Elefantisch: Zum 100. Geburtstag von Walter Höllerer

Hommage Literarischer Tausendsassa, Netzwerker, Hansdampf: Er erfand den Literaturbetrieb und doch wieder nicht, denn den heutigen Betrieb hätte der Literaturkritiker der alten BRD nicht gemocht. Eine Hommage zum 100. Geburtstag von Walter Höllerer
Exklusiv für Abonnent:innen | Ausgabe 03/2023
Walter Höllerer mit Sohn, Max Frisch mit Katze
Walter Höllerer mit Sohn, Max Frisch mit Katze

Foto: Renate von Mangoldt

Manche nennen ihn den Erfinder des Literaturbetriebs: Als Walter Höllerer im literarischen Leben in Erscheinung trat, insbesondere in (West-)Berlin, gab es das noch gar nicht: lebende, gefragte Schriftsteller, Begegnungen mit ihnen – Fehlanzeige. Erst mit Höllerers Auftreten, er nahm eine Professur an der Technischen Universität an, änderte sich dies „schlagartig“, so der Schriftsteller Michael Krüger. Er war ein Gründer, Erfinder, Demokratisierer. Sein Literarisches Colloquium draußen am Wannsee gibt es heute noch, auch seine legendären Zeitschriften Akzente und Sprache im technischen Zeitalter.

Walter Höllerer, der unlängst 100 Jahre alt geworden wäre, war der richtige Mann am richtigen Ort und zur rechten Zeit. Im Dritten Reich hatte sich Deutschland von der Moderne abgeschnitten, und die Adenauer-Ära hatte es nicht vermocht, deren Kraftfeld neu zu öffnen. Gesellschaftlich gärte es im Westen, die Zeit des Infragestellens, der neuen Farben und Visionen, der großen Veränderungen, sie kam mehr und mehr. Viele waren hungrig nach neuem Denken, neuen Büchern, Filmen und Ausstellungen, die ihnen nun etwas sagen können, sie wollten Welt, vom frischen Wind was spüren, und – partizipieren. Aufregende Werke entstanden, die das Bild der BRD in der Welt veränderten. Höllerer, selbst auch Literat – er debütierte mit einem Gedichtband bei Hanser –, kannte sie alle, oft als Freund, und stellte sie in Reihen, die zu Ereignissen wurden, dem Berliner Publikum vor: Grass, Böll, Johnson, Walser, Celan. Mit einem internationalen Lesungsprogramm ging es weiter, von Ingeborg Bachmann in der Kongresshalle eröffnet, mit John Dos Passos oder Nathalie Sarraute. Mehr als Tausend strömten jeweils herbei, es soll Rangeleien am Einlass gegeben haben. Höllerer entwickelte etwas, das heute ganz selbstverständlich ist, das mit der Lesung einhergehende Gesprächsformat.

Er brachte die französischen Strukturalisten herbei, Pasolini, die Osteuropäer, die wilden Amerikaner. Neun Jahre vor Brinkmanns und Rygullas Acid gab er mit Gregory Corso die Anthologie Junge Amerikanische Lyrik heraus: Ashbery, Creeley, Ferlinghetti, Ginsberg, Kerouac, Levertow, O’Hara, Olson, Snyder. Alles No Names. Damals. Seine Anthologien haben bis zum heutigen Tag eine starke Ausstrahlung, auch als Objekte. Man spürt, dass hier nicht einer sein Pensum abgespult, sondern mit allen Sinnen geforscht hat. Jeder Tag bringt Neues, jedes Buch muss anders sein. Bei Transit, einer Gedichtanthologie, ließ er die Autorennamen weg, sodass keine Befangenheit aufkommt und der blanke Text wirken kann. Kommentare treten zum Text, der nicht mehr als entrückt gezeigt wird. Movens,noch stärker von Franz Mon geprägt, verbindet die neueste Literatur mit der zeitgenössischen bildenden Kunst und der avantgardistischen Musik dieser Jahre. Alles soll zusammenwirken: Synergien statt Abgrenzungen.

Nicht bei Adorno gelernt

Und dann, 1972, sogar eine Ausstellung, in der Akademie der Künste, noch einmal ein Großprojekt: Welt aus Sprache. Auseinandersetzung mit Zeichen und Zeichensystemen der Gegenwart. Diesen Geist griffen nun zum Jubiläum Studierende der TU wie auch der Universität der Künste auf. Ganz in seinem Sinn machten sie Höllerer zu Ehren ein interdisziplinäres Kooperationsprojekt, das klug informiert, aber auch zur Installation und allemal für Germanisten zur Herausforderung wird. Dabei geht es, unter Verwendung einer VR-Brille, auch um Höllerers einzigen Misserfolg, sein hochambitioniertes Prosawerk Die Elephantenuhr, an dem er 15 Jahre schrieb und das dann bei Suhrkamp in zwei abweichenden Ausgaben floppte: „Literatur ist Semiologie“. Diesmal konnte ihm sein Publikum nicht recht folgen. Wer wagt, gewinnt nicht immer. Na und?

Das Literarische Colloquium Berlin, das er 1963 gegründet hat, als erstes Literaturhaus, sollte nicht wie die Gruppe 47, der er angehörte, exklusiv-autoritär sein. Bei der Gelegenheit führte er auch die Schreibwerkstatt in der BRD ein und band nachrückende Autoren wie Hubert Fichte oder F. C. Delius an das Haus. Es ehrte ihn nun mit einer Langen Nacht, aber auch online mit einem Digital Essay, als erste Einführung. Wer sie vertiefen will, greife zum neu erschienenen Buch Flecken. Walter Höllerer und die Epiphanien der Moderne von Heribert Tommek, das sich sehr eignet, die wichtigsten Aspekte seines Wirkens zu erfassen. Es erlaubt es auch Unhabilitierten, einen Geschmack für das Faszinosum zu bekommen, das von der kühnen Verknüpfungslust Höllerers ausgeht.

Lässt sich an ihn auch heute noch produktiv anknüpfen? Aber natürlich. An wen denn sonst? Höllerer zeigt uns, auch wenn das in einer zugestellten Welt schwerer umzusetzen ist, dass jegliche fachidiotische Routine aufzulösen ist zugunsten ungeahnter Wege. Dass Germanisten auch Dichter sein sollten, selbst wenn sie keine Gedichte schreiben, und jeder Dichter Künstler und vielleicht auch Theoretiker, dass just Ausstellungen gut sein können, um Sprache zu verhandeln. Dass ein Buch auch eine Ausstellung sein kann. Dass ein Gedicht lang sein kann, so lang, dass sich viel in ihm abstellen lässt, aber dann auch wieder komprimiert und ganz bei sich. Seine nur wenige Seiten umfassenden Thesen zum „langen Gedicht“, von US-Amerikanern inspiriert und skizzenhaft leger formuliert, ist vielleicht seine wirkmächtigste Schrift. Seine eigenen Gedichte wirken weiterhin frisch, jedenfalls die im schmalen LCB-Band Systeme, da gibt es Stellen, als würde er die scratchende DJ-Kultur vorwegnehmen. Plötzlich bleibt ein Gedicht in einer Zeile hängen, sie kommt jetzt immer wieder, bis es in die nächste Sequenz rückt, die dann auch gehalten wird. Das hat er nicht bei Adorno gelernt.

Sein Bild vom Elefantengedächtnis, im Gegensatz zum Jetzt-jetzt-jetzt, gibt uns eine Chance, das Gegenwärtige menschenwürdiger und umfassender zu verstehen, und sein Faible für seinen Heimatort Sulzbach-Rosenberg kann uns Boden unter den Füßen zeigen: dass es nicht nur Globalisierte oder abgehängte Provinzler geben muss. Denn nachdem Walter Höllerer das literarische Berlin internationalisiert hatte, gründete er in der Oberpfalz sein Literaturarchiv und betrieb Oberpfälzische Welteierkundungen. Auch dort gibt es nun eine Ausstellung, die ihn ehrt.

Mit alledem lohnt es sich zu befassen. Schön, noch schöner ist es vielleicht, man geht irgendwann seinen eigenen Weg, in ein Antiquariat, eine Bibliothek (ja, ist mit Mühen verbunden), schlägt eine seiner Schriften irgendwo auf und schaut, was passiert. Höllerer schrieb kein Monumentalwerk, da gibt es viele Andockmöglichkeiten. Warum nicht mal nur mittelseriös sein und sich einem Titel wie Die Leute von Serendip erkunden die Giftfabrik anvertrauen?

Übrigens hat er den Literaturbetrieb gar nicht erfunden. Jedenfalls nicht das, was wir heute darunter verstehen. Das kam nach und ist nun supersmart. Er hätte ihn wohl nicht besonders gemocht. „Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt“, heißt es im Gedicht seines Weggefährten Günter Eich. Er war etabliert, ja, aber kein Freund der Systeme. Sein Arbeitszimmer gehörte nicht dem Bestehenden.

Sich treiben lassen

Auf einen Leser freute ich mich besonders für diesen Artikel, der ihn nun nicht mehr lesen kann, denn er ist vor ein paar Wochen überraschend gestorben: Michael Braun. Braun war ein Literaturkritiker, der sich wie kein anderer auf die zeitgenössische Lyrik eingelassen und in vier Dekaden einen enormen Korpus an Rezensionen, Gedichterörterungen, Reden und Dichter-Interviews entwickelt hat. In den Neunzigerjahren übrigens auch für den Freitag, wo er sich eine Lyrik-Kolumne mit Michael Buselmeier teilte. Bei der Langen Nacht für Walter Höllerer im LCB waren wir zu einem Plausch verabredet, aber sie wurde uns beiden dann doch zu lang und wir verschoben, was nicht verschiebbar war, wechselten Mails. Auch darüber, was denn von der Höllerer-Huldigung eines Kollegen zu halten sei, der diese wie folgt umgeleitet hat: „Vielleicht muss man auch zugeben, dass Höllerer keine Figur ist, an die sich produktiv anknüpfen lässt.“ Mittlerweile liegt dessen Nachruf auf Michael Braun vor und ich kann noch nicht vollständig glauben, dass ich ihn nicht fragen kann, was er denn hiervon hält.

Man kann sehr gut an Höllerer anknüpfen. Auch wenn es um Braun geht. Wie wird man nun mit seinem tausendteiligen Werk umgehen? Wird man es glätten, aufhübschen, einen Sammelband an seine Stelle setzen, ambitionierter, als er es je war? Mit klugen Herausgebern, die herausgreifen, was gerade zum poetischen Zeitgeist passt? Oder lässt man sich auf das Bild vom Elefantengedächtnis ein? Dann wäre in seinem Archiv jeder Artikel erst einmal gleichermaßen von Wert, ohne Hierarchisierung, und wer es nutzen möchte, womöglich via Internet, könnte sich treiben lassen auf unheroisch holprigen Wegen, die aber eigene wären. Durch all die Jahre und Phasen. Wenn unser elefantischer Anteil erst einmal aktiviert wird, entsteht mehr und mehr Raum und Tiefe. Wie wollen wir mit unseren Erfahrungen und denen unserer Zeitgenossen umgehen? Lethe heißt einer der beiden Flüsse im antiken Totenreich. Wer aus ihm trinkt, vergisst. Im Anthropozän scheint er an die Oberfläche geraten zu sein. Wie wollen wir leben, jetzt, lethisch oder elefantisch?

Digital Essay Webseite des Literarischen Colloquiums Berlin: lcb.de

Flecken. Walter Höllerer und die Epiphanien der Moderne Heribert Tommek edition text+kritik 2022, 190 S., 29 €

Sprache im technischen Zeitalter Ausstellung in der TU Berlin und der UdK Berlin, bis 04.02.23

„Ich sah, ich hörte“ – Walter Höllerers Lyrik und ihre Orte Ausstellung im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg, verlängert bis 31.03.23

Dieter M. Gräf, geboren 1960, lebt in Berlin. Er veröffentlichte u.a. seit 1985 Gedichtbände. Zuletzt Versetzung des Hirschs in die Dose. Frühe Gedichte in Neufassung als Neuinterpretation seiner drei Suhrkamp-Bände

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