Wie sollen sich Einwanderer in der Euro-Krise verhalten ?

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Die europäische Finanzkrise enthüllt interessante Einblicke in die Psyche portugiesischer Einwanderer, aber auch in die Filterungsmechanismen der Medien.

Portugal ist eines der Krisenstaaten, die verächtllich PIIGS getauft wurden. Die Bilanzierung der Schulden durch die Bank von Portugal ( www.bportugal.pt/pt-PT/aEstatisticas/IndicadoresEstatisticosPadronizadosSDDS/sddspaginas/Paginas/extdebt.htm ) zeigt die offizielle Sicht auf die Lage.

Portugal ist ein armes Land. Als die Nachricht verbreitet wurde, dass portugiesische Botschaften in Deutschland geschlossen werden sollen, um 12 Mio. € einzusparen, riefen portugiesische Einwanderer in Deutschland auf, die Rücküberweisungen nach Portugal zu stoppen.

Die Portuguese American Journal half die Nachricht zu verbreiten. Ob mit dem Hintergedanken Portugiesen in anderen Staaten aufzurufen sich am Boykott zu beteiligen, weiss man nicht. Sie weiss aber zu berichten:

"According to figures from the Bank of Portugal, the Portuguese emigrants in Germany sent in 120 million-euro to Portugal in 2010. It is estimated that 132.314 Portuguese immigrants have settle in Germany. In 2010 Portuguese emigrants worldwide sent home over 2,403 billion euros ($3,460 USD billion) — more 122.03 million euros ($175,7 USD million) than in 2009. It is estimated that over five million Portuguese live abroad."

Die Glaubwürdigkeit der Verlustdrohung von 120 Mio. € für die Einspar-Gewinn von 12 Mio. € ist gegeben. Die Rücküberweisungen sind letzten Endes aber Ressourcenströme zwischen verstreuten Haushalten innerhalb von Familien. Die World Bank berichtet eine Grössenordnung von 1.6% des GDP 2010 von Portugal (siteresources.worldbank.org/INTPROSPECTS/Resources/334934-1110315015165/RemittancesData_Inflows_Apr12(Public).xlsx).

Ich habe einmal eine Aufstellung gemacht, um die Verletzbarkeit der Herkunftsstaaten durch Rücküberweisungs-Boykotte zu zeigen.

Portugal 1,6% GDP 2010

Italien 0,3% GDP 2010

Irland 0,3 % GDP 2010

Griechenland 0,5 % GDP 2010

Spanien 0.8% GDP 2010

Die Verletzbarkeit kann dabei systematisch unterschätzt sein, weil die Ressourcenströme Nationalstaaten zugeordnet werden, anstatt urbanen Räumen zwischen denen Kettenmigration eigentlich stattfindet. Für die genaue Schätzung braucht man eigentlich das GDP von urbanen Räumen.

Interessanterweise haben die Boykott-Aufrufer keine weitergehenden Forderungen gestellt, die im Zusammenhang mit ihrer sozioökonomischen Lage stehen. Z.B. die Ko-Finanzierung von Stiftungsprofessuren und inernationalen Schulen für portugiesische Einwandererkinder durch Portugal wie es z.B. polnische Praxis ist. In Sarrazin deutschland ordnet man das hier der portugiesischen Mentalität zu.

Die Motivation für den Boykott war von Verlustängsten motiviert, dass das Vaterland den portugiesischen Immigranten den Rücken zukehrt. Der Boykott mag die Schliessung der Botschaften abwenden können, aber das Spardiktat wird nicht abgewendet, ihre Familien daheim werden auf jeden Fall in Mitleidenschaft gezogen.

Die Zinsen für portugiesische Staatsanleihen liegen bei etwa 11% (www.bloomberg.com/quote/GSPT10YR:IND). Es wäre ein spannender Versuch, ob es möglich wäre den Ankauf von Staatsanleihen zu boykottieren. Die Weltbank versucht schon seit einiger Zeit, zinsgünstige Diaspora-Anleihen an Einwanderer loszuwerden. Patriotismus statt Rendite.

Überlegenswert wäre der Einsatz von debt swaps: d.h. debt-for-education. debt-for-development, debt-for-equity und debt-for-healthcare, die man für die urbanen Herkunftsregionen der portugiesische Einwanderer einführen könnte, um nur ihre Familienangehörigen, Nachbarn und urbane Mitbürger vom Spar-Diktat auszunehmen.

Debt-for-Equity: Zollamt verpachten

Was wäre z.B. wenn Portugal die Zollämter an einigen Grenzabschnitten an die portugiesischen Einwanderer abtreten würde gegenüber Diaspora-Anleihen für 6% Zinsen. Die Umschuldung portugiesischer Staatsanleihen würde einen Zinsvorteil von 5% generieren. Die portugiesischen Einwanderer könnten die Geschäftsprozesse im Zoll modernisieren. Gleichzeitig könnten sie eine Liste an zollfreien Waren für ihre Familienbesuche aufstellen: das bringt US-Dollar Devisen von amerikanischen Portugiesen.

Die Prämisse für eine solche Krisenmanagement-Politik ist ein eigenständiges Diaspora Bewusstsein abseits der nationalen Identität.

03:36 10.06.2012
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Geschrieben von

Die Unsichtbaren Deutschen

Eine Stimme für die unmündig gemachte Wohnbevölkerung.
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