Partnertausch in der Kuschelhölle

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Das Tanzen wurde in den letzten Jahren Dank einer erst kürzlich wieder ausgestrahlten Fernsehshow ja ein wenig von seiner muffigen Aura befreit. Dies freut mich sehr, denn schon seit langem träume ich davon, die einst im Alter von fünfzehn Jahren eingeübten Tänze, deren Schritte ich längst vergessen habe, wieder zu lernen. Das Vorhaben scheiterte bisher jedoch immer an der vergeblichen Suche nach einem Partner. Moderne Menschen tanzen ja höchstens Tango, Standardtänze hingegen lernen – so denkt man – allenfalls Paare, die gerade vorhaben zu heiraten und so wagte es lange Zeit niemand, mich auf dem Weg in eine längt vergessen geglaubte Parallelwelt zu begleiten.
Als mich jedoch kürzlich auf der Abschlussveranstaltung der re:publica Moderator und Autor Nilz Bokelberg mit völlig obskurer Musik beeindruckte, hoffte ich, er würde auch vor einem Tanzkurs nicht zurückschrecken. Und ich behielt recht!
Hier berichten wir deshalb ab sofort abwechselnd von unseren Erlebnissen.


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Als Nilz und ich die Tanzschule betreten, singt Hilde Knef im Hintergrund Für mich soll’s rote Rosen regnen und wir verdrehen die Augen. An der Einrichtung fällt besonders die Vergnügungsparkästhetik auf – Wischtechnik in Mehrzweckhallengelb, Höhlen- und Westernnachahmung, überall erklärende Schilder und ein paar Leuchter, die mittels flatternder Baumwoll-Läppchen offene Flammen simulieren. Hinter einem Pult, das an eine Kommandozentrale erinnert, sitzt eine grauhaarige Dame, die uns sagt, wir sollten unsere mitgebrachten Schuhe anziehen und anschließend zum Warten an die Bar gehen. Dort ist es eng und voll, deshalb bleiben wir im Flur hinter einer Ecke sitzen, gucken uns um, tuscheln und kichern. Gleich würde die Dame gewiss ein paar Soundeffekte abspielen und eine Durchsage machen: “Kommse mit. Neue Fahrt, neues Glück!”

Zehn Minuten später merken wir, dass der Kurs in der Zwischenzeit längst begonnen hat und huschen Entschuldigungen murmelnd in den Tanzsaal, wo auf der einen Seite die Männer und der anderen die Frauen stehen und reihen uns ein. Unser Plan, nicht aufzufallen, ist also schon jetzt gescheitert. Die Lehrerin zeigt den Herren ein paar Schritte und ich frage leise die Frau neben mir, um welchen Tanz es sich hierbei handelt. “Das ist ein Blues.” antwortet sie. “Zum Kuscheln, wurde uns gesagt.”
ZUM KUSCHELN? Ich gucke hinüber zu Nilz, der ahnungslos gemeinsam mit den anderen die Schritte nachmacht und mir wird wieder klar, weshalb diese ganze Tanzkurssache damals so ein großes Ding für uns Teenager war. Ich täusche Souveränität vor, als wir kurz darauf zu lahmer Musik unkoordiniert im Kreis umherschwoofen und nebenbei auch noch versuchen, die anderen Kursteilnehmer ein wenig einzuordnen.
Acht weitere Paare mühen sich miteinander ab, vermutlich ist kaum jemand über vierzig, aber noch traue ich niemandem zu, sich mit uns gut zu verstehen, und bereits die Tatsache, dass Nilz und ich über den Kurs schreiben werden und uns derzeit noch in einem selbstironischen Modus befinden, macht uns zu Anderen, zu hinterhältigen Parkett-Wallraffs.
Als die Musik endet, gibt sich die Hälfte der Paare Küsschen. “Den Tanz könnt Ihr mit nach Hause nehmen!” sagt die Lehrerin und schlägt uns verschmitzt vor, daheim doch einmal den Fernseher ausgestellt zu lassen und sich stattdessen mit dem Blues zu vergnügen. Bei uns wären es ja eher die Laptops und die müsste uns schon jemand wegnehmen!

Danach lernen wir den Marschfox – ich muss sofort an Loriot denken –, den wir ein einziges Mal tanzen und danach sofort wieder vergessen sollen. Das ist seltsam, aber einfach, denn es findet eine kurze Pause statt, in der zur Feier der ersten Unterrichtsstunde ein rotes, selbstgebrautes Alkopop-Getränk gereicht wird. Ich hätte stattdessen ja viel lieber einen Wodka konsumiert, um mein Ich-halte-diese-skurrile-Gesamtsituation-gleich-nicht-mehr-aus-Gefühl zu dämpfen, und fotografiere mit meinem Telefon im Halbdunkel die Drinks, wir haben ja eine Mission!


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Nach der Pause ist der Foxtrott dran. Endlich: der erste richtige Tanz des Abends! Und es wird schwieriger, denn unter anderem muss jetzt erstmals ein rascher Schritt ausgeführt werden und das Ganze am besten auf einer Fläche lediglich so groß wie ein DIN-A4-Blatt! Die meisten hüpfen jedoch etwas unbeholfen auf und ab und benötigen vielmehr den Platz eines City-Light-Plakats. Als wir das Ganze dann auch noch im Zickzack tanzen sollen, wird schnell deutlich, dass praktisch keiner der Herren führen kann. Eine ständig grimmig guckende Frau fragt, woran man denn erkenne, dass der Partner führe und ob dies vielleicht mit Klopfzeichen auf der Schultern geschähe. Was für eine Frechheit! Als ließe ich mich einfach so in der Gegend umhermorsen!
Anschließend dürfen wir das mit dem Bewegen auf Papiergröße ausprobieren – wer wissen möchte, was wir gelernt haben, kann sich hier ein Bild davon machen – und den sogenannten Tellerrand des Parketts (oder auch den Donut!!) entlangtanzen. Nur ab und zu rempeln wir jemanden an, und ich versuche, jegliche Verantwortung abzugeben. Für weibliche Kontrollfreaks, so merke ich, ist das hier nichts.

Und dann kommt’s: Partnertausch! Damit wir uns kennenlernen und vor allem auch wissen, wie es ist, mit anderen zu tanzen. Als ob das hier irgendjemanden interessierte!!
Alle gucken sich peinlich berührt um. Der misanthrope Anteil in mir reagiert mit Panik und schon beginnt Coco Jambo!. Tiefer können wir heute nicht mehr sinken, denke ich ahnungslos.
Sobald die Musik aussetzt, sollen die Herren zur nächsten Dame gehen. Als nur noch ein Knrfrzfs aus den Boxen kommt, wechseln wir die Partner und ich stehe im Arm eines wildfremden Mannes da und wir warten darauf, dass Mr. President weitersingen. Doch nichts passiert. Die biedere Assistentin der Lehrerin, wir haben sie Maus getauft, hat’s versaut und offenbar einen zentralen Knopf fehlgedrückt. Mein Partner und ich stehen immer noch in Tanzhaltung und betreiben sinnlose Konversation, die Lehrerin springt ein, indem sie hektisch einfach einen Takt zählt und Maus hält sich in großer DJ-Pose den Kopfhörer ans Ohr, während sie nervös diverse Schalter betätigt – jetzt bloß nicht hysterisch anfangen zu lachen – bis endlich die Anlage wieder funktioniert. Noch nie habe ich mich so über Coco Jambo! gefreut!
Mein nächster Partner ist blass, schmächtig, einen Kopf kleiner als ich und traut sich nicht, mich angemessen zu halten. Dabei schläft der Misanthrop in mir jetzt und ich verlange nach ordentlicher Führung! Zack! Schon ist ein anderer dran und ich hebe meine Arme, der Tanzhaltung wegen. Er denkt jedoch, ich wolle ihn zur Begrüßung erst einmal ordentlich drücken und zieht mich zu sich heran. Danach entschuldigen wir uns in einem Anfall von Höflichkeitsbehinderung mehrfach beieinander und machen es dadurch noch ein bisschen schlimmer. Der Drücker tanzt zwar wenig geschmeidig, aber er ist der Erste, der richtig führt und trotz unseres Anfangseklats lobe ich ihn ein wenig. Im Gegensatz zu den inflationären Aufheiterungen der Lehrerin, die uns ständig sagt, wie toll wir das machten und wie schnell wir das lernten im Vergleich zu Teilnehmern anderer Kurse, meine ich es sogar ernst.

Die Lehrerin möchte uns dann noch einen Tanz zum Mitnehmen schenken. Dieses Mal ist es einer für die nächste Party. Paarweise sollen wir im Uhrzeigersinn acht Schritte marschieren, dann formieren sich die Herren zu einem äußeren und die Damen zu einem inneren Kreis, um anschließend mit den Füßen aufzustampfen, in die Hände zu klatschen und zu guter Letzt untergehakt im Kreis zu tanzen. Danach geht alles wieder von vorne los. Die Lehrerin führt das Ganze mit Maus vor, die sie wie immer schweigend anlächelt und wir dichten ihr eine heimliche Verliebtheit an. Tanzen sollen wir dieses Mal zu Cotton Eye Joe. Dies ist zwar inhaltlich schlüssig, praktisch jedoch sehr schlimm, und von draußen gucken die Paare des nächsten Kurses belustigt zu uns herein. So marschieren, stampfen, klatschen und wirbeln wir im Kreis herum und je länger wir das machen, desto mehr Spaß haben wir dabei. Ja! Das machen wir demnächst im Berghain! Was kümmert uns die Contenance, was interessiert uns unsere Selbstachtung? Es ist ein wenig wie beim Karaokesingen, wo man sich plötzlich damit abfindet, dass das Ganze abstrus ist, aber furchtbar viel Freude bereitet. Denn nur darum geht es auch hier: Spaß!

Völlig außer Atem dürfen wir zum Schluss noch eine Runde Blues tanzen, und wie sich das Kuscheln in Gemeinschaft anfühlt, vermittelt dieses Video hervorragend:






Nächste Woche lernen wir Cha-Cha-Cha und Langsamen Walzer und wollen zudem ein wenig genauer hingucken, mit wem wir es dort eigentlich zu tun haben.

Maike Hank

17:40 01.06.2011
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Geschrieben von

Die Tanzstunde

Maike Hank und Nilz Bokelberg lernen tanzen
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