue ich ab und an, ob der Kiezverein gerade auf- oder absteigt, wie es der Hertha geht, entgeht einem als Berliner sowieso nicht. Zumal ich über einem Späti wohne und jeden Morgen beim Verlassen des Hauses mit den Schlagzeilen der Boulevardpresse begrüßt werde. Aber das alles tangiert mich eher peripher, wie man so schön sagt. Zu den Großereignissen allerdings bin ich dabei. Ich tippe, lasse mir zum wiederholten Mal die Regeln erklären, halte Ausschau nach ungewöhnlichen bis angenehmen Public-Viewing-Orten und es stören mich noch nicht einmal die grölenden Touristen in der Tourifraßschleuder schräg unter uns. Zur WM und EM werde ich Teilzeitpatriot. Ich fiebere mit der deutschen Mannschaft, lasse Wir- und Unser-Kategorien zu und schreie Foul bei jeder deutschen Schwalbe. Es ist ein Spiel, wie Fußball an sich. Eine Euphorie, die anstecken kann, auch wenn mir gegen Ende meist die Luft ausgeht und ich froh bin, dass es dann auch wieder vorbei ist. Irgendwer hat dann gewonnen, die Kategorien lösen sich auf. Das Spiel ist aus. Das Leben geht weiter.

Doch dieses Mal komme ich einfach nicht ins Spiel. Und das liegt nicht daran, dass ich zunächst auf Wayne Rooney verzichten muss. Bei der letzten WM hatte ich massig Zeit und konnte fast jedes Spiel sehen, ich war zuhause in Berlin und hatte in direkter Umgebung Public-Viewing-Orte an denen ich sogar bei einem Deutschlandspiel für den Gegner hätte brüllen können. Aber dieses Mal ist alles anders. Ich arbeite bei einer Musikrevue auf St. Pauli, die als Kontrastprogramm zum Fußballtaumel läuft. Jetzt würden wir es uns als genderbewegte Menschen ja wünschen, dass sowohl der Fußball, als auch das Kontrastprogramm nicht geschlechtsspezifisch besucht sind. Die Realität sieht allerdings anders aus. Während die Frauen im Theater euphorisch abfeiern, fiebern die Männer draußen auf dem Spielbudenplatz und dem Heiligengeistfeld beim Fußball mit. Sicher, die Homogenität ist mit 20% Fremdgeschlecht verunreinigt, aber die Tendenz spricht klare Worte. Und meine Arbeitszeiten auch. Die erstreckt sich nämlich über beide Spiele und beschert mir lediglich den spielfreien Montag als freien Tag. Und so kann mich die Euphorie auch nicht packen. Und ohne Euphorie will es mir auch nicht gelingen, über die Begleiterscheinungen dieses Fußballfestes hinwegzusehen. Vielleicht ist das aber auch zu viel verlangt, wenn man auf St. Pauli wohnt und arbeitet.

So hat der gestrige Tag des ersten Deutschlandspiels bei mir am Morgen mit dem Weckruf „Jetzt geht´s los“ begonnen. Ein Blick aus dem Fester rüber zur Pilsbörse verrät mir, dass eine Gruppe junger Testosteronbolzen die Nacht über vorgeglüht hat und sich schon mal im Grölen und T-Shirt-Ausziehen übt. Das ist auf dem Kiez jetzt nichts Ungewöhnliches, passiert aber normalerweise nach dem Spiel und nach durchzechter Nacht, weil man verloren oder gewonnen hat.

Nach dem von versprenkeltem Tröten begleiteten ersten Kaffee führt mich mein Tagesablauf raus auf den Kiez zum Einkaufen, mitten in die knallharte Realität. Und die ist auf dem Kiez zu so ziemlich jeder Uhrzeit knallhart. Morgens um zehn jedoch beschränkt sich die Härte der Realität auf diejenigen, die hier auf der Straße leben. Vielleicht ist es nicht richtig, aber ich habe gelernt, eben diese Realität hier auszublenden. Anders ertrage ich dieses massive Elend jeden Tag einfach nicht.

An diesem Morgen ist der Kiez aber fest in männlicher Fussballproletenhand. Ich weiß nicht wieso, aber ich habe nicht damit gerechnet und so trifft es mich unvorbereitet. Besoffene Horden Jungmänner mit lustigen Deutschlandperücken oder ähnlichen Utensilien, die überall feilgeboten werden, durchstreifen St. Pauli, geben seltsame Laute von sich, die ich im besten Fall als Grunzen bezeichnen kann. Noch seltsamer erscheint mir, dass sie sich mit diesem Grunzen untereinander verständigen und sogar gegenseitig anstacheln können. Das alles ertrage ich noch irgendwie bis ich, mit Einkaufstaschen schwer bepackt, durch eben eine dieser Promillehorden muss. Ein paar von ihnen haben sich in einem Sexshop Netzoberteile gekauft und kommen sich wahnsinnig crazy vor. Als ich sie passiere, machen sich die Honks gerade über einen komatös betrunkenen Obdachlosen lustig, der auf der Straße schläft. Ich verkneife mir einen Kommentar über dieses asoziale und bezüglich des eigenen Promillespiegels auch unangebrachten Verhalten. Ich will nach Hause.

Doch dann kommt einer dieser Hanseln auf die irre lustige Idee, nach den Bananen in meiner Einkaufstasche zu grabschen. Mein Freund sagt, der Kiez wecke innerhalb von zwei Tagen den Ruhrpottproll in mir. Und er hat recht. Ich pampe den Typen ziemlich asi an, möchte ihm am liebsten eine zimmern (wobei ich höchstwahrscheinlich den Kürzeren ziehen würde), stakse dann aber doch lieber schnurstracks in meine Wohnung. Bei Lavendelbad und dem neuen Patti-Smith-Album gelingt es mir, das Draußen für den Rest des Tages auszublenden, bis ich am späten Nachmittag ins Theater muss.

Nach dem, was mir auf dem zweiminütigen Arbeitsweg an komabetrunkenen und vollgekotzten Jungbullen begegnet, wage ich die Vermutung, dass die meisten das Niederlande-Dänemark Spiel zum Ausschlafen ihres Rausches genutzt haben. Und ich nehme an, ähnlich dem Obdachlosen über den sich eben noch erhoben wurde, irgendwo auf dem Bürgersteig.

Ich habe mich auf beide Spiele eigentlich gefreut, habe meine Vorbereitungen für die Show so es ging schon am Vorabend erledigt, um wenigstens das erste Spiel zum Teil sehen zu können. Aber meine Lust auf Fußball ist vergangen. Irgendwie lustlos schaue ich zu. Bis die Kollegen so nach und nach eintrudeln. Alle haben zu tun, aber zwei, drei Leute finden immer Zeit zu schauen und informieren dann die anderen, wie es grade läuft. Die Stimmung ist gut auf der kleinen Backstage-Insel. Eine Schauspielerin stellt eine dusselige Fußballfrage, ein Musiker kann nicht glauben, dass die Dänen ein Tor geschossen haben und der Kollege vom Ton ist nicht wirklich zufrieden damit, dass ich mehr auf den gutaussehenden Torschützen geachtet habe, als darauf, ob es ein verdientes oder unverdientes Tor war. Ich erahne wieder, wieso ich diese Fußballfeste eigentlich mag. Es kommt eben doch darauf an, mit wem man Feste feiert.

Während der Show informiere ich die Musiker, die nicht von der Bühne können, mit selbstgemalten Tafeln über den Spielstand, den ich per Live-Ticker mitverfolge. Zwischendrin gönne ich mir selbst die eine oder andere Minute vor den Fernseher Backstage und schiele dabei mit halbem Auge auf den Monitor, wo die Show für die Fußballuninteressierten weiterläuft. Als Gomez endlich das erlösende Tor schießt, verpasse ich einen Lichteinsatz, weil die Interkom heiß läuft und die Herren Musiker ja informiert werden müssen. Meine Fußballstimmung steigt. Als dann aber nach der Zugabe alle wie wild von der Bühne stürzen, um die letzten Minuten des Spiels zu sehen, kehre ich nach kurzem Aufenthalt Backstage zurück auf die Bühne, um aufzuräumen.

Die Euphorie, sie packt mich einfach nicht. Und irgendwie kriege ich es an diesem Abend nicht hin, das freudige und im Grunde schöne Mitfiebern der Kollegen Backstage von dem Erlebten des Tages zu trennen. Ich gönne ihnen ihren Spaß und erledige schnell meine Arbeit, um fix nach Hause zu kommen. Als ich meine Sachen packe, ärgere ich mich, dass ich mir die Fußballfreude so habe verderben lassen. Ich verlasse das Theater, stehe auf dem Kiez. Man kriegt kaum einen Fuß an den Boden, alle scheinen im kollektiven Alkoholrausch, die ersten Böller fliegen in die Menge, begleitet von begeisterten Rufen. Der zweiminütige Arbeitsweg dauert zehn Minuten und wird garniert von drei Frauen, die mich anpöbeln, weil sie mich angerempelt haben. Zu mehr als „Halt die Fresse“ reicht es bei mir leider nicht. Zum Zynismus fehlt mir die Distanz. Zum Schlafen nach erfolgreicher Heimkehr die Ruhe. Die Testeronies feiern bis in den frühen Morgen durch meine Oropax hindurch. Und ich freue mich auf den spielfreien Montag, wenn ich zu meinem Freund aufs Land fahre. Ich fürchte, diese EM wird nicht meine. Aber es gibt Schlimmeres.

KalleWirsch ist Blogger und schreibt hier auf freitag.de

11:51 11.06.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Die Ahnungslosen

Blogger mit wenig bis gar keinem Fußball-Wissen schreiben über ihre EM-Erlebnisse
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Die Ahnungslosen

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