Sarrazin und das Schweigen der Geisteswissenschaft

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Warum Geisteswissenschaftler zur Sarrazin-Debatte nichts beitragen können. Oder wollen?

Die Sarrazin-Debatte müsste eigentlich inzwischen anders heißen. Gen-Debatte. Dann fiele der Name des Protagonisten auch nicht mehr so oft.

Denn die ganze Aufregung um das Bundesbankvorstandsmitglied wird und wurde ja eigentlich herbeigeführt durch seine Betonungen einer genetischen Festlegung von Intelligenz. Diese abhängig von Herkunft bzw. kulturellem Hintergrund/Herkunft.

Wenn die Genetik ins Spiel kommt, sind Wissenschaftler mit abgeschlossenem Biologie- oder Medizinstudium gefragt. Wir begeben uns dann in eine Sphäre, die weit weg ist von den Diskutiersalons der geisteswissenschaftlichen Elfenbeintürme. Und ganz freiwillig verzichtet man in diesen Rückzugsgebieten der überflüssigen Forschung auch auf jede Wortmeldung. Eingeschüchtert vom Gewicht der „richtigen“ Wissenschaft.

Die Erkenntnisse der naturwissenschaftlichen Fächer beruhen auf objektiven Daten, auf Analysen, Statistiken, Versuchsaufbauten, die für jeden Fachkundigen nachvollziehbar sind oder zumindest sein sollten. Es gibt eine Sprache, die alle Beteiligten beherrschen oder zumindest verstehen, Englisch. Wenn also objektiv Genetiker herausfinden, dass allen Juden ein ganz bestimmtes Gen zu eigen ist, wenn nun mal statistisch Türken in der Schule schlechter sind, als Deutsche - oder besser vergleichbar, da auch mit Migrationshintergrund, als Vietnamesen oder Russen - dann sind das Fakten. Fakten sind objektiv. Oder etwa nicht?

Intelligenz wird zu 50-70% vererbt, die Diskussion ist noch nicht abgeschlossen, aber es wird niemand ernsthaft daran zweifeln, dass das Ausgangsmaterial das Endprodukt maßgeblich prägt (genetisch). Wäre ja auch noch schöner!

Türken sind Muslime (meistens), die Türkei ist seit den Osmanen komplett muslimisch. Auch arabische Immigrantenkinder sind schlechter in der Schule, auch sie muslimisch. Iraner sind zwar wieder intelligenter, aber das sind ja auch keine Araber sondern Perser. Persische Muslime verfügen also über besseres genetisches Material. Das sind Fakten.

Was kann die Geisteswissenschaft zu diesen Fakten beitragen?

Nichts. Oder?

Sie kann nur erklären, was Perser und Araber sind, aber dabei streift sie eigentlich wieder die Genetik, nicht der Rassen, sondern der Ethnien.

Jetzt kann man natürlich zu Recht sagen, dass der Islam weder eine Kultur noch eine Ethnie ist, sondern eine Religion. Ob Juden ein Volk sind, darüber streiten sie selbst. Sie sind definitiv keine geschlossene ethnische Gruppe, gibt und gab es doch überall auf der Welt Juden, an die Mär der langen Nase glaubt heute wohl niemand mehr. Und doch lässt sich ein „jüdisches“ Gen finden, dass, wenn ich richtig informiert bin, für eine ganz bestimmte Krankheit zuständig ist.

Immerhin können die Geisteswissenschaften etwas zum Begriff Volk beitragen. Also: Der Begriff und das, was damit gemeint ist, ist ziemlich neu. Wirklich relevant wurde er erst im 19. Jh. mit dem geradezu explodierenden Nationalismus in Deutschland, Frankreich und wo auch immer. Es ist genau die Zeit, in der die Altertumswissenschaften ihren Anfang nahmen. Deshalb gelangte auch der damalige Volksbegriff so nachhaltig in Fächer wie Archäologie und natürlich Geschichte. Und auch die Vorstellung, dass es bestimmte Völker immer gegeben habe. Die Deutschen hießen früher Germanen, die Franzosen waren keltische Gallier und Franken. Kam noch ein Bisschen Römer, zentralasiatischer Sarmate und Alane hinzu; dann kamen einige Westgoten mit Gepiden im Schlepptau, die Vandalen marschierten auch noch vorbei. Im 8. Jh. konnte man die lästigen Muselmanen zurückschlagen, die nur noch gelegentlich über die Pyrenäen schauten. Hugenotten, Basken, Spanier, Holländer und wer weiß noch wer folgten. Künstler und Intellektuelle aus ganz Europa zog es nach Paris. Deshalb dürfte es schwer sein, ein französisches Gen zu finden, hat bis heute auch niemand versucht.

Das ist bei den Türken aber doch ganz anders. Zwar berichtet die Bibel von den keltischen Galatern, die durch Italien nach Anatolien marschierten und auch im Neolithikum, im 3. Jahrtausend vor Chr. lässt sich deutlicher Einfluss vom fruchtbaren Halbmond her feststellen. Dann kamen Griechen, Perser (alle blieben auch ein bisschen), Thraker, Römer, und mit den Römern die ganzen Hilfstruppen aus aller Herren Länder, es kamen Turkvölker und vielleicht ja sogar der eine oder andere Chinese. Oh, natürlich, die Wikinger, im 10. Jh., als Söldner, slawische Rus, später Seldschuken, Mameluken und wie sie alle heißen.

Aber die Intelligenz der Türken ist genetisch festgelegt. Wo soll dieses Gen denn herkommen? Wer hat das erfunden? Und wann?

Ich spare mir, die Aufzählung fortzusetzen, wer sich wann wo mit wem vermischt hat. Denn bis auf ganz ganz wenige Ausnahmen an sehr abgelegenen Stellen in Europa und Vorderasien gilt für alle Gruppen, die später als Volk bezeichnet und Grundlage moderner Staaten wurden, dass sie sich aus verschiedensten Gruppen zusammengesetzt haben. Allesamt omniethnisch, durch und durch. Und so sehen dann ja auch die Sprachen aus, die in Europa (ich zähle die Türkei ausdrücklich dazu) gesprochen werden.

Man nennt diesen Prozess der „Volkswerdung“ eleganter Ethnogenese, gerade weil der Begriff Volk auf die Zustände nicht passt, über die da referiert wird. Die Menschen selber verpassten sich mythische Abstammungen, meist von griechischen Helden, egal, ob sie aus Schweden oder Ungarn kamen.

Aber was ist eigentlich mit „den Juden“? Im heutigen Israel gab es Phönizier, Araber, Nabatäer, Sasaniden, also Perser, Römer, Griechen, Leute aus Zentralasien, sicher auch eine Handvoll Ägypter, vielleicht eine Prise Inder, möglicherweise einige chinesische Händler, vergessen wir die Awaren nicht, verbündet mit den Persern, dann verbündet mit den römisch-griechischen Byzantinern und alle marschierten fröhlich hierhin und dahin, blieben, gingen, und zeugten Kinder. Auch mit Juden. Es konvertierten die Chasaren, ein Turkvolk des 7. bis etwa 10. Jh.s in der heutigen Ukraine zum Judentum, wurden von den slawischen und vielleicht skandinavischen Rus „geschluckt“ und gingen irgendwie im Ostjudentum auf (ich hoffe, das ist kein rassistischer Terminus). Juden lebten in Spanien, Tschechien, England; in Frankreich war der Gewürzhandel im Frühmittelalter in jüdischer Hand. Immer und überall gab es Heiratsverbote.

Was sagen Heiratsverbote? Dass geheiratet wurde.

Meistens wurden sie dann ja auch wieder aufgehoben, nur um von anderen Idioten wieder eingeführt zu werden.

Wie kann es also sein, dass Menschen in einer bestimmten Region ein nachweisbares Gen in sich tragen?

Könnte das vielleicht an der Region liegen? Und nicht an der Religion? Könnte es sich dabei um eine Art Anpassung handeln? Scheint noch ein weites Feld zu sein, die Genforschung der Religionen.

Geisteswissenschaftler fragen eher so etwas wie: Warum sucht jemand ein jüdisches Gen? Warum glaubt jemand, Türken seien weniger intelligent als andere, unabhängig von der Frage, ob nicht vielleicht eine ganz bestimmte Gruppe „ausgewählt“ wurde?

Aber kommen wir doch endlich zu Herrn Sarrazin. Er ist natürlich eine Person der Öffentlichkeit, er ist in der SPD, nicht bei der NPD, es gibt Leute, die ihn durchaus für intelligent halten. Dennoch sei die Frage erlaubt, warum sich eine ganze Gesellschaft so sehr mit den Thesen eines Mannes beschäftigt, ja geradezu begeistert, der ein naturwissenschaftlicher Laie ist, der nicht einmal Kultur von Religion und Ethnie, von Volk, Staat und Schichtenzugehörigkeit trennen kann. Der weder von Naturwissenschaft, noch von den ideologischen Hintergründen und historischen Prozessen der Wissenschaften etwas begriffen hat? Was er ja auch gar nicht behauptet. Immerhin.

Das bringt mich zu dem Problem der immer und immer wieder unterstellten unabhängigen, unvoreingenommen naturwissenschaftlichen Forschung. Es sind immer wieder die gleichen Länder, in denen Wissenschaftler der fixen Idee nachrennen, genetische Festlegungen nachweisen zu können. So unwahrscheinlich diese Festlegungen auch sein mögen. Man kann in der Wüste auch keine Eisbären finden. Die sucht da auch keiner. Sollte man meinen.

Aber wenn es einer doch tut? Fragt man doch, warum, oder?

Alle haben ein Motiv, einen Hintergrund. In den USA ist das gerade bei den Genetikern häufig noch eine Prägung durch Lehrer der 50er und 60er Jahre. Und es glaubt hoffentlich nicht ernsthaft jemand, dass Naturwissenschaftler frei wären von Vorurteilen! Leider hinterfragen Studenten ihre Lehrer nicht allzu oft und übernehmen deren Grundlagenwissen (ohne die Ideologie zu erkennen oder zu teilen). Oder leiden selber am Auserwähltsein-Gen. Hinzu kommt das grundsätzliche Problem einer Forschung, die eine Theorie aufstellt und nach Beweisen für diese Theorie sucht. Das ist leider häufig gleichbedeutend mit dem Ausblenden von Widersprüchen. Ergebnisse werden ausgewählt, bis sie passen. Das kann in manchen Fällen zu großartigen Neudefinitionen führen, in anderen Fällen ist es unreflektiv und oberflächlich. Und immer ist alles ganz einfach. Jeder, der mit amerikanischer Forschung schon einmal zu tun hatte, weiß, wovon ich spreche.

Leider hält sich die deutsche Geisteswissenschaft wie stets aus allen gesellschaftlichen Diskussionen heraus, nutzt nicht ihr Potenzial, Probleme aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchten zu können. Fragen zu stellen. Und überlässt so das Feld den Leuten, die von Menschheitsgeschichte nicht mehr Ahnung haben, als die Zellen, die sie auseinanderpflücken.

18:12 07.09.2010
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Geschrieben von

Die unglaubliche Hummel

Die unglaubliche Hummel - fast so lustig wie Die Spinne
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