Das überwachte Kind

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Warum ich keine Ganztagsschulen mag

Gestern sah ich Reinhard Kahls Bildungsfilm – Treibhäuser der Zukunft. Toller Film, der zeigt, wie Schulen sein können, sein könnten. Wo man Kindern mit Respekt begegnet und auf ihre individuellen Unterschiede und Befindlichkeiten eingeht (individuelle Lernpläne, 1-3 Klasse lernen gemeinsam etc.). Sogar der Begriff Würde des Kindes fiel, die Noten abgeschafft (Seufz, wäre das schön gewesen!!!), die Lehrer ernsthaft bemüht. Entsprechende Reformschulen sind allerdings immer Ganztagsschulen. Diese bieten die Möglichkeit, unter geringerem Zeitdruck zu agieren, der soziale Zusammenhalt zwischen Schülern aber auch zwischen Schülern und Lehrern wird besser. Ich musste da an Burg Schreckenstein denken. Lehrer als Freunde oder zumindest wohlgesonnene Komplizen. Ich selbst erinnere mich vor allem (aber nicht nur) an sadistische Gefängniswärter.

Der Bedarf an Ganztagsschulen liegt angeblich bei ca. 80-90%. 80-90% aller Eltern wollen, dass ihr Kind einen vollen Arbeitstag unter pädagogischer Aufsicht verbringt.

Die Gefängnisse werden schöner. Sie werden freundlicher. Die Insassen dürfen sogar mitbestimmen, welche Farbe die Gitterstäbe haben. Sie werden gut versorgt, sie lernen, sie können kreativ sein. Gut, die Freunde sind auf den Schulbereich beschränkt. Ohne Aufsicht zu sein – wer braucht das schon? Nicht angeleitet zu werden, ist das wirklich nötig?

Ich versuche, meinem Sohn klarzumachen, dass er, wenn er in den Kindergarten geht, seinen Eltern hilft, die Miete zu bezahlen, das Essen und das Playmobil. Auch wenn er es da nicht mag. Ihn da bis nachmittags zu lassen – unvorstellbar!

Damit wir uns richtig verstehen – es gibt Situationen, in denen es nicht anders geht. Damit wir uns ganz richtig verstehen – ich bin keinesfalls der Ansicht, dass Frauen sich nur um ihre Kinder kümmern sollen. Ich bin aber der Meinung, dass Kinder ein Anrecht auf Familie haben. Familie heißt natürlich Mutter und Vater. Die Ganztagsschulen sollen es beiden Eltern ermöglichen, zu arbeiten. Ganz. Nicht nur den Vätern. Im Grunde geht es also darum, dass sich Frauen endlich genau so wenig um ihre Kinder kümmern können sollen, wie die Väter. Toll. Offensichtlich ist es einfacher, die eigenen Kinder von 8.00-17.00 abzuschieben, als sich Gedanken über die Arbeitsverteilung von Mann und Frau zu machen. Oder gar Kompromisse zu fordern. Von beiden.

Kompromisslos ist lediglich die Entwöhnung der Kinder von ihren Familien. Aber da wird ja eh nur Computer gespielt, Fernsehen geguckt, geschlagen und missbraucht. Und gerade Akademiker sind auf zwei Verdiener angewiesen, wie soll sonst das Haus, das zweite Auto und der Urlaub bezahlt werden? Außerdem können Kinder weder mit Trennung noch mit Auszug drohen, die machen später eine Therapie und gut is – immerhin ein Fortschritt gegenüber der Nachkriegsgeneration.

In was für einer Gesellschaft leben wir? In einer, die sich vorgaukelt, die Liebe und Freiheit des Elternhauses könne gleichwertig durch irgendetwas ersetzt werden und wenn sich die dort Tätigen auch noch so bemühen?

Man nennt so etwas Ideologie. Die Auflösung der Familie, die Entmündigung der Eltern zugunsten einer Fremderziehung (die für manche Kinder wahrscheinlich tatsächlich heilsam ist, ich unterstelle aber, dass das die deutliche Minderheit ist). Mit welchem Ziel? Dass alle arbeiten können. Immer.

Und die Kinder lernen, dass Freiheit und Individualität auch nur ein weiterer pädagogischer Schritt auf ihrem Lernplan sind. Schöne neue Welt…

Freie Wirtschaft juchhe – freie Entfaltung oder Selbstbestimmung ade!

12:19 07.12.2010
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Geschrieben von

Die unglaubliche Hummel

Die unglaubliche Hummel - fast so lustig wie Die Spinne
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