Der seltsame Erfolg der Hörzus

Publikumsliebling Die fünft meist verkauften Zeitschriften in Deutschland sind allesamt TV-Magazine. Wie kann das sein?
Dietrich Leder | Ausgabe 31/2015 5

Gerade sind wieder die aktuellen Verkaufsstatistiken der deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenbranche erschienen. Unter den Publikumszeitschriften rangieren auf den ersten fünf Plätzen – und damit deutlich vor Spiegel und Stern – Titel, die sich ausschließlich der Orientierung über das Fernsehangebot widmen. Programmzeitschriften also, unter denen die älteste schon an ihrem noch aus Hörfunkzeiten stammenden Titel Hörzu erkennbar ist. All diese Magazine bereiten für den Leser die Programme der wachsenden Zahl der Fernsehsender auf, sie bieten also so etwas wie eine Orientierungshilfe im audiovisuellen Wildwuchs. Platz eins belegt TV14 mit einer verkauften Auflage von 2,3 Millionen Stück.

Überraschend ist der anhaltende Erfolg dieser Zeitschriften vor allem deshalb, weil dem klassischen, linear ablaufenden Fernsehen schon lange der baldige Tod prognostiziert wird. Wenn sich Reklamestrategen eines Internetanbieters wie Netflix einer solchen Prognose befleißigen, ist der Grund offensichtlich. Sie wollen ihr Marktmodell eines auf Abonnements gestützten Abrufsystems als zukunftstauglich preisen und das klassische Modell, bei dem Sender ein Programm zusammenstellen, als gestrig schmähen. Auch Marktliberale, die selbst dort vom freien Wettbewerb schwärmen, wo Konzerne längst Duo- und Monopole errichtet haben, loben gerne ein zukünftiges Fernsehen, bei dem der Nutzer jederzeit selbst entscheidet, was er sehen möchte.

Selbstverständlich nehmen Netflix und Konkurrenten wie Amazon Prime, iTunes, aber auch ambitionierte Anbieter wie Mubi dem klassischen Fernsehen Zuschauer weg. Aber noch sind die Verluste marginal.

Im Jubel über die angeblich freie Wahl des Konsumenten wird ein Vorteil des klassischen Programms übersehen. Es bietet allein durch seine Struktur eine erste Orientierung. In der Konkurrenz der diversen Sender haben sich so zu bestimmten Sendezeiten Programmflächen herausgebildet, die bestimmten Erzählformen, aber auch Informationsangeboten gewidmet sind und die der Zuschauer auch ohne großes Suchen findet: Klassisch ist die Programmierung am Sonntagabend, an dem die ARD mit Krimis, das ZDF mit Eskapismus, RTL mit Spielfilmen und Sat1 mit Serien aufwartet. Die konkrete Füllung obliegt dann den Sendern, was mitunter, wie in den Sommerwochen, enttäuschend sein kann, wenn dann einzelne Sendungen und Folgen wiederholt werden, weil denen, die daheimblieben, nichts Neues zugemutet werden soll.

Bei Netflix und Konkurrenten programmiert der Zuschauer selbst. Auch dazu ist er auf Informationen angewiesen, die sind aber rar oder gründen auf Hörensagen etwa über soziale Netzwerke. Die Vorschläge, die von den Anbietern selbst kommen, basieren wiederum auf der Geschichte des jeweiligen Nutzers und sind deshalb oft noch trivialer als die Zuordnung, die Programmierer klassischer Fernsehangebote vornehmen. Dessen scheinen sich viele Zuschauer bewusst zu sein. Sie greifen zu den Fernsehzeitschriften, um vorab auszuwählen, was sie im linearen Programm wann sehen wollen; mitunter auch in der wilden Kombination zweier unterschiedlicher Sendungen, zwischen denen sie hin- und herschalten, um ihnen einen neuen Sinn abzugewinnen. Das lineare Fernsehen erweist sich als langlebiger, als dessen Konkurrenten und manchen Medien-Propheten lieb sein dürfte.

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06:00 12.08.2015
Geschrieben von

Dietrich Leder

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