Die Lust am Kino

Medientagebuch Die Duplizität der zeitgeschichtlichen Ereignisse in der Erinnerung. Oder Baader, Barschel und der Tod

Im Abstand von einer Woche erinnerte die ARD an zwei unterschiedliche, sich dennoch mehrfach berührende Karrieren. Es handelt sich in beiden Fällen um Männer, die von Soldaten auf Kriegsurlaub gezeugt wurden, deren Väter im verbrecherischen Krieg der Nazis wenig später ihr Leben ließen. Diese Männer wuchsen in den fünfziger Jahren vaterlos auf, galten als besonders und als talentiert. Beide beschlossen, ihren eigenen Weg zu gehen. Und beide gehörten zur Überraschung aller in ihren Gruppen trotz fehlenden Stallgeruches oder fehlender strategischer Fähigkeiten zu den Anführern. Beide wirkten im hohen Maße auf die Bundesrepublik Deutschland ein. Beide, die gerade mal ein Lebensjahr trennte, starben im Abstand von exakt zehn Jahren jeweils unter Rätseln, die besonders von den Angehörigen, die in beiden Fällen nicht an den Selbstmord glauben wollten, immer wieder aufgefrischt werden.

Gemeint sind Andreas Baader (geboren 1943, gestorben 1977) und Uwe Barschel (geboren 1944, gestorben 1987). Man kann ihre Biografien als Überanpassung und komplette Verweigerung dessen lesen, was die junge Bundesrepublik ihren heranwachsenden Staatsbürgern Mitte der sechziger Jahre anbot. Der eine stieg in jungen Jahren zum Ministerpräsidenten in Schleswig-Holstein auf, wo die bürgerlich-adelige Gesellschaft das Sagen hatte. Dennoch spürte er, dass die ihn, den Aufsteiger, nicht allzu ernst nahm, obgleich er sich anstrengte, die Regeln und Codes zu lernen. In Fernsehbildern erkennt man bei genauerem Hinsehen, wie er sich immer wieder prüft: ob der Anzug sitzt, das Lächeln für die Kameras angeschaltet ist. Dieses Spiel kostete Kraft, Psychopharmaka stabilisierten in seiner Amtszeit Körper und Seele.

Der andere gab das böse Kind, das die Schule abbricht, in Künstlerkreisen verkehrt, auf Provokateur macht, der riskante Spiele mit Männern und Frauen, Drogen und dann auch mit Waffen trieb. Auch er stieg auf, weil er im richtigen Moment an der richtigen Stelle war. Er, dem vieles Intellektuelle fremd war, avancierte zum Anführer einer intellektuellen Gruppe, die dem Staat den Krieg erklärte. Doch dieser Krieg war für ihn schneller verloren, als er begonnen wurde. Es folgten Nachhutgefechte, in denen dieser Mann aus dem Gefängnis seine Gefolgsleute zu immer neuen Taten anstachelte, die eben nichts mit den ehemals ausgegebenen Zielen und Zwecken zu tun hatte. In den Tonbandmitschnitten des Stammheimprozesses, die dieser Tage aus Archiven ausgegraben wurden, ist seine Stimme zu hören, ein kühler Provokateur, der mit der Befreiung von allen Regeln kokettiert.

Beide wurden tot aufgefunden. Der eine lag erschossen in seiner Zelle, der andere lag vergiftet in der Badewanne eines Genfer Hotels. Die Umstände ihres jeweiligen Todes sind dubios. Da wurde fehlerhaft ermittelt, da wurden Details vorschnell interpretiert, da wurden ganze Themenkomplexe außer Acht gelassen. In beiden Fällen wurden die Akten geschlossen, da es sich jeweils um eine Selbsttötung gehandelt haben soll. Und tatsächlich finden sich viele Gründe, die für eine Selbsttötung sprechen. Bis dahin, dass ihnen beiden gemeinsam gewesen sein könnte, dass sie eben diese Selbsttötung mit einem oder mehreren Rätseln versehen wollten, um auch in der Nachwelt eine Rolle zu spielen, gleichsam als Geister in der bundesrepublikanischen Gesellschaft herumzuspuken.

Die zweiteilige und insgesamt 180-minütige Dokumentation Die RAF von Stefan Aust und Helmar Büchel sowie das 45-minütige Feature Der Tod des Uwe Barschel von Patrik Baab, Andreas Kirsch und Stephan Lamby versuchten die Ereignisse, die zu den Toden in Stuttgart-Stammheim und in Genf führten, zu rekonstruieren. Verblüffend, wie viele Rätsel bis heute nicht gelöst sind. Aust und Büchel verschärften den Verdacht, der allerdings schon älter ist, dass man die RAF-Gefangenen abgehört hatte. Der Barschelfilm verweist auf das große Feld dubioser und krimineller Waffengeschäfte, in die nicht nur Uwe Barschel sondern auch eine Granden seiner Partei verstrickt waren. In beiden Fällen ist erstaunlich, wie bestimmte Sektoren in den Ermittlungen nicht ausgeleuchtet, sondern stellenweise immer noch systematisch vernebelt werden. Während im Fall der RAF vor allem die Frauen und Männer auffielen, die nichts aussagten oder eben auch nicht befragt wurden (Otto Schily zum Beispiel schweigt darüber seit Jahren), waren es im Barschel-Film die obskuren Figuren, die als Zeugen auftraten wie beispielsweise der Agent Mauss, der Sterbehelfer Atrott oder der allen Seiten mit Verdächtigungen, Unterstellungen und Diffamierungen dienende Rainer Pfeiffer. Und vergessen sei nicht der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl, der mittlerweile an eine Ermordung von Uwe Barschel glauben will, aber in eigener Sache seiner Millionenspenden bis heute jede Auskunft verweigert.

Beiden Filmen merkte man jenseits allen Aufklärungsinteresses die Lust am großen Kino an, das sie allerdings nicht beherrschten. Bei den einen waren es die Kamerakräne, die sich an den Orten der Schleyer-Entführung hoch- und herunterbewegten sowie eine Musiksuppe, die dramatische Akzente setzen sollte. Bei den anderen waren es nachgestellte Szenen, die in ihrer inszenatorischen Qualität an die Billigkrimis von Sat1 (Lenssen Partner) erinnerten. All dessen bedürfte es nicht angesichts der Rätsel, die es um beide Biografien bis heute gibt. Ein Teil der bundesrepublikanischen Geschichte ist noch nicht geschrieben.


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Geschrieben von

Dietrich Leder

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