Und immer wieder Samba

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Und immer wieder Samba.

Von der Legende um das gelb-blaue Trikot.

Meine erste WM, die ich so richtig wahrnahm und bei der ich die meisten Spiele sah, war 1982. Spanien. Kurze Zeit zuvor, irgendwann 1981, gab es ein Freundschaftsspiel zwischen Brasilien und Deutschland. Brasilien gewann 1:0 und ich fand sie doof. Dann kam besagte WM und selbst als kein großer Kenner des Fußballs (ich war ja erst kurze Zeit im Fußballverein) blieb mir bei Zico, Falcao, Socrates und Junior der Mund offen stehen. Das Zwischenrundenspiel gegen Italien (2:3) war unglaublich, auch wenn Rossi meine neue Lieblingsmannschaft (außer Deutschland) ins Jammertal schoss. Das war sußerrasanter, technisch hervorragender und gewitzter Fußball. Das, was man heute noch Sambafußball nennt. 1982 ist jetzt 28 Jahre her und bereits 1986 war von Samba nicht mehr viel zu sehen. Was geblieben ist? Das ewige Verkünden besagten Sambafußballs im Vorfeld einer jeden WM.

„Ohho, da kommt Brasilien, jetzt wird Samba getanzt!“ Dann zeigt man Brasilianerinnen auf den Tribünen, die Samba tanzen. Erstes Spiel um. „Naja, das war noch kein Samba, aber der Gegner war ja auch keine Herausforderung!“

Vor dem zweiten Spiel: „Ahhh, jetzt kommt Sambafußball!“ Kommentar des fachkundigen Co-Kommentators: „Oh ja, die Brasilianer sind zu Unglaublichem fähig!“ Man zeigt Brasilianerinnen auf den Tribünen.

Das zweite Spiel ist um. Der Gegner war wieder keine Herausforderung. Erste Zweifel: „Wann werden sie uns endlich den Sambafußball zeigen?“.

Drittes Spiel. „Der erste ernstzunehmende Gegner der Brasilianer. Heute werden sie uns Sambafußball zeigen!“ Es steht 2:0, das Spiel ist fast um. Ein brasilianischer Einwechselspieler geht mit einem Dutzend Übersteigern am (müden und genervten) Verteidiger vorbei. „Samba!!!!!“, brüllen die Kommentatoren. Man zeigt glückliche Brasilianerinnen auf der Tribüne.

Die Hinrunde ist vorbei. (Fast) kein Samba.

Achtelfinale. „Jetzt wird Brasilen endlich zeigen, was sie können!“

Brasilien gewinnt. Kein Samba. Die Kommentatoren sind erschüttert. „Sie haben wieder gewonnen, aus zwei Chancen zwei Tore gemacht, nichts zugelassen, aber vielleicht müssen wir uns daran gewöhnen, bei dieser WM keinen Sambafußball mehr zu sehen…“

Verzweiflung. Depression. Den Brasilianerinnen ist´s egal. Schließlich gibt es keinen Garincha, keinen Pele und keinen Zico mehr.

Brasilien fliegt raus oder gewinnt die WM.

Vier Jahre später ein neues Turnier. Erstes Brasilienspiel.

„Ahhh, endlich Brasilien. Sie werden uns mit ihrem Sambafußball verzaubern!“ Man zeigt Brasilianerinnen auf den Tribünen, Kommentator und Co-Kommentator lecken sich die Lippen. Vielleicht meinen die gar nicht das Spiel auf dem Rasen, sondern die Frauen???

Das Spiel ist um. Brasilien hat aus zwei Chancen zwei Tore gemacht (um das klarzustellen: die Effizienz ist absolut bewunderungswürdig, frustrierend und komplett unspektakulär).

„Hm, sie lassen uns noch warten mit dem Sambafußball.“

Ich will es kurz machen. Auch in den nachfolgenden Spielen kein Sambafußball, sondern geduldiges Abwarten, Spielkontrolle, minimaler Aufwand, gerade genug, um zu gewinnen (meistens, selten geht es auch schief).

Die Kommentatoren geraten in eine Sinnkrise oder werden hämisch, verzweifeln, sind erschüttert, resignieren (so wie bei Leuten, die häufig Bahn fahren). Brasilien gewinnt die WM oder fliegt raus. Und bei der nächsten WM heißt es wieder: „Brasilien. Sambafußball.“

Das sagen Leute, die anscheinend keinen brasilianischen Fußball gucken (eher träge, dennoch gut), gar nicht wissen, was Samba ist (nur, dass es dabei schöne Frauen zu sehen gibt) und überhaupt eher alles nachplappern, was ihre Kommentator-Erzieher ihnen beigebracht haben (Heribert Faßbender – Steffen Simon). Niemand hat ihn je gesehen, diesen Sambafußball. Zumindest nicht mehr seit 1982. Hin und wieder einen Beinschuss und tausende Übersteiger, die aber häufig erst angewendet werden, wenn das Spiel gewonnen ist und den Brasilianern nicht zu Unrecht den Vorwurf einbrachten, keinen Respekt vor ihren Gegnern zu haben. Kann man natürlich sehen, wie man will.

Nachdem Brasilien in Deutschland schlafmützig von schlafmützigen Franzosen aus dem Turnier geworfen wurde, hieß es: „Tja, kein Sambafußball (schöne Frauen auf den Tribünen).“ Und nicht ganz ungehässig. „Brasilien hat den Samba verloren!“ Was auch immer das heißen soll.

Danach dachte ich: Ja, Ihr habt es endlich kapiert. Nix Samba. „Nur“ eine Mannschaft, die aus dem Nichts Tore macht, praktisch keine zulässt und das in vollständiger Perfektion.

Und dann 2010. Es fiel wieder dieses Wort. Und ich dachte, das darf doch nicht wahr sein! Sambafußball. „Ahhh, jetzt Brasilien, Sambafußball.“ Der Co-Kommentator nickt begeistert. Schöne Frauen auf den Tribünen.

2:1 gegen Nordkorea. Ach ja, was soll man sagen???

Und dann Achtelfinale. Chile spielt. Schnell, gut. Brasilien schießt drei Mal aufs Tor. 3:0. Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Da kann man nur neidisch sein. Das ist definitiv gut. Oder zumindest effektiv. Nicht schön. Aber das ist denen egal. Der Unterschied zu italienischen Mannschaften ist nur, dass Italien diesmal schon raus ist und bei den Italienern niemand von Samba faselt. Wenigstens auch nicht von der Mafia.

Es ist zum Haare-Raufen. Der Sambafußball ist eine Legende. Mit einem wahren Kern, ja, aber lang lang her. Aber die Legende ist so fest verankert, dass Leute, die sich nicht die Bohne für Fußball interessieren, während der WM in Brasil-T-Shirts rumlaufen. Weil sie zu intellektuell sind, um sich ein Deutschland-Trikot anzuziehen. Außerdem kann man mit so einem opportunistischen Fummel viel besser Brasilianerinnen angraben, die man in den Sambaclubs vermutet. Es sind die gleichen Leute, die auf diesen zwischen Bäumen gespannten Autogurten rumbalancieren, an Kletterwänden rumhängen oder mit kleinen Säckchen Fußballjonglieren. Am liebsten auf großen Wiesen vor der Uni. Uaahhh. Und da diese Leute die Spiele gar nicht sehen und Sambafußball nicht von Tangofußball, Walzerfußball oder Eiche Rustikal unterscheiden können, tragen sie beim nächsten Turnier wieder Brasil, quatschen von Samba, „ihre“ Mannschaft wird wahrscheinlich Weltmeister, aber trotzdem kriegen sie keine Brasilianerin ab. Ätsch.

10:52 02.07.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Die unglaubliche Hummel

Die unglaubliche Hummel - fast so lustig wie Die Spinne
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare 1

Avatar
sachichma | Community