Vom "Faian"

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Der Autor merdeister schreibt hier auf freitag.de.

In den Geschäften gibt es keine Fahnen mehr, anders kann ich es mir nicht vorstellen, denn der Markt ist ein Fahnenmeer. Und ich bin nur dabei, nicht mittendrin, zum Glück.
Die Billiglohnarbeiter, die unseren Patridiotismus ermöglichen, merken, dass wieder eine WM ansteht, wenn sie den ganzen Plastikschrott nur noch dreifarbig herstellen.
Die riesige LED-Leinwand, welche explizit als solche beworben wird, kann man auch vom Rand erkennen, man muss nicht in den Gitterkäfig, der den Marktplatz heute umgibt. Trotzdem fällt es schwer, dem Spiel zu folgen, denn für viele der Umstehenden ist schon in der ersten Halbzeit Vollzeit. Um Sport, so habe ich den Verdacht, geht es da gar nicht, eher ums „faian“ und „schland“-rufen, weil wir so ironisch sind.

Ohrenstöpsel habe ich dabei, doch die Vuvuzela, die in diesem Text nur ein Mal vorkommt, kann offenbar noch niemand in Aachen richtig benutzen, ganz im Gegensatz zur eigenen Gröhlöffnung, mit der sich die Freude über den Spielverlauf auch adäquat kundtun lässt.

Zur Halbzeit räumen wir den Platz und suchen uns ein anderes Spielfeld in der Tiefe des Raums. Die Hoffnung besteht auf einen Stehplatz mit Leinwand im eigenen Strafraum. In Ermangelung von Alternativen - die Halbzeitpause ist vorbei - nehmen wir Aufstellung im Bereich einer alternativen Kneipe. Hier wird das Spiel begleitet von einer dröhnenden Sambaband.
Auf meine Frage, was das mit Südafrika zu tun haben könne, bekomme ich keine Antwort von meiner Begleitung, ratloses Schulterzucken: „Hauptsache exotisch?“ Es ist alles ein großer Multikultibrei.
„Die sind so unrythmisch, da wird mir schlecht.“ vermeldet eine andere Begleiterin, zum Glück fällt mir so was kaum auf, ich denke: „Wo wir Eure Rohstoffe schon mal haben, nehmen wir Eure Kultur gleich mit.“

Das 3:0 fällt in idyllischer Stille, was die Trommeln angeht.
Das 4:0 ist dann auch irgendwie egal.

Auf dem Heimweg ist zu beobachten, wie ein siegestrunkener Fahnenschwenker mitten auf der Kreuzung fast von einem hupenden Auto niedergestreckt wird, friendly fire wäre das dann wohl gewesen.
Kurze Zeit später fährt die Polizei mit Blaulicht in die Richtung: Kreuzungen dürfen auch mit Fahnen erst ab dem Viertelfinale betreten werden.
Ich hatte ja keine Ahnung.

11:49 16.06.2010
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Geschrieben von

Die Ahnungslosen

Blogger mit wenig bis gar keinem Fußball-Wissen schreiben über ihre EM-Erlebnisse
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