Wie sieht Strahlung aus?

Medientagebuch Während sich das Fernsehen an den Bildern von Tsunami und Zerstörung aus Japan kaum sattzeigen kann, lässt sich die atomare Bedrohung schwer zeigen. Eine Bildkritik

Ein großer Gegensatz kennzeichnet die Berichterstattung des Fern­sehens über die Vorgänge in Japan. Da war zum einen ein Übermaß an Bildern, die den Tsunami schon als riesige Flutwelle zeigten. Danach stieg die Zahl der Bilder, die nach der Flut aufgenommen wurden: Stadtviertel waren dem Erdboden gleichgemacht, Hausreste, Autos, Boote und Lastwagen erschienen als uneinnehmbarer Kordon. Noch später kamen Bilder hinzu von Menschen, die in den Trümmern nach Angehörigen suchten oder nach Resten ihres Besitzes, Rettungskräfte fahndeten nach Überlebenden.

Den Live-Bildern von der Flut und ihren Folgen wohnt ein hoher ästhetischer Reiz inne. In ihnen wirken die Gegenstände, die von der Flut mitgerissen und mühelos verformt werden wie Spielzeuge in einer Modellwelt. Beim Betrachten bestaunt man die Gewalt, die einen Lastwagen um einen Mast wickeln kann oder eine Hochseeyacht unter eine Brücke drückt und zum Zerbersten bringt. Erst der mitunter erfolgende Schwenk zur Seite auf die Menschen, die mit demjenigen, der hier die Kamera führt, versammelt sind, ruft abrupt in Erinnerung, dass die Flut Opfer kostet und der Schrecken real schwer auszuhalten sein muss.

Es ist dieser ästhetische Reiz, der die Fernsehanstalten solche Bilder zu Clips montieren und – wie im heute journal geschehen – gar mit stimmungsvoller Musik (Teardrop von Massive Attack) unterlegen lässt. Ein Reiz, dem der sich hingeben kann, der aus sicherer Entfernung dem Unglück anderer zuschaut und sich in ihrem Anblick als jemanden erfährt, der lebt und überlebt.

Wassermühle des 19. Jahrhunderts

Zum anderen, und damit zum Gegensatz, herrscht eine absolute Bildarmut, was die Vorgänge in den Atomkraftwerken angeht. Die ersten Explosionen der Reaktoren in Fukushima waren nur in Tele-Einstellungen zu sehen, also aus weiter Ferne. Man musste sie mehrfach betrachten, um die Wucht der Explosionen verstehen zu können, die sie vermitteln sollten. Lag der Reiz der Flut­bilder gerade in ihrer keiner Erklärung bedürfenden Überwältigung, musste der Betrachter bei den pixeligen Explosionsaufnahmen wissen, was es dort zu sehen gab, um sich dieser Drastik bewusst zu werden.

Gänzlich unsichtbar bleibt dagegen die Strahlung der freiwerdenden radioaktiven Substanzen, die durch die Explosion in die Luft gelangten. Um die unsichtbare atomare Bedrohung zu illustrieren, wurden also Bilder gezeigt, in denen Menschen mit Geigerzählern untersucht werden. Die gemessenen Werte selbst haben die Bilder nicht erfasst – es ging eben nicht um die konkrete Bedrohung durch die Strahlung, sondern um ihre Existenz und die staatliche Schutzhandlung.

Die Bilderarmut von der atomaren Katastrophe ist von Staat und Betreibergesellschaft zwar auch erwünscht – sie ist aber eine Folge der Undarstellbarkeit dessen, was in den Reaktoren vorgeht. Solche Abläufe entziehen sich ob der Temperaturen wie der Strahlung einer Erfassung durch Kameras, die in unserer gut überwachten Welt sonst den Eindruck vermitteln, alles erfassen und wiedergeben zu können.

An die Stelle dokumentarischer Bilder treten so einfache Zeichentrickfilme, in denen der funktionierende Reaktorbetrieb wie eine Wassermühle des 19. Jahrhunderts wirkt, während die Katastrophe der Kernschmelze in neckisch wirkenden Explosionseffekten ausgeführt wird. Und noch im so harmlos klingenden Sprachbild der „Kernschmelze“ schimmert durch, dass es für das, was da möglicherweise geschehen ist und geschieht, gar kein Bild gibt und geben kann.

Dietrich Leder ist Professor an der Kunsthochschule für Medien Köln

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