Geschwätzpause

Fernsehprogramm Zur Abwechslung lässt die ARD im Sommer Qualität zu

Früher, als alles besser war, regte sich in jedem Sommer das Boulevardblatt Bild nicht nur über das Wetter, sondern auch über das Fernsehprogramm auf. Damals gab es nur öffentlich-rechtliche Sender, und weil Bild sich kommerzielle Konkurrenz wünschte, drosch das Blatt auf ARD und ZDF ein, weil sie in den Sommerwochen auf Neuproduktionen verzichteten, stattdessen alte Sendungen selbst zur besten Sendezeit wiederholten. Dann brach das Privatfernsehen über uns herein und bescherte uns Sex und Drugs und Stefan Aust. Im Sommer wiederholten die neuen Kanäle noch drastischer als die öffentlich-rechtlichen altes Zeug, weil für ein auf Gewinn orientierten Sender die absoluten Zuschauerzahlen wichtiger sind als für die anderen. Bild schwieg nun über die Wiederholungsorgien, über die es sich früher so entrüstet hatte.

Das öffentlich-rechtliche System passte sich in den 1990er Jahren der kommerziellen Konkurrenz immer stärker an. Das verwässerte und trübte zugleich das eigene Angebot. Immer mehr derselben populären Sendeformen wurden etabliert und verdrängten all das, was nicht eingängig ist. Zuletzt legten die Verantwortlichen gleichsam einen Betondeckel aus fünf Talkshows auf das Abendprogramm, damit auch noch der allerletzte Dokumentarfilm und der selbst in Auftrag gegebene Spielfilm in die Nacht verschwänden. Dass die Talkshowschwemme keiner Programmidee folgt, sondern nur den faulen Kompromiss zwischen Intendanten abbildet, ist mittlerweile und damit nach mehr als einem dreiviertel Jahr selbst den Aufsichtsgremien aufgefallen. Es bleibt spannend, zu welchem Ergebnis ihre Kritik an den Talkshows führt. Aber selbst eine Reduktion um eine Ausgabe ändert nichts daran, dass in den verbleibenden Sendungen dieselben Teilnehmer immer wieder dieselben Themen durchkauen.

Entpolitisierung des Programms

Im Sommer ruhen nun die Heroen der Quasselfront. Und so entsteht die schöne Situation, dass man in einer Zeit, in der immer noch viel – etwa beim Tatort – wiederholt wird, ungewöhnliche Sendungen zu ungewöhnlichen Zeiten finden kann. Etwa Dokumentarfilme in der ARD am Dienstagabend bereits um 22.45 Uhr; vor Wochen lief die leise und bedächtige Erkundung Livland von Volker Koepp. Dieser Tage zeigte der WDR seine Langzeitbeobachtung des Streits um den Bau einer Moschee in einem Kölner Vorort unter dem Titel Allah in Ehrenfeld von Birgt Schulz und Gerhard Schick. Noch werden einige wenige Filme dienstags folgen, ehe dann die Olympischen Spiele über ARD und ZDF hereinbrechen.

Parallel dazu gab es donnerstags zur selben Uhrzeit unter dem Titel eine Reihe von Spielfilmen junger Regisseure zu sehen, die von ARD-Anstalten koproduziert wurden. Darunter so spannende Arbeiten wie die psychische Studie einer verlassenen Frau von Jan Schomburg (Über uns das All), der Psychokrimi Was Du nicht siehst von Wolfgang Fischer oder der Sportfilm Hangtime von Wolfgang Groos. Alles Filme, die auch zur besten Sendezeit ihr Publikum finden und fesseln würden, die aber nur im Sommer ihre Chance am späteren Abend erhalten.

Nach Olympia erstrecken sich dann die wenigen dokumentarischen Anstrengungen in der ARD wieder auf willfährige Porträts populärer Zeitgenossen in Deutschland, Deine Künstler. Die fortgeschrittene Entpolitisierung des Programms, das Streitthemen nur noch im Geschwätz der Talkshows kennt, zeigt sich im Sommer, wenn es einmal für Wochen anders sein darf.

Dietrich Leder schreibt in dieser Rubrik von allem Anfang an

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