Hecheln auf dem Parkett

Medientagebuch Das ist die große, bunte Aktien-Show, die alles grau und trostlos macht: "Börse im Ersten" in den Zeiten der Krise

In diesen Tagen und Wochen ist eine Sendung auf Moll getrimmt, die seit ihrem Start im November 2000 zum Fidelsten gehört, was die ARD seinen Zuschauern bietet. Gemeint ist die vom Hessischen Rundfunk redaktionell betreute Börse im Ersten, die jeden Tag nach dem ausführlichen Wetterbereicht und vor der Tagesschau zu sehen ist. Eingeführt wurde die Sendung zu Zeiten des Börsenbooms, was ihren grundsätzlichen Defekt erklärt. Börse im Ersten will nicht nur über aktuelle Daten berichten, die mit den Werten der im DAX gehandelten Unternehmen bis heute als Laufschrift von rechts nach links durch das Bild laufen. Sie will auch für das Unternehmen Börse und die Einrichtung Aktie werben.

So schwärmte in den ersten Monaten vor allem ihr Gründer und Redaktionsleiter Frank Lehmann werktäglich von den steigenden und fallenden Kursen so, als wäre das Börsengeschehen ein Sportereignis. Lehmann pflegte ein Parlando, mit dem er die komplexe Domäne des Aktienhandelns in einfache Worte übersetzte und zugleich überzuckerte. Kein Sprichwort, keine Floskel war zu billig, um das Auf und Ab des Kursverlaufs zu verkaufen. Um sich nicht selbst mit Prognosen aus dem Fenster zu legen, hat er das Interview eingeführt, in dem führende Analysten deutscher Banken Auskunft zu Trends und Perspektiven der Wirtschaft im allgemeinen und einzelner Firmen und Börsenwerten im besonderen geben. Dieses Experten-Interviews sollen der kurzen Sendung Seriosität verleihen, verbürgt durch die hochtrabenden Titel, die Apologeten des Aktienhandelns gerne tragen.

Dass Analysten nichts analysieren, sondern das angeblich Analysierte in erster Linie verkaufen wollen, hat die Sendung niemals angedeutet. Ebenso erfuhr man dort bis zum heutigen Tag nicht, dass Rating-Agenturen nichts interpretieren, sondern nur raten, wie es vielleicht im Innern einer Bank oder einer Versicherung aussehen mag.

Selbst in der ARD wurde das Raunen, das die Sendung um die Börse trieb, nicht unkritisch gesehen. Im ARD-Jahrbuch 2001 schrieb eine Kollegin von Lehmann kritisch über Börse im Ersten: "Hobby-Anleger mit gesundem Halbwissen kriegen hier den Tag erklärt und verstehen plötzlich, dass man an der Börse nicht immer alles verstehen muss." An der Sendung änderte diese subtile Kritik nichts. Vermutlich weil Lehmann mit seinem Stil populär war und selbst dann blieb, als er von den einst hochgejubelten Aktien nur Böses und Schlimmes vermelden konnte. Und populär muss die Sendung sein. Sie läuft im Werberahmenprogramm der ARD. In den Minuten vor der Tagesschau, vom Wetter über die Börse, kassiert das Erste Programm die höchsten Einnahmen für Werbespots. Mit der Einführung der Sendung gewann man Werbekunden, die bislang nicht im Fernsehen auf sich aufmerksam machen wollten.

Noch heute, in der Hausse der Finanzmarkt-Krise, tummeln sich um die Sendung Werbespots von Banken und Versicherungen. Sie versprechen, dass bei ihnen nur der Mensch oder der Kunde unterm oder ohne Strich zähle. Und: dass sie diejenigen seien, auf die man oder mit denen man bauen könne. Es wird immer noch mit satten Zinssätzen gewunken, die weit über der Inflationsrate liegen. Da passt es, dass das Wetter im Ersten von einer Kaufhauskette gesponsert wird, deren Aktienkurs derzeit gen Abgrund taumelt.

Frank Lehmann ist vor zwei Jahren in Pension gegangen. Seine Nachfolger haben die Masche des volkstümlichen Bramarbarsierens übernommen. Vor allem Anja Kohl befleißigt sich eines Tonfalls, der zwischen Märchentante und Horoskopdeuterin pendelt. Die Sendung Switch auf Pro7 imitiert ihre mit hervortretenden Augen und leicht hessischem Akzent vorgetragenen Banalitäten wunderbar. Michael Best hingegen, der von Lehmann die Redaktionsleitung übernommen hat, gibt eher den Sachwalter der klaren Information. Am Gestus der Sendung ändert das wenig, die derzeit den Krisen des Finanzmarktes atemlos hinterherhechelt, wie ein übergewichtiger Marathonläufer dem Hauptfeld.

Tatsächlich kann eine werktägliche Sendung, die so tut, als käme sie live von der Börse, die zum Ausstrahlungszeitpunkt längst geschlossen ist, nichts als zu spät kommen. Wer spekuliert, setzt auf den Kursverlauf in Echtzeit, wie ihn alle Nachrichtenportale im Internet anbieten. Und selbst diese Live-Information bleibt nur eine Fiktion, da sie suggeriert, der Aktienbesitzer könne sofort reagieren, als sei er selbst ein Händler und nicht nur Kunde, der stets des Händlers bedarf. Derzeit versucht die Börse im Ersten die Zuschauer zu beruhigen. Jede Panikattacke angesichts der zu berichtenden Börsennotierungen und Bankenneuigkeiten soll von vornherein ausgeschlossen werden. War die Sendung einst ein heiteres Aphrodisiakum, mit dem den Zuschauern die Lust auf Spekulation eingeimpft werden sollte, ist sie derzeit ein bittertristes Sedativum, das ihnen nun jede Hektik in Finanzdingen austreiben möge. Eine Show war sie immer und bleibt sie allemal.

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Geschrieben von

Dietrich Leder

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