Wo geht es hin?

Der Designer Anonymer Gestalter oder individueller Künstler?
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Wo geht es hin?
Design nach Rudolf Horn

Screenshot YouTube

Am Anfang stand für uns die Berufung zum Designer. Nun, im ersten Jahr Produktdesign an der Fachhochschule Wismar, stoßen wir auf die elementare Frage: Für wen gestalten wir? Nutzen wir das Design, um unsere Individualität widerzuspiegeln, oder wirken wir vielmehr für den individuellen Freiraum des Verbrauchers?

Die Entscheidung zwischen diesen beiden Visionen teilt die Gestalter in konträre Gruppen.

Rudolf Horn, Wohnvisionär der DDR und Vertreter der anonymen Gestaltung, sieht den Nutzer als „Finalist industrieller Produkte, der die Anonymität des Industrieerzeugnisses in ein individuelles Gebrauchsobjekt mit individuellem Gestaltwert umwandelt“ (R. Horn 1981, Zitat nach M. Suckow). „Der Gestalter muss Freiheiten anbieten - keine fixen Lösungen“ - diesem Kredo unterstellt R.Horn seine Arbeit. Er gestaltet für das Volk, mit dem Auftrag: Der Verbraucher soll sein Umfeld dem privatem Leben anpassen können, nicht umgekehrt. Die perfekte Lösung, so R. Horn, kann letztendlich nur durch den Benutzer geschaffen werden. Der Gestalter ist nicht in der Lage, die Gesamtheit der spezifischen Ansprüche in jedem Fall zu manifestieren. Der Gestalter ist vielmehr Raumgeber für die Persönlichkeit des Nutzers und gibt größtmögliche Hilfestellung.

Im Design, wie den Schrankmöbeln im Baukastensystem Horns, spiegelt sich nicht der Designer wider - er hält sich vollkommen zurück, während der Nutzer das Produkt durch die praktische Individualität zu seinem Eigen macht und den Designprozess schließt.

„Der Gestalter ist nicht Diener der Schönheit, er ist Diener der Vernunft, der mit gutem Gewissen etwas wirklich sinnvolles für den Nutzer entwickelt.“ (R. Horn)

Varianz soll möglich sein - der Nutzer bestimmt die Möglichkeiten - die Basis, auf der dieses Konzept fruchtet, ist dabei ein ein von Grund auf zurückhaltendes Design. Klare Linien und dezente Farben bilden daher den Grundton in R.Horns Werken.

Ein anderer starker Charakter aus der Gestalterwelt vertritt eine gegensätzliche Vorstellung. Zaha Hadid, die aus dem Irak stammende Architektin erhielt 2004 als erste Frau die bedeutendste Ehrung in der Architektur, den Pritzker-Architektur-Preis.

„Ich glaube, dass sich in der Architektur etwas ausdrücken lässt, von dem wir noch nicht ahnen, dass es möglich ist - eine neue Ordnung der Dinge, ein anderer Blick auf die Welt.“ (Z. Hadid)

Die Gestaltung eines jeden Teils trägt Hadids persönlichen Duktus. Die individuelle Künstlerin gestaltet einmalig. Wie ein Fingerabdruck lassen sich Bauwerke, Bestecksets, Lampen klar ihrer Hand zuordnen. Hadid bricht mit gängigen Regeln und Normen der klassischen Architektur. Ihr Design ist abstrakt und lebt durch weiche fließende Formen. Die Auftraggeber der Entwürfe verlangen nach ihrem subjektiven Stil. Der Nutzer wählt das Design, denn er teilt den Geschmack des Designers und vertraut dessen ausgebildeten Wissen. Der Nutzer wählt und vertraut - im Gegenzug erhält er neue Horizonte in einer modellierten Hülle. Ihm werden die Augen geöffnet für nicht wahrgenommene Möglichkeiten. Durch den individuellen Künstler entsteht ein abgeschlossenes, maßgeschneidertes Produkt und die Chance für den Nutzer, daran selbst zu wachsen, indem er es für sich annimmt. Der Nutzer entscheidet sich für ein für ein fertig gestaltetes Produkt - die symbolische Individualität steht dabei oftmals sogar vor dem Nutzen. Die Künstler geben vor - der Nutzer als Träger bleibt bis auf den Konsum ausgeschlossen.

Ein jeder Gestalter favorisiert im Laufe seiner Entwicklung mit dem einen oder anderen Standpunkt. Am Ende positioniert sich ein jeder anders - nach seinen Erfahrungen, Zielen, Visionen. Letztendlich ist der Wechsel zwischen Design für den praktischen und den symbolischen Individualismus für uns noch ein Abenteuer - die Perspektive zu ändern kann notwendig sein - Design nach gutem Gewissen und die Passion zum Gestalten bildet die Basis.

Letztendlich sollten wir Uniformität vermeiden und unsere Visionen verfolgen, damit das Wirken nicht sofort in den Mülleimer der Geschichte verschwindet. Jeder für sich - auf seine Art.

Quelle:

http://de.wikipedia.org/wiki/Zaha_Hadid

Zitat nach Michael Suckow, aus „einfach - nützlich - offen

Möbel und Raumgestaltung von Rudolf Horn und Schülern“, Halle 2000

20:51 21.06.2013
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Geschrieben von

Die Sprotten

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