Politiker reden, Schüler chatten

MEDIENKOMPETENZ Wer muss hier eigentlich wem die Benutzung des Computers erklären?

Wenn einem Politiker derzeit nichts mehr einfällt, fordert er, dass mehr Computer und Internetanschlüsse in die Schulen einzögen. Der größte Missstand im Erziehungs- und Bildungssystem scheint in der Tatsache zu bestehen, dass die Schulen dieses Landes ihre Schüler nicht oder zuwenig im Umgang mit dem Computer schulten. Nun sieht es im Gerätepark der meisten Schulen Deutschlands eher arm und karg aus. Betagte Videorecorder, dejustierte Fernsehgeräte, vielleicht auch noch alte, im Betrieb laut kreischende 16mm-Projektoren und - wenn es hochkommt - etwas altertümliche Rechner, an denen der Informatikunterricht für die Oberstufe abgehalten wird. Mehr nicht. Gewiss, jede Investition ist hier willkommen und schafft Abhilfe. Aber warum wird so massiv die Forderung laut, jeder Schüler solle ein eigenes notebook in den Tornister bekommen oder jede Schule müsse umsonst und auf Dauer ans Netz?

Ich fürchte, dass diejenigen, die mit solchen Forderungen ein behauptetes Problem lösen wollen, selbst das Problem darstellen. Es sind nämlich die Politiker, die nicht mit dem Computer umgehen können, weshalb sie sich gleich für die Tagespresse und die Ewigkeit ablichten lassen, wenn sie mal chatten oder eigenhändig eine e-mail verfassen. So oft geschieht das halt nicht. Indem sie fordern, die Jugend solle besser am Computer geschult werden, meinen sie im Grunde sich selbst. Sie wären gerne so kompetent, wie sie sich selbst nach außen geben. Um ihre Unsicherheit - und vielleicht die Angst, durch eine dumme Frage eines Kindes auf dem falschen Fuß der Unwissenheit erwischt zu werden - zu kaschieren, fordern sie die große Bildungsoffensive.

Wer aber bitte soll die Kinder und Jugendlichen in diesen Dingen unterrichten? Den meisten Lehrern geht es doch ebenso wie den Politikern. Sie weichen jedem Gespräch über den Computer und seine Nutzung aus, weil sie befürchten, dass ihre Educanden ihnen haushoch überlegen sind. Ehe sie selbst das Wort "world wide web" ausgesprochen haben, sind die Gören schon längst drin. Ehe sie den Begriff "Avatar" im Lexikon nachgeschlagen haben, ist ein solcher schon längst von einem Pennäler entwickelt worden. Und noch ehe sie über den "Quellcode" nachgedacht haben, tauscht sich die halbe Klasse über die Möglichkeit aus, ihn zu knacken.

Selbstverständlich gibt es unter den Schülern große Wissensunterschiede, die durch Klassen-, Geschlechts- und Einkommenszugehörigkeit bestimmt sind. Und selbstverständlich gilt es, diese tendenziell im gesellschaftlichen Erziehungsprozess aufzuheben. Aber in der Regel ist die kollektive Kompetenz einer zehnten oder elften Schulklasse der ihrer Lehrer überlegen. Deshalb wäre es sinnvoll (und an einigen Schulen geschieht das ja bereits auf beispielhafte Weise), dass diese kollektive Kompetenz der Schüler zum Selbstunterrichten etwa in Arbeitsgemeinschaften genutzt wird. Solche Arbeitsgemeinschaften benötigen nicht unbedingt Rechner der Schule, sondern können die privat vorhandenen und durchschnittlich nur wenige Stunden am Tag genutzten Computer zuhause verwenden. Der Unterricht in der Schule müsste hierzu das analytische Vermögen als Basis- und Reflexionswissen stärken. So wie eine allgemeine Medienkompetenz, nach der ebenso oft gerufen wird wie nach den Computern, weniger der Abwehr jeweils aktueller Trends (Big Brother, Horrorvideos etc.pp.) dienen kann als vielmehr die Grundlagen schaffen muss, mit denen die Schüler die Ökonomie, die Technik, die Struktur und die Wirkung von Massenmedien analytisch aufzuschließen vermögen.

Statt also Computer in die Schulen zu verfrachten, wo sie vermutlich erst dann ankommen, wenn ihre Prozessoren endgültig für jede Netzanwendung zu langsam geworden sind, wäre es sinnvoll, man schaffte für das Lehrerzimmer eine industrie-unabhängige Zeitschrift wie "c´t" an, um die Erzieher für das Thema erst einmal zu sensibilisieren. Und die Politiker? Ach, sie werden sich bald ein neues Steckenpferd suchen, mit denen sie durch die Gazetten reiten wollen. Bis dahin haben sie es ja vielleicht gelernt, mit dem Computer umzugehen.

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