Das Blut an den Händen der "Verräter"

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Wenn die Wahrheit an lange verschlossenen Türen kratzt, rufen die Hausbewohner schnell mal nach dem FBI.

Amerikas Verteidigungsminister Gates ist erbost. Amerikanische Soldaten, ihre Verbündeten und die afghanischen Partner werden gefährdet. Das Vertrauen in Amerika, in den Westen zerstört. Auch in Deutschland, vor allem in der Politik, sieht man die Veröffentlichungen auf WikiLeaks kritisch. Dabei wird doch von allen Seiten betont, wie wenig Neues die Dokumente erbracht haben. Nichts, was man nicht auf den Homepages der Verteidigungsministerien oder in der Presse hätte nachlesen können.

Und plötzlich wird der Ruf Amerikas ruiniert, das Blut der Soldaten und afghanischer Familien klebe bereits an den Händen der Verräter (nicht etwa an den Händen derjenigen, die das ganze Blut zu verantworten haben…), so Gates auf einer Pressekonferenz. Und wie heißt dieser Feind des Militärs, der Geheimdienste, der Politiker und der Bürokraten?

Er heißt Wahrheit.

Nun haben die Bevölkerungen aller Länder dieser Welt Jahrhunderte, Jahrtausende Zeit gehabt, sich daran zu gewöhnen, von ihren (inzwischen vielerorts gewählten) Machthabern nur Ausschnitte, Flecken und Flicken von Wahrheit zu erfahren. Der ganze Rest schlummert unter Deckeln von Gefährdung und Geheimhaltung, den nationalen Interessen, der Sicherheit des Staates.

Aber tatsächlich erdreisten sich neuerdings einige so genannte Hacker und unpatriotische Kameradenschweine, diese gemütliche Clubatmosphäre der Staatsgeheimnisse allen zugänglich zu machen, die sich für ihr Angebot interessieren. Das Volk. Da kann man schon mal wütend werden. Sind ja gar keine Clubmitglieder!

Politiker und vor allem Militär und Geheimdienste mögen keine Veränderungen. Nicht, weil sie grundsätzlich konservativ sind, was vermutlich in der Regel der Fall ist. Sondern weil sie nicht gestört werden wollen.

Und je weniger Menschen wissen, was passiert, also die Wahrheit kennen, desto weniger Fragen werden gestellt, die man lästigerweise beantworten muss. Und je präziser die Fragen werden, desto schwieriger wird es natürlich, auf Allgemeinplätze auszuweichen.

Denn was ist die Essenz der veröffentlichten Dokumente eigentlich?

Dass Amerika und seine westlichen Verbündeten nicht weniger vorgeben, als die Guten zu sein, die Vorkämpfer der Demokratie, Moderne und Freiheit für alle. Und jammern, wenn endgültig klar wird, dass unsere Befürchtungen, für die man tatsächlich kein WikiLeaks brauchte, wahr sind. Dass nämlich die Militärs und Geheimdienste der westlichen freien Welt Rechtstaatlichkeit, Menschenrechte, Angemessenheit der Mittel nicht nur nicht einhalten. Nein, dass sie sie verabscheuen. Verachten. Und am meisten verabscheuen sie Menschen, die das ans Licht bringen. Wenn die Türen nicht mehr so fest verschlossen sind, wie sie es seit Menschengedenken waren.

Es gibt keine Demokratie ohne Wahrheit. Und nein. Die Wahrheit liegt nicht im Auge des Betrachters. Ob man von einer Todesschwadron erschossen wird, von einer F15 erbombt und verbrannt oder zu Tode gefoltert wird, ist keine Frage der Definition. Und jeder Lebende in einer Demokratie hat das Recht, von denjenigen zu erfahren, die im Namen dieser Demokratie getötet wurden. Und die Toten haben es auch.

Der Ruf einer Weltmacht, ihres Militärs und seiner Geheimdienste hat dagegen überhaupt keine Rechte, sondern definiert sich durch die eigenen Taten. Und wer diesen Ruf über die Wahrheit stellt, sollte nicht behaupten, Demokratie und Freiheit zu verteidigen. Man kann nicht ehrlich verteidigen, was man verabscheut.

Die Existenz von WikiLeaks bricht in unser gemütliches politisches System ein und was die Motive seiner Betreiber und Gründer sind, ist dabei völlig unerheblich. Deshalb prallen die Verbalangriffe der angeblich Verratenen ja auch ab. Und die wahren Helden sind eh die Bereitsteller des Materials.

Aber jeder Bürger muss sich spätestens jetzt mit der Frage auseinandersetzen, in was für einem politischen Gebilde man heute und künftig eigentlich sitzen will. Haben Politiker und das Militär, haben Geheimdienste überhaupt das Recht, irgendetwas geheim zu halten, das über eine sehr eingeschränkte, ganz aktuelle, vor allem aktive Situation hinausgeht?

Klingt naiv?

Doch wohl nicht naiver als die Vorstellung, dass eine unmündig gehaltene Bevölkerung kompetent seine Vertreter ernennen könnte. Was in einer repräsentativen Demokratie nun mal der Fall sein sollte. Wenn die Bevölkerung, die Bürger, der Souverän des Grundgesetzes unmündig und unwissend gehalten werden, dann sind ihre Vertreter nicht legitimiert. So einfach ist das.

Staatliche Geheimniskrämerei und Aushöhlung der Rechtstaatlichkeit schließen Demokratie aus. Immer. Überall. In Afghanistan wie bei uns.

11:29 30.07.2010
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Geschrieben von

Die unglaubliche Hummel

Die unglaubliche Hummel - fast so lustig wie Die Spinne
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