RE: Entvölkerung als Nährboden rechter Politik | 28.06.2018 | 22:37

Dieser Denkanstoß hat mich zum ersten Mal überzeugt, dass sich die Lektüre des „Freitags“ wirklich lohnt (ansonsten ist dieser doch manchmal von recht unterschiedlichem Niveau).

Meine Meinung seit Beginn der Fluchtbewegungen seit 2015 war, mir an den Kopf zu greifen, weil für mich klar war, dass ein strikt neoliberal ausgerichteter Staat (oder die „marktkonforme Demokratie“) eine solche Herausforderung nicht stemmen kann. In einem Staat und einer Gesellschaft mit marktwirtschaftlicher Ausrichtung ist sozusagen alles „auf Kante genäht“, so dass man mit einem Routineprogramm oder einer gerade ausreichenden Besetzung und Ausstattung der staatlichen Strukturen, - sei es Schule, sei es Verkehr , sei es Behörden aller Art usw. - einigermaßen über die Runden kommt, jedoch epochale Krisen nur ansatzweise bewältigen kann. Merkel hat dann Kosten und Mühen der Migration einfach an die Gesellschaft delegiert.

Alles, was bis dahin an Erfreulichem und Unerfreulichem geschehen ist inklusive des Erfolgs einer reaktionären Rechtspartei, haben Gesellschaft und die Bürger getan. Merkel muss sich leider alle Fehlentwicklungen anrechnen lassen. Daher bin ich der Auffassung, dass die Flüchtenden die schon Jahrzehnte dauernden Not-und Missstände in Deutschland und Europa erst sichtbar gemacht haben, und dies in allen wichtigen gesellschaftlichen und politischen Feldern.

So aufschlussreich und wichtig die Erkenntnis der Folgen von Abwanderung vor allem aus der Fläche auch sein mag, denke ich, dass sie viel zu spät kommt und vernachlässigt, dass man jetzt nicht von Lösungen in der Migrationsfrage ablassen kann und sich der Abwendung der Folgen der Abwanderung zuwendet. Hier haben wir es nicht mit Alternativen zu tun, sondern beide Trends oder Krisen müssen gleichzeitig bearbeitet werden. Was natürlich eine weitere Steigerung der Komplexität dieser Doppelkrise bedeutet.

Und man muss auch bedenken, dass die Tendenz zur ausgebluteten ländlichen Fläche eingebettet ist in einen vergleichbar ähnlichen globalen Trend wie die weltweite Migration: die Urbanisierung. In der Stadt gibt es trotz mancher Lebensrisiken (Lärm, hohe Mieten, Verkehrsemissionen) eine viel bessere Chance, Kultur zu konsumieren , sich mit Lebensmitteln zu versorgen und die Vorteile ärztlicher und altersbezogener Versorgung zu genießen. Dennoch liegt der Charme der Entdeckung und Diskussion der Abwanderungsfrage in der Chance , dass die lokale Initiativen sehr viel bewirken können, vorausgesetzt man hat den nötigen Überblick. Vorerst geht es aber darum, ein Bewusstsein für den Zusammenhang zwischen abgehängten Gebieten und Bevölkerungen und der grassierenden Fremdenfeindlichkeit zu schaffen.