Ein Krimi zu viel

Medientagebuch Ein ungewöhnliches Format in ungewöhnlicher Reihung, das leider unglücklich programmiert wird: Über die lose Reihe "Nachtschicht" von Lars Becker im ZDF

Seit 2003 legte Lars Becker als Drehbuchautor und Regisseur jeweils nur eine Folge der von ihm selbst entwickelten Krimi-Reihe Nachtschicht pro Jahr vor. Sie wurden zumeist am Anfang des Jahres am Montagabend um 20.15 Uhr vom ZDF ausgestrahlt, das die Reihe finanziert. Doch in den letzten zwölf Monaten hat Becker aus unbekannten Gründen die Frequenz erhöht. Im Januar 2010 lief die Folge Wir sind die Polizei. Noch vor wenigen Monaten wurde im November eine weitere unter dem Titel Das tote Mädchen gesendet. Und nun zeigte das ZDF am 17. Januar Ein Mord zu viel. (Dieser Film ist in der Mediathek des Senders noch bis einschließlich Sonntag, den 24. Januar kostenlos anzuschauen.)

Die besondere Qualität der Reihe liegt in der Besetzung und der Schauspielführung. Das beginnt beim vielköpfigen Team des Hamburger Kriminaldauerdienstes, dessen Fälle einer Nacht die Folgen erzählen. Zu ihm gehören Armin Rohde, endlich einmal nicht in einer komischen Rolle, Barbara Auer und Minh-Khai Phan-Thi. Den Ermittlern treten in jeder Folge prominente Gäste zur Seite. In Ein Mord zu viel brillierte Joachim Król – befreit von den engen Serienrollen, in die man ihn in den letzten Jahre sperrte – als servil-ängstlicher Anwalt. Neben ihm agierte Misel Maticevic als Totschläger in bekannter physischer Präsenz. Katja Flint und in einer Bufforolle Olli Dittrich ergänzten das Ensemble.

Eine zweite Qualität der Reihe besteht im Erzähltempo. Die Fälle entwickeln und lösen sich in den Stunden der jeweiligen Nachtschicht, die der Reihe den Titel gab. Das hat den Vorteil, Hamburg über weite Strecken bei Nacht oder in der Dämmerung zeigen zu können. So entstehen dank Kameraleuten wie Andreas Zickgraf oder Ngo The Chau Stadtansichten, die eher zu den Krimigeschichten zu passen scheinen als die üblichen Postkartenansichten etwa vieler Tatort-Folgen. Wie viele Polizeiserien und -reihen in Nachfolge von US-Produktionen wie Hill Street Blues, NYPD Blue oder seit 2002 The Wire erzählt Nachtschicht seine Geschichten multiperspektivisch. Die Erzählung fächert sich auf, weil sie nicht nur den Spuren der Polizisten – einzeln, zu zweit oder im Team – folgt, sondern auch jenen der Täter oder der von in die Tat verwickelten Personen.

Große Konkurrenz

Ein weiteres Merkmal der Filme von Lars Becker ist der trockene Witz. Viele Dialoge werden auf Pointen verknappt, in denen Floskeln und Redewendungen ernst genommen und damit ins Ab­surde überführt werden. Dass der Witz sich mitunter mancher Stereotypen bedient, sei nicht verschwiegen, ist aber angesichts der Fülle der Pointen zu verschmerzen. Problematischer scheint zu sein, dass Becker seine Fälle gelegentlich überkonstruiert. In Ein Mord zu viel musste der Sexualstraftäter noch ein weiteres Mal während der Nachtschicht zuschlagen, was weniger in dessen Handlungslogik lag als am Drehbuch, das seine Geschichte in einer Nacht beenden musste.

Bei all dieser Kritik gehört die Reihe Nachtschicht weiterhin zu den besten Produktionen von regional angesiedelten Krimis, die das ZDF montags als Film der Woche zeigt. Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob der öffentlich-rechtliche Sender, dessen Programm mit Krimiserien aller Art übervoll ist, wirklich gut beraten ist, auch diesen Montagtermin mit Kriminalistischem weitgehend zu bepflastern. Denn private Sender wie Vox und Kabel1 bieten zu dieser Zeit mit amerika­nischen Serien eine Aufsehen erregende Konkurrenz.


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