Die letzte Chance der ARD, jung zu werden

Digitalsender Einen Fernsehjugendkanal wird es nun also doch nicht geben. Für Experimente bleibt jetzt neben ZDFneo nur noch einsfestival – sofern die ARD reformwillig ist
Dietrich Leder | Ausgabe 03/2015 1

Nun wird er also doch nicht verwirklicht, der mit viel Aufwand projektierte Fernsehjugendkanal von ARD und ZDF. Das entschieden vergangenen Oktober die Ministerpräsidenten, obwohl sie die Sache selbst mit angeschoben hatten. Stattdessen soll der Kanal 2016 in der Schrumpfform eines Onlineangebots für Jugendliche starten. Über dieses medienpolitische Kasperltheater und sein überraschendes Ende wurde ganz vergessen, welche Folgen es für die Digitalsender von ARD und ZDF hat.

ZDFkultur, das aufmüpfigste und vitalste aller neueren öffentlich-rechtlichen Fernsehangebote, gab das ZDF schon mit Beginn der Jugendkanalplanungen im Februar 2013 preis. Seitdem wird der Sender mit Wiederholungen bespielt, ehe er zum Start der Onlineplattform für Jugendliche ganz eingestellt wird. Einige wenige Sendungen fanden beim zweiten Digitalableger, ZDFneo, Unterschlupf. Auf vieles andere wurde verzichtet. Vor allem auf eine Sendefläche, auf der das ZDF neue Programmideen ohne Quotendruck ausprobieren kann. Die ARD wiederum muss ihren Digitalkanal EinsPlus einstellen, der zunächst nichts als ein Sammelsurium aller in den Dritten Programmen ausgestrahlten Service- und Wissenssendungen war. 2012 hat ihn der Südwestrundfunk in Richtung eines Angebots für Jugendliche modifiziert, was diese aber nicht bemerkten.

Neben den beiden Nachrichtenkanälen tagesschau24 und ZDFinfo bleiben damit ZDFneo und einsfestival (vormals EinsFestival) übrig. Man kann sich des Eindrucks schwer erwehren, dass in all diese neckischen Schreibweisen, die groß und klein, verbunden und getrennt immer variieren, leider oft mehr Energie und – so ist zu fürchten – auch Geld gesteckt wird als in das, was dann unter diesen Namen gesendet wird.

einsfestival, das der Westdeutsche Rundfunk für die ARD betreibt, sendet derzeit ein reines Wiederholungsprogramm, das viele aktuelle Sendungen des Ersten, aber auch der Dritten Programme zeitnah wiederholt. Hier läuft Der Tatortreiniger mit Bjarne Mädel dann nicht wie im NDR-Fernsehen um 22 Uhr, sondern zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr. Warum aber sollte ein Zuschauer, der einen Tatort oder eine Folge von Mord mit Aussicht verpasst hat, auf die Wiederholung von einsfestival warten, wenn er sie in den Mediatheken frei und zu jeder für ihn passenden Sendezeit ansehen kann?

So wird einsfestival sich reformieren müssen. Die beste Option wäre, den Kanal als Experimentierfläche für ungewöhnliche und meinetwegen auch „jugendaffine“ Sendungen – das Lieblingswort der Planungskader – zu öffnen. In den Dritten Programmen mit ihren unendlichen Chartshows, den auf Dauer arretierten Tatort-Wiederholungen und der Heimatfolklore ist dafür schließlich kein Platz. Gleiches gilt für das Erste, das sich mit seiner Betondecke aus Talkshows vor Jahren schon um die letzten Möglichkeiten gebracht hat, wenigstens am späteren Abend neue Sendeideen auszuprobieren. Zu diesem Zweck bedarf es einiger Investitionen und auch des Willens aller ARD-Sender, eine solche Experimentierfläche zu bespielen, statt dem eingefleischten föderalen Egoismus zu frönen, demnach eine gute Sendung lieber nicht zustande kommt, als dass sie in einem Digitalkanal zu ihrer Öffentlichkeit findet.

einsfestival ist vielleicht eine letzte Chance der ARD, sich wirklich zu verjüngen. Die geplante Onlineplattform für Jugendliche wird ein rundfunkpolitisches Desaster.

06:00 28.01.2015
Geschrieben von

Dietrich Leder

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