Vom Wutbürger, Wikileaks und dem Wissen. Und wem sie gehören.

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Ich lese in diesen Tagen immer wieder von Politik, die hinter verschlossenen Türen verhandeln können muss. Von Verwaltungen, die ihre Verwalterei ohne lästige Zuhörer verrichten wollen. Von Diplomaten, die spionieren, intrigieren, lügen und lästern können müssen. Von Journalisten, die meinen, zwischen ihren Lesern und der Wahrheit vermitteln zu müssen. Die glauben, genau wie „Die Politik“, dass Informationen gefährlich sind für die, die sie nicht mit dem nötigen Wissen interpretieren können. Wenn man unterstellt, dass Wissen auch für die Kurierung von der eigenen Überheblichkeit und Selbstverliebtheit dienlich sein könnte, lässt das erahnen, wie es um das Wissen der Mehrheit dieser beiden Berufsgruppen gestellt ist. Da wird Repräsentative Demokratie nicht verstanden als eine Regierungsform zum Wohle der Mehrheit, verantwortet durch Delegierte. Oh nein, denn Menschen, die ihr Handeln geheim halten, wo sie nur können, die üben Herrschaft aus. Herrschaft über das Wissen und damit Herrschaft über Meinung und Untertanen. Öffentlicher Dienst und Politik einer vorgeblich freien repräsentierten Gesellschaft müssten sich verantworten. Immer und überall. Und wenn es zwei Jahre nach ihren Handlungen geschieht, man denke an laufende diplomatische Projekte, Untersuchungen, Standorte von Militäreinheiten etc. Leider bedeutet geheim meist: „Das werdet Ihr nicht erfahren. Nie. Nicht, wenn wir das verhindern können. Es geht Euch doch gut. Geht arbeiten, kommt Euren Konsumpflichten nach. Stellt nicht so viele Fragen, die verursachen nur Kopfschmerzen! Und Kopfschmerzen belasten unser Gesundheitssystem. Und Ihr wollt doch wohl nicht, dass unser System gefährdet wird?“

Mit Demokratie meinen Politiker und Bürokraten auch gar keine Regierungs-, sondern eine Lebensform. In der laut Grundgesetz alle großartiger- und gnädigerweise sagen dürfen, was sie wollen (zumindest meistens), in der wir überall hinreisen können, um den erschufteten Zaster wieder in den Kreislauf einzubringen. Am liebsten bei anderen Demokratien oder zumindest solchen Staaten, die mit diesen zusammenarbeiten. Demokratie ist also eher Kultur, vermutlich besitzen wie alle ein sarrazinisches Demokratie-Gen. Die Taliban übrigens nicht, aber das ist ein anderes Thema.

Die Deutsche Gesellschaft für Sprache hat heute den „Wutbürger“ zum Wort des Jahres gewählt. Der Wutbürger nimmt es in Kauf, von Wasserwerfern, Minister- und Polizeipräsidenten malträtiert zu werden und das ganz ohne Antifa-Zugehörigkeit. Der Wutbürger hat etwas gegen Politikergejammere über klamme Kassen und deren Liebe zu Prestigeobjekten wie Bahnhöfe. In Bonn z.B. sollen Stadtteilbibliotheken geschlossen werden. Denn deren Budget im fünfstelligen Bereich kollidiert mit den Planungen der Verwaltung, sich einen vermutlich dreistellig teuren Millionen-Neubau zu gönnen. Aber Verwaltungsmenschen lesen ja auch nicht. Und Politiker wollen keine Bürger in ihrem System, die lesen, zumindest nicht außerhalb von PISA-Tests. Denn lesen bildet. Und wer sich bildet, will mehr wissen, im schlimmsten Fall sogar alles. Und wenn unsere Wissensgesellschaft eines nicht brauchen kann, dann Bürger, die etwas wissen wollen.

11:42 17.12.2010
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Geschrieben von

Die unglaubliche Hummel

Die unglaubliche Hummel - fast so lustig wie Die Spinne
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