Wie man sich bettet...

Gebrauch und Genuss Ein kulturwissenschaftlicher Text in Bezug auf den Gebrauch und Genuss eines Bettes.
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Ein einfaches Bett ist ein Möbelstück, in der Regel bestehend aus einem Rahmen oder Gestell, auf dem eine Matratze liegt. Dieses Bett gebraucht man, indem man auf ihm liegt, schläft und sowohl Körper, als auch Geist zur Ruhe kommen lässt. Die Funktion dieses Möbelstückes liegt in der Regeneration des Körpers und ermöglicht es dem Nutzer, abzuschalten. Beim Gebrauch eines Bettes wird körperliches und geistiges Wohlbehagen ausgelöst, welches durch die Hingabe an das sinnliche Erleben stattfindet. Die Sinnlichkeit ist hier die Empfänglichkeit für die verschiedenen Sinnesempfindungen. Der Stoff, der Härtegrad und der Geruch des Bettes sind schöne und anregende Dinge die man sinnlich wahrnimmt. Auch der Gebrauch des Bettes macht Sinn, da es nutzbringend ist, seinen Körper wieder zu Kräften kommen zu lassen.

Das feudale Barockbett von Ludwig dem XIV. wurde zum einen zum Schlafen benutzt, zum anderen, um darin Audienzen abzuhalten. Dieses Bett war ein Symbol für seinen Status und verliert seine Sinnhaftigkeit dadurch, dass es zweckentfremdet wurde.

Aber was macht dann ein gutes Bett aus?

Spartanische Regeneration - Die Koje

Der alte Seemann schüttelte den Kopf. Er dachte an seine kleine Koje auf dem Schiff. Nur ein echter Seemann, wie er, würde sie wertschätzen können. Eine Koje, so schmal und klein, dass ein großer Mann sich kaum darin wenden kann. Ein Bett, in dem es ab und zu nass hinein tropft, keine orthopädische Funktionsliege. Die Sprungfedern der Matratze und das raue Material der Oberfläche stechen ihm angenehm in den Rücken. Einfach und so wie er es liebt. Nach einem fast zwanzigstündigen, harten Arbeitstag auf dem Schiff, in seine Koje fallen und umgehend seinen benötigten Schlaf zu holen. Das Tropfen erinnert ihn dabei an das geliebte Wasser. Der harte Arbeitstag lässt ihn wie einen Stein schlafen, genau in der Position, in der er sich hineinlegte. Der Körper findet dort Ruhe und seine Seele schweift vorbei an weit entfernten Stränden, solange er im Schlaf das schwankende Schiff auf dem Wasser spürt.

Spiritueller Rückzugsort - Das Futon-Bett

Das Bett der Japanerin hatte weder ein Holzgestell, noch stand es auf vier Füßen. Weder überflüssige Kissen noch unnötige Decken prangten in ihrem Bett. Eine Tatami-Matte, eine Decke und eine Kissenrolle. Aus mehr bestand ihr Reich nicht. Sie schlief sehr gern auf dem Boden, so konnte sie auch nie herausfallen. Ihren Rücken auf der Matte, umhüllt von Baumwolle und Seide, zu betten, fühlte sich für sie immer gut an, und stabilisiert ihren Rücken im Schlaf. Die praktische und einfache Kissenrolle schützt ihre Frisur Nacht für Nacht. Sie findet ihre Ruhe durch die Einfachheit und kann ihren Geist freilassen, ohne durch überflüssigen Schmuck und extrem weiche Kissen abgelenkt zu werden. Es war für sie immer beruhigend, ihren simplen Schlafplatz zu sehen, dort wo der Körper wieder Kraft findet, funktional und durch schlichte Eleganz bestechend.

Schlafen mit System - Das Wandbett

Der Student wohnt in einem 10 m² Zimmer in einer WG und er mochte es. Dort war immer etwas los. Wenn er sein Wandbett einfuhr, hatte man, IKEA sei Dank, viel Platz zum feiern. Wie würden die Partys wohl aussehen, wenn dort ein normales Bett stehen würde?
Bequem ist es aber trotzdem wie jedes andere. Einfach Knauf drehen und das Bett ist da. Es ist wirklich DIE platzsparende Lösung im Wohnbereich, ein wahres Stauraumwunder! Nach einer durchzechten Nacht freut er sich jedes Mal wie ein alter Mann auf sein Bett . Vor allem amüsieren ihn die Fragen der Mädchen: „Hä? Soll ich auf dem Boden schlafen, oder was?“. Einfach Knauf gedreht und das Bett ist da. Da finden auch zwei Körper bequem Platz und nach ein paar Stunden sind alle Beteiligten wieder frisch generiert. Aber die eigentliche Kunst besteht darin, die Schlafgelegenheit auf pfiffige Weise in das Wohnumfeld zu integrieren.

Wohlfühl-Traumschloss - das Himmelbett

Die Frau mittleren Alters betrat den Schlafsaal des Sonnenkönigs und staunte. So ein schönes Bett hatte sie noch nie gesehen! Voller Schmuckelemente in gold und samtrot gehalten und mit kuscheligen Vorhängen versehen. Als wollte es sie zum hineinlegen animieren. Dabei dachte sie an ihr Himmelbett. Es war der vereinfachten Form eines barocken Bettes nachempfunden. Ihres war annähernd weich und bot nahezu so viel Platz. Immer, wenn sie kaputt von der Arbeit kam, wirkte ihr Himmelbett so wohlig einladend. Hell und freundlich, mit weißen Vorhängen und so groß, dass sie sich ohne Probleme von links nach rechts, von rechts nach links und von vorn nach hinten drehen konnte, ohne dabei heraus zu fallen. Sie liebte es, wenn morgens die Sonne durch die Vorhänge schien und ihr Freund sie mit einem Frühstück am Bett weckte und sich die feine Seidenbettwäsche an ihre Haut schmiegte. Symbolisch stand das Himmelbett für eine ähnliche königliche Ruhestätte, wie das barocke Bett, daher erfreute sie sich jedes mal aufs Neue an den dekorativen Gestaltungselementen, die ihr Bett zum Schmuckstück der Wohnung werden lassen.
Nun sah sie sich das Bett des Sonnenkönigs erneut an. Sie stellte fest, dass es eine gebieterische Macht ausstrahlte, dunkel, schwer und mystisch in der Farbgebung. Es wirkte nicht so freundlich wie das ihre und sie konnte sich in keinerlei Hinsicht vorstellen, wie drückend das Gefühl in diesem dunklen Bett sein müsste, wenn nicht ein warmer Sonnenstrahl durch die dunklen Vorhänge dringen konnte.

Die Form eines Bettes variiert je nach kultureller Gepflogenheit und den individuellen Bedürfnissen seines Besitzers. Was sie jedoch alle gemeinsam haben, ist es, den Gebrauch in einer Form zu gewährleisten und den Ansprüchen des vollen Genussempfindens Genugtuung zu leisten, um den Sinn und die Sinnlichkeit erfahrbar zu machen. Dies reicht vom Bett des Königs als Symbol, seine Herrschaft über andere unmittelbar zum Erkennen zu geben, bis hin zur Koje des Seemannes, als Ruhestätte für den ermatteten Körper nach einem harten Arbeitstag. Nicht umsonst sagt man gern: "Wie man sich bettet, so ruht man!"

Was ist das Genussvolle beim Gebrauchen gestalteter Dinge? Das Anschauen oder das Anfassen? Genießen wir den erfüllten Sinn der Dinge oder ihr sinnliches Erleben?

Josef Herrlein, Immanuel Promnitz, Steffi Möbius, Kathleen Schuch
17:29 21.06.2013
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Geschrieben von

Die Schokomuffins

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