Ein Stock von Welt

Text und Design. Inwiefern bestimmt beim Sprechen über Design die Textform den Bedeutungsgehalt eines Gegenstandes. Mit dem folgenden Text soll dies analysiert werden.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ich schlug die Augen auf, doch gleißendes Licht nahm mir sofort wieder die Sicht. Um mich herum piepten allerlei Apparate und Gerätschaften, deren Schemen sich langsam von gefließten Wänden abzeichneten. In meinem Arm steckten Schläuche und zwei Männer mit weißen Kitteln standen vor der Liege, auf der ich lag. Sie sprachen mich mit meinem Namen an und hielten mir einen Zettel und einen Kugelschreiber vor die Nase. Reflexartig griff ich zu und begann zu lesen:

Kaufvertrag für ein Orthopädisches Hilfsmittel

zwischen Patient Günther Gelhardt und Orthopädietechnik-Zentrum Dr. med. Obermaier GbR,
bezugnehmend auf folgenden Krankheitsbefund:

Der Gehapparat des Patienten weist nach heftiger Schlageinwirkung und mehreren Schnittverletzungen durch eine Stichwaffe eine distale Spiralfraktur am linken Femurschaft und eine beidseitig auftretende postmenopausale Fibulafraktur mit Dislokation auf. Dem Patienten wird daher eine orthopädische Gehhilfe vom Typ "Konzentrisches Rehabilitations-Utensil externer Charakter-Kontroll-Erweiterung", kurz "KRUeCKE" verschrieben. Die Fiberglas-Alu-Legierung, verstärkt mit kreuzförmig durchwebten Carbon-Rippen, bietet höchste Stoßdämpfung bei minimalem Tragegewicht. Gleichzeitig ermöglichen die stark profilierten Aufsatzkapseln am Fußende durch eine Kombination aus rostfreiem Edelstahl und Allwetter-Haft-Hartplastik auf nahezu jeden Bodenbelag maximale Standfestigkeit. Aufgrund der kritischen Verfassung des Patienten und der außerordentlichen Güte des Produktes, raten wir dringend zur Anschaffung dieses medizinischen Therapiegeräts aus unserem Hause.

Gut, nun wusste ich mehr oder weniger, woran ich war. Ich verspürte zwar keinen Schmerz, dafür aber das Gefühl dumpfer Taubheit in meinen Beinen. An die Geschehnisse des Angriffes auf mich konnte ich mich nur noch vage erinnern, aber fest stand: ich war nun offiziell ein Krüppel!
Wäre die elende Plastikkrücke, die sie mir neben das Bett gestellt haben ein Lebewesen, ich könnte schwören, sie würde mich hämisch angrinsen. Mit - mich selbst überraschender - Entschlossenheit entschied ich daher, den Zustand nicht weiter zu akzeptieren und dem Gerät - das symbolisch meine neu erworbene Gebrechlichkeit verkörperte - offiziell den Krieg zu erklären.
Ich verwies die beiden Krückenvertreter im Arztkittel auf einen späteren Zeitpunkt und griff zur Fernbedienung des Fernsehgerätes, das über meinem Bett hing, um den Kopf ein wenig freier zu bekommen. Ich zappte durch das Programm und blieb letzten Endes bei einer Dokumentation über industrielle Techniken des Holzbiegens hängen. Ich war schon kurz davor wieder auszuschalten, doch horchte ich plötzlich auf:

„Schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts wird in unserer Fabrik der typisch geschwungene Stockgriff des legendären "Ziegenhainers" mittels der von Michael Thonet entwickelten Bugholztechnik hergestellt“,

erzählte ein brummig aussehender Tischlermeister mit Vollbart und hob einen typischen Spazierstock mit gekrümmter Handführung von der Werkbank. Die Kamera schwenkte hinüber zu dampfenden Apparaturen und er fuhr fort:

„Grundvoraussetzung für das Biegen von Holz ist das Erweichen der Holzfasern und das Geschmeidig-machen des gesamten Holzrohlings durch hochgradige Feuchtigkeitseinwirkung. Normales Einkochen des Holzes ist aber auch mit verschiedenen Zusätzen nicht ausreichend, um den erwünschten Biegbarkeitsfaktor zu erzielen. Es muss eine höhere Temperatur in diesem Prozess erzielt werden. Durch den kontinuierlichen Ausstoß von siedend heißem Wasserdampf aus einer Dampf-Zylindermaschine werden die Fasern nach mehrstündiger Einwirkung so elastisch, dass man sie frei in Form bringen kann. Dieser Prozess geschieht über spezielle Biegeformen aus Stahl, welche die Rundungen handgedrechselter Stockgriffe imitieren und in denen der Holzrohling unter hohem Druck arretiert wird. Anschließend wird er mehrere Tage lang unter kontinuierlicher Zuführung von warmer Luft getrocknet. Nach dem Herauslösen behält er seine Form bei und steht für beliebige Weiterverarbeitung zur Verfügung. Das beste Preis-Leistungs-Verhältnis bietet für dieses Verfahren das Holz der Rotbuche, da es bei uns weit verbreitet und das Alter des Baumes unerheblich ist.“

Bei weiterem Fachgeplänkel schaltete ich nun doch ab und konnte mich eines Gedanken nicht mehr erwehren:
War es eigentlich ein zynischer Wink des Schicksals, dass ich unbedingt in meiner jetzigen Situation über die wahrscheinlich einzige "Gehstock-Dokumentation" im Deutschen Fernsehen stolpern musste, oder steckte doch mehr hinter dieser Thematik, als die reine Stützfunktion für den Anwender? Wenn es sich wirklich lohnt, ein einfaches Utensil zum Abtasten des Weges für die industrielle Massenproduktion zu optimieren und heute noch nach traditionellem Verfahren zu produzieren, dann musste es noch eine tiefere Bedeutungsebene geben.

Ich hatte Blut geleckt! Ich griff nach meinem Smartphone und gab in die Eingabemaske meiner Suchmaschine das Wort "Gehstock" ein, um noch etwas über den Herstellungsprozess hinaus zu erfahren.

Ich scrollte an Bildern von ägyptischen Grabbeigaben vorbei, erblickte mittelalterliche Handwerksgesellen, denen verschlungene Äste, mit daran baumelnden Gepäckbündeln, über der Schulter hingen, beobachtete Vertreter der pre-industriellen Bildungselite beim Sonntagsspaziergang mit Wanderstäben in den Händen und erhaschte Blicke auf offensichtlich stark alkoholisierte Männer mit Fahrradklingeln an abgewetzten Stöcken und blieb schließlich bei der Darstellung zweier Herren mit barocken Perücken und prunkvollen Gewändern hängen, die sich auf reich verzierte Stützen lehnten. Ich begann den darunter befindlichen Text zu lesen:

Vom Schwingen des Stockes

Der Gehstock des Herren möge sich stets und immerdar von der schlichten Stelze des einfachen Gesellen unterscheiden. Dieses unbeholfene Gemüt bedarf ihrer Hilfe zum Halten des geraden Weges und ist in schier jeder Lebenslage auf sie als Wergzeuge für das ach so banale Tageswerk angewiesen. Nicht so die edel verzierte Stütze an der Seite des Herren von Welt. Sie diene ihm außerhalb der heimischen Behausung stets als machtgebietendes Zepter und ist nur allzu schade, eine längere Zeit auf dem hart kratzenden Pflaster der Wege zu verweilen. Der Träger eines solch ehrenwerten Symboles möge sich daher stets einer Technik beim Führen des Stockes bedienen, die wohl gleichermaßen elegant, wie majestätisch auf das einfache Volke wirken muss.
Der Träger wird auf nahezu magische Weise zum Lenker des Stabes, der von seinem Drange, zur Erde zu fallen, befreit zu sein scheint, indem er zu allererst den Knauf nur locker mit der Führungshand umschließe. Er lasse seinen grazilen Begleiter nun beim Heraufschwingen durch die Innenseite der Hand mit einer sanft rollenden Bewegung in dem Maße gleiten, dass er diesen im vollen Ausschlage bequem ergreifen kann. Er zögere nun einen Moment mit der Abwärtsbewegung, denn der herabsinkende Stock solle im selben Moment sanft auf das Straßenpflaster aufsetzen, in dem auch der Fuß seinen Schritt beendete. Mit leichtem Drucke stoße sich der edelmütige Träger nun beim Einleiten des nächsten Schrittes vom Wege ab und lasse den Stab in wiederholter Weise nach oben gleiten. Er achte aber stets darauf, dass die natürliche Bewegung des Armes zu jeder Zeit beibehalten werde. Ist dies einmal in Fleisch und Blute übergegangen, wird es dem Edlen ein leichtes sein, den Stocke auch ganz ohne das Aufsetzen auf den Boden schweben zu lassen und so die beeindruckendsten Flugbahnen mit dem ja so brillanten Utensil beschreiben zu können.

Mittlerweile war ich fast wieder obenauf. Ich stellte mir vor, wie es wohl aussehen würde, trainierte ich mir mit der plumpen Krücke einige Kunststückchen beim Gehen an. Der Grat zwischen Krüppel und Attraktion der Fußgängerzonen war wohl doch deutlich schmaler, als ich annahm. Sicher war auf jeden Fall, dass man einem Stock schon hohe Bedeutung zumessen musste, wenn man versuchte, die simple Handhabung soweit zu verbessern, dass man durch die pure Benutzung schon symbolisch etwas darzustellen imstande war.
Erst jetzt bemerkte ich, dass auf der Anrichte neben meinem Bett ein Stapel Bücher lag. Es war wohl ein Entgegenkommen des Krankenhauses. Ich überflog die Titel auf den Rücken und griff zielsicher zu dem Belletristikband "Wir jagen in der Nacht". Eigentlich interessierte ich mich gar nicht für solcherlei Literatur, doch schien mir etwas seichte Unterhaltung der Situation angemessen. Ich überflog die ersten Seiten flüchtig und stieg an einer Stelle ein, die etwas Spannung versprach:

Die zwei Männer waren ohne Zweifel wohlhabend. Adelige, oder vielleicht auch welche dieser neureich-aufstrebenden Industriellen. Sie waren in edle Stoffe gehüllt, auf Ihren Köpfen prangten Zylinder und in ihren behandschuhten Händen schwangen stark verzierte Gehstöcke hin und her. Obgleich ich so etwas nicht zum ersten Mal sah, war ich beeindruckt. Wie sich diese massiv wirkenden Stangen immer synchron zu dem schreitenden Gang bewegten, als hätten sie ein Eigenleben entwickelt, besaß etwas Hypnotisches. Außerdem zog der silbern glänzende Knauf mit bunt schimmernden Schmuckeinlagen sofort meinen Blick auf sich. Heute Abend verdienten wir uns unseren Monatsunterhalt, da war ich mir sicher.
Zusammen mit meinem Begleiter Lawrence sprang ich vom Sims der Mauer herab und streckte unseren Opfern die Klinge meines frisch geschliffenen Dolches vor die Nase. Die beiden Männer schreckten überrascht zurück, doch erblickte ich in ihren Augen bei weitem nicht die Angst, die sich sonst zu diesem Zeitpunkt breitmachte. Waren die beiden etwa zu hochnäsig, um den Ernst der Lage zu erkennen? Lawrence glich dieses Fehlverhalten auch mit einer prompten Messerattacke aus. Und dann geriet die Sache aus dem Ruder:
Die Männer packten im Ausfallschritt zielsicher die Griffstücke ihrer Gehhilfen und etwas Langes, Silbernes blitze auf.
Das nächste Bild, das ich bewusst wahrnahm, war Lawrence mit blutüberströmter Kutte auf dem Boden. Ich blickte entsetzt in die steinhart gewordenen Gesichter der beiden Männer, die jeweils einen armlangen Degen in der Hand hielten, von denen noch frisches Blut herabtropfte. Ich schrie kurz auf und rannte in die Nacht davon.

Diesmal war ich wirklich sprachlos. Ein Degen im Stock! Welch geniales Patent! Wäre ich in seinem Besitz gewesen, ich hätte mich bei dem Überfall sicher effektiv verteidigen können und würde jetzt gar nicht hier liegen.
Ich hatte mich wohl tatsächlich geirrt: So ein Gehstock war weit mehr als eine Krücke. Ein kultiges Status- und Lifestyle-Utensil mit Retro-Bonus und raffiniert erweiterbarem Funktionsumfang. Ich würde mir jetzt vielleicht sogar einen - modisch verziert und mit nützlichen elektronischen Applikationen versehen - zulegen, auch wenn ich nicht auf ihn angewiesen wäre. Letztendlich ist es auch hier wie überall: Je nach Sichtweise und in welcher Art man es vermag, über Dinge zu sprechen, so kann man sie auch in das entsprechende Licht rücken. Ich bin zumindest vom symbolischen Gehalt her dem ewigen Krüppeltum gerade noch einmal entkommen.

Über Design wird viel geredet und geschrieben. Braucht das Thema nicht aber eine andere sprachliche Form als etwa Technik oder Politik? Kann man Design erzählen?

Steffi Möbius, Kathleen Schuch, Josef Herrlein, Immanuel Promnitz
17:30 21.06.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Die Schokomuffins

Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare